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Allgäu

21.05.2019

Kripo ermittelt nach Explosion wegen fahrlässiger Tötung

Zwei Tage nach der Explosion im Ostallgäuer Ort Rettenbach gehen die Such- und Aufräumarbeiten weiter.
Bild: Martina Diemand

Nach dem Unglück in Rettenbach haben Anwohner Angst: Kann ihnen ebenfalls so etwas passieren? Experten versuchen zu klären, wie es zur Tragödie kommen konnte.

Sorge macht sich breit bei manch einem Anwohner in Rettenbach am Auerberg. Ein Haus, das selbst gar nicht an das Flüssiggasnetz im Ort angeschlossen war, fliegt bei einer Gasexplosion in die Luft. Zwei Menschen sterben, eine Frau erleidet schwerste Verletzungen. Die Hauptleitung muss weg, fordert ein Nachbar, der namentlich nicht genannt werden möchte. Kriminalpolizei, Bürgermeister und der Flüssiggasanbieter aber sind sich einig: Für die Bewohner der Gemeinde besteht offenbar keine weitere Gefahr. Die verschlossene Zuleitung zu dem betroffenen Gebäude war nach derzeitigem Stand der Ermittlungen bei Bauarbeiten auf dem Grundstück komplett durchtrennt worden. Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei ermitteln wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt.

Eine Hauptringleitung für Flüssiggas führt durch das Wohngebiet in Rettenbach, in dem am Sonntag das Unglück geschah. Wer will, kann sich an die Versorgung anschließen lassen. Bei dem explodierten Gebäude war das nicht der Fall. Zwar zweigte ein Arm von der Hauptleitung zu dem Wohnhaus hin ab, dieser endete aber etwa einen Meter vor der Kellerwand in 80 Zentimetern Tiefe, erklärt Michael Haber, Leiter der Kemptener Kriminalpolizei. Und eben jene Zuleitung sei durchtrennt worden, dem Anschein nach mit einer Baggerschaufel. „Zuletzt fanden auf dem Grundstück offenbar vor zwei Jahren Bauarbeiten statt“, sagt Haber. Dabei habe es sich nach Angaben von Bürgermeister Reiner Friedl nicht um Arbeiten der Gemeinde gehandelt.

Wie lange strömte das Gas in Rettenbach bereits aus der Leitung?

Dass seit zwei Jahren tatsächlich Gas ausgetreten ist, halten die Ermittler aber für unwahrscheinlich. Es könne sein, dass die Öffnung vom Erdreich oder durch ein Sicherheitsventil verschlossen worden ist. Erdbewegungen oder eine Erschütterung hätten dann möglicherweise dafür gesorgt, dass das Gas austrat. Es sickerte ins Erdreich ein und gelangte nach derzeitigen Erkenntnissen entweder durch eine Rohrleitung oder den Kellerlichtschacht in das Gebäude. „Wenn Gas eine gewisse Sättigung erreicht, genügt ein elektrischer Zündfunke für eine Explosion“, sagt Haber. Das könne das Anknipsen des Lichts genau wie das Anschalten einer Waschmaschine sein. Gas wird ein strenger Geruch beigemischt. In diesem Fall könnte aber das Erdreich wie ein Filter gewirkt haben. Zeugen hätten allerdings einen leichten Gasgeruch wahrgenommen, sagt Haber. Die Beamten wollen nun herausfinden, wann genau die Leitung beschädigt wurde und wann das Gas ausgetreten ist. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft ermitteln wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Die Polizei Marktoberdorf sucht mit der örtlichen Feuerwehr das derzeit abgesperrte Trümmerfeld nach Wertsachen und persönlichen Gegenständen der Familie ab.

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Dass es in dem 900-Einwohner-Dorf zu weiteren Gasunglücken kommt, sei nicht zu vermuten, sagt Haber. Das Schadensbild, also die durchtrennte Leitung, lasse auf die Bauarbeiten als Ursache schließen. Auch Bürgermeister Friedl betont: „Die Staatsanwaltschaft hat die Leitung freigegeben und die Betreiberfirma hat jedes Haus überprüft.“

Der Bürgermeister von Rettenbach hat seit der Explosion kaum ein Auge zugemacht

Seit der Detonation und dem Einsturz des Hauses hat der Bürgermeister kaum mehr ein Auge zugemacht. Auch von Montag auf Dienstag war er wieder die ganze Nacht im Einsatz. Es gibt so unglaublich viel zu tun. „Wir sind hier die zentrale Anlaufstelle und koordinieren alles“, sagt Friedl. Gerade hat er mit einer Versicherung verhandelt, die Geschädigte auf nächste Woche vertrösten wollte. „Für so etwas habe ich kein Verständnis.“ Friedl kümmert sich. Bei den Betroffenen seien zu viele Emotionen im Spiel. Nun will die Versicherung doch gleich tätig werden.

Der Bürgermeister organisierte auch eine Kleiderspenden-Aktion. Der Mieterin einer Einliegerwohnung in dem durch die Explosion völlig zerstörten Haus ist laut Friedl nichts geblieben als „die Sachen, die sie am Körper trug“. Zum Zeitpunkt des Unglücks war die Frau außer Haus. Insgesamt drei Nachbargebäude wurden bei der Detonation beschädigt, eines davon sehr stark. Das Vordach dieses Gebäudes war einsturzgefährdet und musste abgestützt werden, aus der Fassade wurden teils große Stücke herausgesprengt. Das Haus ist nicht mehr bewohnbar, sagt Friedl. Die Besitzer sind im Dorf untergebracht.

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