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Interview

05.12.2020

Kultusminister Piazolo: "Begriff Normalität passt nicht in jetzige Zeit"

Michael Piazolo ist seit 2018 bayerischer Kultusminister. Davor saß er zehn Jahre lang als Schulexperte für die Freien Wähler in der Opposition.
Bild: Matthias Balk, dpa

Exklusiv Kultusminister Michael Piazolo hat gerade einen der schwierigsten Jobs Bayerns. Ein Gespräch über digitalen Aufholbedarf und Wechselunterricht.

Herr Piazolo, sind Sie gerade gerne Kultusminister?

Michael Piazolo: Ja. Es ist natürlich eine Herausforderung. Aber man kann auch viel gestalten. Klar gibt es Dinge zu lösen, die nicht immer einfach sind – aber wir können auf der anderen Seite einiges voranbringen, wofür man sonst Jahre braucht. Zum Beispiel bei der Digitalisierung: Was wir in den vergangenen neun, zehn Monaten umsetzen konnten, das ging sonst in vielen Jahren nicht. Wir können viel erproben – nehmen Sie unsere Teamlehrkräfte oder die Schulassistenten. Also: Kultusminister zu sein ist herausfordernd, aber auch deshalb eine spannende Aufgabe. Ich mache sie gern.

Ministerpräsident Söder ist zuletzt bei schulischen Entscheidungen vorgeprescht, hat Sie etwa bei der Verlängerung der Weihnachtsferien dem Vernehmen nach am Montagabend angerufen und am Dienstag die Nachricht verkündet. Es ist schon eine herausfordernde Zusammenarbeit, oder?

Piazolo: Der Ministerpräsident ist keiner, der die Öffentlichkeit scheut. Das mache ich aber auch nicht. Es ist eine gute Zusammenarbeit, wir haben auch bei den Ferien miteinander gesprochen und uns geeinigt. In diesen Zeiten ist meine feste Überzeugung, dass man sich als Team sieht. Es ist ganz normal, dass der Ministerpräsident auch einmal Dinge kommuniziert, die mit Schule zu tun haben. Ich brauche mich nicht über mangelnde Medienpräsenz zu beklagen. Es ist für mich kein Streitpunkt, wer was zuerst verkünden darf.

Seit kurzem gilt die Vorgabe, dass Schulen in Regionen mit einem Inzidenzwert von 200 Infektionen binnen sieben Tagen in den Wechselunterricht gehen. Viele Seiten hatten dieses Hybridmodell zwischen Unterricht im Klassenzimmer und daheim schon länger gefordert. Warum kommt es jetzt?

Piazolo: Wir haben den Wechselunterricht im April schon eingeführt, insofern sind Erfahrungen da. Jetzt sind über 90 Prozent der Klassen im Präsenzunterricht. Im Wechselunterricht sind drei, im Distanzunterricht vier Prozent der Klassen. Nach der Hotspot-Entscheidung wird der Wechselunterricht prozentual zunehmen. Bei Corona ist nicht abzusehen, wie es in einem Monat aussehen wird. Es ist normal, dass man regelmäßig nachschärfen muss.

 

Wie sieht der perfekte Wechselunterricht aus?

Piazolo: Er muss schulart- und altersspezifisch sein, er muss auch in der Methodik wechseln. Es gilt, die unterschiedlichen technischen und pädagogischen Gegebenheiten zu berücksichtigen. Ich halte einen täglichen Wechsel für sinnvoller als einen wöchentlichen, weil man da Schüler leichter erreicht, sie in kürzeren Abständen in der Schule hat und auch die Chancengerechtigkeit besser realisieren kann. Schulunterricht eins zu eins zu streamen, über fünf Stunden hinweg, halte ich aus pädagogischer Sicht nicht für sehr sinnvoll. Aber die Profis sind vor Ort, es ist nicht die Aufgabe des Kultusministers, in eine Schulstunde einzugreifen. Wir geben Empfehlungen.

Ist jeder Lehrer in der Lage, sowohl von seiner Ausstattung als auch von seinem Können her, einen produktiven Digitalunterricht zu halten?

Piazolo: Wir haben wirklich große Sprünge unternommen, die man sich vor fünf Jahren in diesem Tempo gar nicht vorstellen hätte können. Dafür möchte ich den Lehrkräften danken: Sie haben wirklich vieles gut hinbekommen. Über 90.000 Lehrer haben an unseren Online-Fortbildungen teilgenommen, allein am Buß- und Bettag haben sich 16.000 Lehrkräfte digital fortgebildet. Insofern hat der Unterricht mit digitalen Medien einen großen Schub bekommen. Aber in neun oder zehn Monaten lässt sich bei dem großen Thema Digitalisierung sicherlich nicht alles lösen.

Hätte man früher anfangen müssen?

Piazolo: Man muss klar kommunizieren, dass in den vergangenen Jahren, gerade auch zwischen 2000 und 2017, einiges bei der Digitalisierung verschlafen wurde – in Deutschland insgesamt. Auch bei den Schulen gab es Nachholbedarf. Da sind wir jetzt auf einem guten Weg. Als ich angefangen habe, hatten wir in Bayern für Digitalisierung noch ein Förderprogramm über 212 Millionen. Jetzt haben wir zwei Milliarden für die nächsten Jahre. Die bringen wir mit Hochdruck auf die Straße, aber das geht nicht von heute auf morgen.

Welche drei Herausforderungen bei der Digitalisierung sind entscheidend?

Piazolo: Für mich war es sehr wichtig, dass wir die Schülerleihgeräte verwirklicht haben. Die sind in Corona-Zeiten entscheidend, um Chancengerechtigkeit herzustellen. Jetzt geht es noch darum, dass sie an den Schulen auch entsprechend eingerichtet sind und dass der Zugriff auch möglichst gut funktioniert. Was ich auch entscheidend finde und wo wir auch weiter vorangekommen sind, ist die Lehrerfortbildung. Drittens haben wir jetzt die Möglichkeit, Digitalisierung nach Hause zu den Schülern zu bringen. Vorher war sie ja eher für den Präsenzunterricht gedacht. Deshalb braucht es die Lernplattform Mebis und Videokonferenztools.

Manche Maßnahmen – etwa die versprochenen 600 Stellen für Systemadministratoren oder Dienst-Laptops für Lehrer, kommen noch nicht an den Schulen an. Sie haben selbst gesagt, dass heuer wohl noch kein Dienstgerät bei Lehrern unter dem Weihnachtsbaum liegen wird. Warum nicht?

Piazolo: Die Geräte sind gerade auch für die Zeit nach Corona. Wir wollen Lehrer-E-Mail-Adressen einrichten, sind damit auch schon gestartet. Cloud-Lösungen werden kommen, damit Verwaltungsaufgaben digital erledigt werden können, zum Beispiel die Notenverwaltung. Ich habe immer gesagt: „Wir brauchen Dienstgeräte für unser Personal.“ Nur: Bis vor ein, zwei Jahren haben das viele nicht eingesehen. Der offizielle Beschluss wurde bundesweit im September ausgearbeitet, jetzt sind wir dabei, das mit unseren Kommunen abzustimmen und dann wird es umgesetzt. Das ist ein großer Erfolg. Wir müssen bedenken: Wenn man für Lehrer in der ganzen Bundesrepublik Laptops anschaffen möchte und das im September beschließt, ist es natürlich eine Utopie, das bis Weihnachten zu schaffen. Aber trotzdem legen wir ein hohes Tempo vor.

Wir bekommen Briefe von Schülern, die beschreiben, wie sie im Bus, auf den Gängen und vor Schultoiletten in Pulks warten müssen und die sich an der Schule nicht sicher fühlen. Lehrer berichten von ihrem Unbehagen, sich täglich dutzenden Haushalten auszusetzen. Was ist Ihre Botschaft an sie?

Piazolo: Wir haben bei Schülern und Lehrkräften die ganze Bandbreite wie in der Gesellschaft auch: Diejenigen, die vorsichtiger, vielleicht auch ängstlicher sind und die, die unbesorgter sind. Die Sicherheit der Schüler und Lehrkräfte ist oberste Priorität. Und wir tun sehr, sehr viel dafür. Unsere Hygienepläne, die Masken, unser Lüftungsprogramm. Trotz allem: In der Pandemie ist ein gewisses Risiko nicht auszuschließen. Deshalb kann ich gut verstehen, dass es diese Unsicherheit gibt. Ich kann uns allen nur raten, auf sich und den anderen zu achten. Mir ist es wichtig, dass wir über Corona auch im Unterricht sprechen, dass wir genau hinhören, was die Schüler bewegt. Wir wissen noch nicht, was das alles auch auf psychischer Ebene für Auswirkungen hat.

Heißt das, dass die Schulleiter Abhilfe schaffen sollten, wenn Schüler sich unsicher fühlen?

Piazolo: Nicht nur die Schulleiter – auf die kann man nicht alles abwälzen – sondern alle. Wo ein Risiko besteht, müssen wir versuchen es zu minimieren. Durch Entzerren der Anfangszeiten des Unterrichts, durch Verstärkerbusse, aber auch durch die Aufforderung zur gegenseitigen Rücksichtnahme. Wenn man sieht, dass jemand keine Maske trägt, sollte man ihn dazu auffordern. Wenn man zu eng steht, gibt es auch die Möglichkeit, vielleicht einen Bus später zu nehmen.

Sie haben das Abitur vom April in den Mai verschoben. Rechnen Sie also damit, dass bis April Schulen nicht mit normalem Unterricht planen können?

Piazolo: Ich glaube, der Begriff Normalität passt nicht in die jetzige Zeit. Selbstverständlich müssen wir von Woche zu Woche schauen. Gerade, was das Abitur betrifft, können im ersten Halbjahr etwa durch Distanz- und Wechselbetrieb nicht überall alle Leistungen entsprechend erbracht werden. Deswegen haben wir den Zeithorizont erweitert. Unser Prinzip ist immer: faire Bedingungen für unsere Schülerinnen und Schüler.

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