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Behinderung

01.08.2019

Lucas (9) kann weder sehen noch hören - und vollbringt ein kleines Wunder

Tabea Sadowski kommuniziert mit dem taubblinden Lucas (9) mithilfe der "taktilen Gebärdensprache".
Bild: Nicolas Bettinger

Plus Wie soll ein Neunjähriger, der von Geburt an taub und blind ist, jemals mit anderen Menschen kommunizieren? Er lernt es trotzdem - und zwar erstaunlich gut.

Es ist kurz vor neun in der Früh, als Tabea Sadowski durch das Würzburger Blindeninstitut läuft. Die 32-Jährige hat es eilig. Sie muss zur täglichen Unterrichtsstunde eines Schülers aus der Vorschulklasse. In einem Gemeinschaftsraum holt sie den neunjährigen Lucas ab. Er ist taubblind. Lucas kann seine Bezugspersonen weder sehen noch hören. Trotzdem weiß er immer, mit wem er es gerade zu tun hat.

Tabea Sadowski, die Fachkraft für Kommunikation und Taubblindheit, beugt sich hinunter und pustet Lucas vorsichtig ins Gesicht, sodass er auf sie aufmerksam wird. Lucas hebt den Kopf. Dann greift sie zu seinen Händen. Er ertastet das Armband an ihrem Handgelenk. Jeder Mitarbeiter trägt ein solches Armband mit einem individuellen Symbol zur Erkennung. „Es ist wichtig, dass auch er mich beobachten kann“, sagt die Pädagogin und führt Lucas in ein Klassenzimmer. Er setzt einen Schritt vor den anderen. Das sieht alles andere als unsicher aus. Von Weitem erkennt man kaum, welches Handicap er hat.

Lucas kommuniziert über taktile Gebärdensprache

Lucas tippt mit den Fingern auf seinen Lippen herum. „Gibt es wohl nachher etwas zu essen?“, soll die Geste bedeuten. Davor wird erst mal gelernt. Die Pädagogin sitzt mit Lucas am Tisch. Ihre und seine Hände berühren sich ständig. Taktile Gebärdensprache nennt sich diese Art der Kommunikation. Ähnlich der Gebärdensprache drücken verschiedene Handzeichen unterschiedliche Worte und Empfindungen aus. Bei Taubblinden muss der „Hörer“ die Gebärden des „Sprechers“ erfühlen, um sie zu verstehen. Während der Kommunikation legt der „Hörer“ seine Hände immer auf die des Gesprächspartners.

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„Lucas ist ein außergewöhnlich intelligenter Junge“, sagt Sadowski, während sie eine Rechenübung mit Holzklötzchen vorbereitet. Heute übt sie das Zählen mit dem taubblinden Schüler, der seine Behinderung schon von Geburt an hat. Seit seinem dritten Lebensjahr wird er vom Blindeninstitut begleitet. „Er soll lernen, in wie viele Bestandteile die Zehn teilbar ist“, erklärt die Expertin die Übung. Wie sie funktioniert, gebärdet sie ihm. Dann wird fleißig an den Fingern abgezählt. Eigentlich, sagt Tabea Sadowski, macht Lucas eine Entwicklung durch wie jedes andere Kind auch. Nur eben etwas später. „Er gebärdet gerade alles nach, das ist eine echte Sprachexplosion“, sagt sie lächelnd.

Die gebürtige Brandenburgerin arbeitet seit vier Jahren am Würzburger Blindeninstitut. Dort ist sie für den Bereich Kommunikation zuständig. Neben zahlreichen Arbeitskreisen begleitet sie sehgeschädigte und taubblinde Menschen, schult deren Bezugspersonen, gibt Gebärdenkurse und arbeitet an Möglichkeiten einer besseren Hördiagnostik bei taubblinden und mehrfachbehinderten Menschen.

Der Pädagogin zufolge ist gerade die Arbeit mit Taubblinden allgemein noch nicht so weit verbreitet, wie sie sein müsste. Auch Lehrmaterial für Taubblinde gebe es noch zu wenig. Denn taktiles Gebärden sei nur ein Aspekt der Arbeit. „Man muss sich immer wieder in taubblinde Menschen hineinversetzen und verstehen, wie sie Dinge erleben“, sagt Sadowski.

Der taubblinde Lucas lernt, sich in Gebärden auszudrücken

Die Sprache sei dabei nicht immer eindeutig. „Eine Gebärde kann so viel bedeuten.“ Gerade weil die Menschen, von ihren körperlichen Eindrücken ausgehend, Gebärden oft selbst entwickeln und mit Gefühlen verknüpfen. Deshalb sei eine intensive Betreuung und ein permanenter Austausch unter Kollegen wichtig. Anders könne man die Menschen nicht verstehen. Sadowski erinnert sich an eine ehemalige Bewohnerin, die alles gebärdete, was sie dachte. „So konnten wir ihre Gedanken lesen.“

Jeder Taubblinde hat – wie jeder andere Mensch auch – seine Eigenarten. Lucas’ Lieblingsgegenstand ist ein Meterstab. Wenn er mit Sadowski durch das Gebäude läuft, klappt er ihn auf und hält ihn ständig an die Decke. So kann er die Abstände abschätzen und sich im Raum besser orientieren. „Wenn er groß ist, wird er bestimmt mal Vermessungstechniker.“

Seit Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes im Jahr 2016 gilt Taubblindheit als anerkannte Behinderung. In Deutschland gibt es neun Zentren zur Förderung von Menschen mit Taubblindheit. Das Blindeninstitut Würzburg ist eines dieser Zentren, in denen betroffene Menschen eine Lern- und Lebensperspektive finden sollen. Am Standort Würzburg leben 30 Kinder und Jugendliche sowie 50 Erwachsene mit Taubblindheit. Manche von ihnen wohnen hier, andere fahren am Nachmittag nach Hause. Die Taubblindheit geht oft mit weiteren Behinderungen einher. Lucas ist da eine Ausnahme.

Seit 40 Jahren wird in der Einrichtung mit Taubblinden gearbeitet. „Taubblinde Menschen beeindrucken uns immer wieder. Trotz der doppelten Sinnesbeeinträchtigung lehren sie uns, die Welt über alle anderen Sinneskanäle wahrzunehmen und zu begreifen“, sagt Johannes Spielmann, Vorstand der Blindeninstitutsstiftung, dem Träger des fränkischen Zentrums. Mit ihnen lerne man, ohne Worte zu kommunizieren.

In Bayern leben rund 2100 Menschen mit Taubblindheit

In Bayern leben Spielmann zufolge rund 2100 Menschen mit Taubblindheit. Darunter sind mindestens 210 Kinder und Jugendliche. Die Deutsche Gesellschaft für Taubblindheit geht von bundesweit bis zu 9000 Personen aus. Im Würzburger Kompetenzzentrum für Taubblindenpädagogik werden betroffene Menschen von Geburt an bis ins hohe Alter unterstützt. Manchen von ihnen wird eine ganz neue Lebensperspektive eröffnet: In der Schreinerei der hauseigenen Werkstatt arbeiten sogar zwei taubblinde Mitarbeiter, die Sägen und Bohrmaschinen bedienen. Spezielle Vorrichtungen verhindern, dass sie sich verletzen können.

Mittlerweile ist Tabea Sadowski mit Lucas im Raum „Blindentechnik“ angekommen. Dort soll er lernen, die Brailleschrift zu lesen und selbst mit einer speziellen Schreibmaschine Texte in der Blindenschrift zu verfassen. Diese wurde vom Franzosen Louis Braille entwickelt und besteht aus Punktemustern. Lucas sitzt vor der Maschine und ertastet alles neugierig.

„Mir geht es zunächst darum, seine Finger zu stärken“, sagt Sadowski. Später möchte sie ihm seinen Namen in der Brailleschrift beibringen. Als Lucas ein Papier richtig in die Schreibmaschine einlegt, klopft ihm die Pädagogin lobend auf die Brust. „Die Bestätigung mache ich jetzt haptisch, weil er gerade seine beiden Hände selber braucht“, so Sadowski. Lucas lächelt.

Der Meterstab ist für Lucas wichtig, um Abstände abschätzen und sich besser orientieren zu können.
Bild: Nicolas Bettinger

Wenig später ist der individuelle Unterricht vorbei. Sadowski bringt den Jungen in sein Klassenzimmer zurück, wo ihn seine heilpädagogische Förderlehrerin Katharina Holzinger empfängt. Die 50-Jährige arbeitet seit 25 Jahren mit Taubblinden. „Für mich geht Beziehung vor Erziehung“, sagt Holzinger. Alleine die taktile Kommunikation sorge dafür, dass ein enger Kontakt mit den Schülern aufgebaut werde. In Lucas sieht sie eine „absolute Ausnahme“. Normalerweise seien taubblinde Kinder auch kognitiv beeinträchtigt. „Bei Lucas wissen wir das nicht.“

Früher, sagt Holzinger, seien vor allem „Rötelkinder“ von Taubblindheit betroffen gewesen. Die Rötelnembryopathie – ein Fehlbildungssyndrom, wenn schwangere Frauen das Röteln-Virus auf ihr ungeborenes Kind übertragen haben – spiele aber aufgrund der verbreiteten Impfung kaum noch eine Rolle. Heute trete die Taubblindheit überwiegend bei Frühchen auf. Dabei komme es häufig zu Hirnblutungen, die in der Regel zu Mehrfachbehinderungen führen können.

Vermutlich durch einen Gen-Defekt wurde Lucas taubblind geboren

Lucas wurde taubblind geboren, vermutlich durch einen genetischen Defekt. Laut Katharina Holzinger hat sich Lucas in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Das liege auch daran, wie er von Geburt an erzogen wurde.

„Es ist schlimm, wenn taubblinde Kinder alles mit sich machen lassen“, sagt Holzinger. Lucas habe dagegen von seiner Mutter viel Freiraum bekommen. Dadurch konnte er die Welt selbst erfahren und erkunden. Er habe keine Überbehütung erfahren, lobt Holzinger die Mutter, die selbst nicht zu Wort kommen möchte. „Deshalb ist er heute so selbstbewusst“, sagt die Heilpädagogin. Er lebt im Institut, die Mutter besucht ihn regelmäßig.

„Eltern brauchen kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie ihr behindertes Kind zur Betreuung abgeben“, sagt Holzinger. Irgendwann könne man die Versorgung selbst nicht mehr stemmen. Hier habe man dagegen sehr viele Fachleute und den Kindern gehe es gut. Finanziert wird die Betreuung – in Teil- wie in Vollzeit – durch Sozialleistungen. Dabei spielt der soziale und finanzielle Hintergrund der Familien keine Rolle.

Zur fachlichen Betreuung gehört auch eine Analyse der Sinnesfähigkeiten. Obwohl Lucas aus medizinischer Sicht gehörlos ist, trägt er am Hinterkopf ein Cochlea-Implantat. Die Hörprothese eignet sich bei Gehörlosen, deren Hörnerv durch elektrische Impulse stimuliert werden kann. „Bis vor einem halben Jahr zeigte er keinerlei Hörreaktionen“, sagt Holzinger, die anfangs skeptisch war. Doch dann sei ein kleines Wunder geschehen.

Mitarbeiter lernen, wie es sich als Taubblinder lebt

„Als eines Tages der Schulgong erklungen war, deutete Lucas plötzlich mit dem Finger nach oben“, erinnert sich die Heilpädagogin. Deshalb sprechen ihn die Mitarbeiter auch ganz bewusst mit seinem Namen an. Niemand wisse genau, was er wahrnehmen oder vielleicht doch hören kann. Ähnlich verhalte es sich mit seinen Augen. Aus gesetzlicher Sicht ist er blind. Doch seit einiger Zeit beobachten die Mitarbeiter, dass er auf helle Lichteinwirkungen mit Bewegungen reagiert.

Am Nachmittag trifft Tabea Sadowski die Erzieher aus Lucas’ Wohngruppe. Sie nehmen an einer „Selbsterfahrung“ teil, um Taubblinde besser verstehen zu können. Hierfür bekommen sie schalldichte Kopfhörer und undurchlässige Augenklappen aufgesetzt. Nun müssen die Mitarbeiter frühstücken, Zähne putzen und auf dem Spielplatz zurechtkommen.

Tabea Sadowski stellt sich vor eine der Testpersonen und trampelt auf den Boden. Durch die Vibration wird diese aufmerksam und streckt den Arm aus. „Willst du etwas essen?“, gebärdet Sadowski, indem sie die Hand der Kollegin zum Mund führt. „Nein“, antwortet diese, indem sie ihre Hand von links nach rechts bewegt.

Sadowski will die Kommunikationsform für Taubblinde so vielen Kollegen wie möglich näherbringen. „Ihr müsst taktil verstehen“, sagt sie während eines weiteren Gebärdenkurses. Die Richtung der Handbewegungen sei entscheidend mit der Bedeutung verknüpft. Die Mitarbeiter hören gespannt zu und versuchen sich dann selbst darin. Schwitzige Hände gehören dazu.

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