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Projekt

08.06.2015

"Kuchentratsch": Diese Frauen backen gegen Geldnot und Einsamkeit

Zusammen mit der jungen Praktikantin Vera Köhler (von links) bereiten Renate Scheuerer, Inge Scheibel, Theresia Allmenröder, Erika Potrz und Regina Inkmann für ihr Projekt „Kuchentratsch“ leckere Backwaren zu.
Bild: Ulrich Wagner

Viele Senioren kennen das Gefühl, im Alltag nicht mehr gebraucht zu werden. Und das Geld reicht auch oft nicht ganz. Zwei junge Frauen haben in München eine Lösung gefunden.

Schokoladencookies. Rentnerin Regina Inkmann studiert das Rezept. Die hat sie noch nie gebacken. „Macht nichts“, sagt die Seniorin aus München. „Ich backe alles.“ Einmal die Woche kommt sie zum Münchner Sozialprojekt „Kuchentratsch“. Rentnerinnen und Rentner backen dort für private Buffets und Cafés in München. Bezahlt wird wie bei einem Minijob. Denn oft reicht im Alter das Geld nicht. Oft sitzen Rentner den ganzen Tag zu Hause, ohne dass jemand vorbeischaut. Projekte speziell für Senioren wollen das ändern. „Kuchentratsch“ ist ein solches.

Dass es einen Bedarf für ihre Geschäftsidee gibt, haben die Gründerinnen Katrin Blaschke, 25 aus Bellenberg im Landkreis Neu-Ulm und Katharina Mayer, 26, aus München, an Rentnern in ihrem eigenen Umfeld gesehen. „Einsamkeit nach dem Arbeitsleben ist ein gesellschaftliches Problem“, sagt Blaschke.

Einmal aus dem Job ausgeschieden, fehle die klar definierte Rolle, die mit dem Berufsleben verbunden war, bestätigt der Deutsche Alterssurvey, eine repräsentative Analyse des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA). Wichtige Bezugspersonen und der jahrzehntelang vertraute Alltag brechen weg. Auch die Gesundheit ist oft nicht mehr so, wie sie sein sollte.

"Etwas fürs Gemeinwohl tun"

Dass Senioren nach Möglichkeiten suchen, ihren Alltag nach dem Arbeitsleben sinnvoll auszufüllen, zeigt die sogenannte Engagementquote. Sie bildet die Zahl derer ab, die sich freiwillig in die Gesellschaft einbringen. „34 Prozent der über 55-Jährigen und 29 Prozent der über 65-Jährigen sind in Bayern ehrenamtlich engagiert“, sagt Claudia Vogel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Berliner Altersforschungszentrum.

Auch Theresia Allmenröder suchte nach einer Gelegenheit, ihren Zeitüberschuss loszuwerden. Regelmäßig kommt sie in die Backstube im Münchner Stadtteil Schwanthalerhöhe. Vor ihrem Eintritt in die Rente arbeitete sie in einer Druckerei. „Die Umstellung war furchtbar. Ich wusste gar nicht, was ich mit der ganzen Zeit anfangen sollte“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Irgendwann war ich nur noch beim Sport, ganz schlimm.“ Jetzt rührt sie einen Quarkölteig, überprüft zwischendurch immer wieder, ob der Apfelkuchen im Backofen schon fertig ist.

Ums Geld – der Minijob bei Kuchentratsch bringt 450 Euro im Monat – geht es ihr nicht. Die wichtigsten Gründe für ein Engagement in der Rente sind „Spaß an der Tätigkeit, mit sympathischen Menschen zusammenkommen, anderen Menschen helfen und etwas fürs Gemeinwohl tun“, sagt DZA-Sozialwissenschaftlerin Claudia Vogel.

Der Minijob als willkommener Zuverdienst

Für die Münchner Hobbybäckerin Regina Inkmann ist der Minijob dennoch ein willkommener Zuverdienst. Auf ihren Cookies schmilzt inzwischen die Schokolade. „Ich habe keine so große Rente. Da ist es schön, ein kleines Zubrot zu verdienen“, sagt die frühere Krankenschwester in Teilzeit.

Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge droht in Bayern besonders vielen Rentnern die Altersarmut. 17 Prozent von ihnen leben demnach an der Grenze dessen, was „arm“ bedeutet. Sie bekommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung. In Bayern waren das 2014 im Schnitt 892 Euro. Liegt die Rente darunter, heiße das aber nicht unbedingt, dass die Betroffenen tatsächlich alle arm sind, bestätigte ein Sprecher des Statistischen Bundesamts bereits kurz nach der Veröffentlichung der Studie. Denn mancher Senior hat Geld auf der hohen Kante oder seine Altersvorsorge bereits früh ausreichend geregelt.

DZA-Mitarbeiterin Claudia Vogel findet dennoch einen Trend alarmierend. Immer mehr Senioren sind auf Grundsicherung zur Sicherstellung des Lebensunterhalts angewiesen. Die Zahl der Empfänger in Deutschland ist von 1,7 Prozent über 65 Jahren im Jahr 2003 auf knapp doppelt so viele im Jahr 2013 angestiegen. Hobbybäckerin Regina Inkmann findet all das ziemlich unfair. „Ich habe viel daheim gearbeitet, aber das zählt ja nicht“, bedauert sie und holt die Schokocookies aus dem Ofen.

Die Münchner schätzen Omas Kuchen

In München schätzen inzwischen viele Kunden Omas Kuchen. Die Aufträge würden immer mehr, sagt Katrin Blaschke vom Kuchentratsch-Team. Und Regina Inkmann kann ihre Backkünste von daheim doch noch zu etwas gebrauchen.

Weitere Informationen unter www.kuchentrasch.com

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