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Interview

13.11.2017

Leben auf dem Land: Was das Dorf lebenswert macht

In vielen Dörfern gibt es keinen Einzelhandel mehr, die Lebensgrundlage bricht weg. Vor allem für Ältere ist das ein Problem.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa (Symbolbild)

Der Bäcker ist zu, der Metzger auch. So sieht es in vielen Orten aus. Ein Verein im Unterallgäu zeigt, dass sich trotzdem etwas bewegen lässt. Ein Gespräch über Lebensqualität.

Herr Kerler, Sie leben in Eppishausen, einer 1800-Einwohner-Gemeinde im Unterallgäu. Ist das ein Dorf, in dem es sich zu leben lohnt?

Hermann Kerler: Wir leben in einer wunderbaren Region, zwar etwas abseits, am Ende des Landkreises. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, hier zu leben.

Warum? Was macht Ihr Dorf lebenswert – der Bäcker, der Metzger oder das Lebensmittelgeschäft?

Kerler: Bei uns im Ort gibt es nur einen Bäcker mit kleinem Lebensmittelsortiment, der stundenweise geöffnet hat. Aber das ist schon ein Gewinn, weil es erst seit einigen Jahren wieder einen Bäcker im Dorf gibt. Vorher war man auf das Semmelauto angewiesen oder musste zum Einkaufen in die Nachbargemeinde fahren. In einem Ortsteil hat das Lebensmittelgeschäft inzwischen auch zugemacht. Darum ist der Bäcker in Eppishausen jetzt umso wichtiger.

Auf dem Land machen immer mehr Läden zu. Die Grundversorgung geht verloren ...

Kerler: Das ist ein riesiges Problem, häufig bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel. Viele Leute arbeiten in der Stadt und kaufen dort gleich ein. Andere machen einmal die Woche einen Großeinkauf im Gewerbegebiet. Zum Teil haben die Bäcker oder Metzger auf dem Land auch Probleme, Fachkräfte zu bekommen. Im schlimmsten Fall schließen sie, weil sie keine Mitarbeiter oder Nachfolger finden.

Was kann man dagegen tun?

Kerler: Wenn es vor Ort noch Bäcker oder Metzger gibt, kann man den Leuten nur raten, dieses Angebot anzunehmen und beim Einkauf nicht auf den letzten Cent zu schauen. Denn sind die Läden erst einmal zu, kann die Gemeinde nicht allzu viel machen. Außer die Bürger stampfen einen Dorfladen aus dem Boden.

Viele Dörfer verlieren ihre Treffpunkte

Dorfläden wurden in den letzten Jahren in vielen Orten gegründet. Warum funktionieren sie – während andere Geschäfte zumachen müssen?

Kerler: Dort, wo es kein Geschäft mehr gab, haben viele Bürger gemerkt, dass etwas fehlt – nicht nur eine Einkaufsmöglichkeit, sondern auch ein sozialer Treffpunkt. Dorfläden sind häufig Genossenschaften. Die Mitglieder sind Teilhaber und fühlen sich dem Dorfladen verbunden. Da kauft man ein, da schafft man Arbeitsplätze für Menschen vor Ort. So ein Gemeinschaftsprojekt stärkt auch die Dorfgemeinschaft.

Die Treffpunkte im Dorf werden immer weniger. Schon weil in Bayern binnen eines Jahrzehnts ein Drittel der Gastwirtschaften zugemacht hat ...

Kerler: Wir hatten in einem Ortsteil von Eppishausen eine Gaststätte mit großem Saal samt Metzgerei. Weil man keinen Nachfolger gefunden hat, wird das Gebäude jetzt für Wohnungen umgewidmet. Der örtliche Faschingsverein muss in ein umgebautes Lagerhaus ziehen. Es gibt keinen Saal mehr für Hochzeiten und größere Veranstaltungen. Man kann sich vorstellen, was für ein Rückschritt das ist.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, die ja auch Thema bei einer Tagung in Thierhaupten sein werden.

Kerler: Im Unterallgäu haben zwei, drei Kommunen es vorbildlich gemacht. Ein Bürgermeister etwa hat gesagt: Wo es noch funktionierende Dorfwirtschaften gibt, sollen Geburtstage oder Familienfeiern nicht in den Vereinslokalen abgehalten werden, damit man dem Wirt nicht die Lebensgrundlage entzieht. Oder in Eutenhausen, einem Ortsteil von Markt Rettenbach mit 160 Einwohnern. Da stand die Dorfwirtschaft über Jahre leer. Die Gemeinde hat das Gebäude gekauft, das die Bürger in vielen freiwilligen Stunden umgebaut haben. Nun öffnen sie das „Haus der Gemeinschaft“ ein- bis zweimal die Woche.

Kommunen können flexible Busanbindungen in die Stadt anbieten

Welche Initiativen hat denn Ihr Verein ProNah im Unterallgäu angestoßen?

Kerler: Unser Motto ist „Bewusstsein schaffen“. Wir wollen den Menschen klarmachen, dass, sobald die Infrastruktur vor Ort wegbricht, auch die Lebensqualität fehlt. Dann wird die Heimat immer ärmer. Das versuchen wir spielerisch umzusetzen, etwa mit dem monopolyähnlichen Spiel „Was braucht man auf dem Dorf“, das wir entwickelt und produziert haben. Oder: Wir haben Bürgermeister gefragt, was in ihrer Kommune besonders ist, und daraus ein Landkreispuzzle entwickelt – mit 52 Teilen für 52 Kommunen. Und wir laden regelmäßig Referenten ein, den Bürgermeister aus Langenegg in Vorarlberg etwa. Die Gemeinde hat 2010 den europäischen Dorferneuerungspreis bekommen. Sie hat zum Beispiel ein Auto gekauft, das gemeinsam von den Bürgern genutzt werden kann – kommunales Carsharing.

Ist es damit auch die Verantwortung der Bürgermeister, dass das Dorf nicht zur reinen Schlafstätte verkommt?

Kerler: Die Kommunen können auf jeden Fall mehr machen als viele glauben. Da geht es um flexible Busanbindungen in die Stadt, um Flexibusse für Jugendliche, ältere Menschen oder für Familien, die kein zweites Auto haben. Natürlich ist schnelles Internet ein Thema und Bauland für junge Familien. Aber nicht nur das: Die Kommunen können etwa Single-Wohnungen für junge Leute zur Verfügung stellen, damit diese gar nicht erst in die nächste Großstadt ziehen. Denn dann kommen viele nicht mehr zurück. Wichtig ist, Ideen zu entwickeln. Zu resignieren und nicht in die Zukunft zu investieren, das wäre fatal.

Hermann Kerler, 64, ist Vorsitzender von ProNah Unterallgäu. Der Verein engagiert sich für Nahversorgung im Landkreis.

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