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Der Bonifaz

05.06.2009

Leidensgeschichten

Es gibt Menschen, die können es gar nicht brauchen, wenn ihnen andere etwas voraus haben - selbst wenn es sich um Dinge handelt, für die man einen Mitmenschen eher bedauern als beneiden sollte.

Diese "Alles-haben-wollen-" und "Alles-schon-gehabt-haben-" Typen, hat der Bonifaz festgestellt, können einfach nicht zuhören. Sie wollen gar nicht wissen, was den anderen bewegt, weil sie bloß immer an sich selber denken. Wenn ihnen einer erzählt, daß er grad gesundheitliche Schwierigkeiten hat, sagt der "Nicht-zuhören-Könner", daß er das schon lang hat und viel schlimmer als jeder andere.

Ein alter Spezl vom Bonifaz, der Willi, ist kürzlich einem früheren Kollegen, dem Seppl, über den Weg gelaufen. Dabei hat sich folgender Dialog entwickelt. Der Willi: "Ja griaß di, wie geht's denn?" Darauf der Seppl: "O mei, i kann dr sagen, dös was i hob, hat koiner!"

"Ja wo fehlt's denn", will der Willi wissen. Darauf berichtet der Sepp mit dem Ausdruck größten Entsetzens, daß er keine Nacht mehr richtig schlafen kann, Alpträume hat und schwitzt wie nach einer anstrengenden Bergtour. "Mei Seppl", sagt da der Willi, "sei grad froh, daß Dir nix anders fehlt." Für ihn ist es eine fast unerträgliche Situation, daß jemand meinen könnte, daß er ohne größere gesundheitliche Schwierigkeiten durchs Leben kommt. Also stimmt er sein Klagelied an: "Mei Seppl" sagt er, "sei bloß z'frieden. Wenn erscht dös hättsch, was mir fehlt! I hab' Gliederschmerzen, daß ich's kaum aushalt. Weil i mei Leaba lang hab schufte müße wia a Depp! Jeatz hau i da Dreck von der Schinderei."

Nicht einmal sein "Bierle" schmeckt ihm noch, sagt er. Und daß er kaum noch in einen Schuh hineinkommt, jammert er, "so dick sind meine Füaß g'schwolla!" Da will der Sepp nicht zurückstehen und legt nach mit weiteren Kapiteln seiner Leidensgeschichte, die ihn nicht mehr froh werden läßt, weil "halt nix mehr isch wie's einmal gewesen isch". Dabei greift er sich mit der linken Hand an die Hüfte und stöhnt vor Schmerzen, was wiederum den Willi veranlaßt, mit einem leisen, aber unüberhörbaren "Ja verreck' doch glei!" auf seinen "Knieschnaggler" aufmerksam zu machen. "Weisch ja selber Sepp", stöhnt er, "ein Leben lang an der Werkbank g'standen, nix wia malochet..." Der Sepp weiß es nicht bloß, sondern hat das gleiche Leiden selbstverständlich schon hinter sich. Seit den leidvollen Erfahrungen der beiden Spezln geht der Bonifaz ähnlichen Begegnungen tunlichst aus dem Weg, gell.

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