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Prozess in München

12.11.2019

Mann gibt sich als Arzt aus und foltert Frauen via Skype mit Stromstößen

Die Frauen fügten sich nach Anweisung des falschen Arztes die Stromstöße selbst zu und jagten sich 220 Volt durch den Körper. Der Angeklagte soll seine Opfer dabei gefilmt haben.
Bild: Julian Stratenschulte, dpa (Symbol)

Plus Nägel in Steckdosen, Elektroden an den Schläfen: Wozu ein falscher Mediziner Frauengebracht haben soll, ist kaum zu glauben. Nun steht der Mann in München vor Gericht.

Er gab sich als Arzt aus und brachte reihenweise junge Frauen dazu, für Experimente vor laufender Kamera ihr Leben zu riskieren. Die Mädchen und jungen Frauen jagten sich bis zu 230 Volt durch den Körper. Sie schnitten Stromkabel ab und hielten sie an ihre Füße, klebten sich Elektroden an die Schläfe, steckten Nägel in Steckdosen oder fassten an Elektrozäune. Seit Dienstag muss sich ein 30-jähriger IT-Fachmann aus dem Landkreis Würzburg dafür wegen 88-fachen versuchten Mordes vor dem Landgericht München II verantworten. Wahrscheinlich gibt es weit mehr Opfer.

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Eine 16-jährige Schülerin aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck hatte den Fall im Frühjahr ins Rollen gebracht. Sie hatte sich getraut, Anzeige zu erstatten, nachdem sie im Januar Opfer von lebensbedrohlichen Stromschlägen wurde. Die Kripo Fürstenfeldbruck suchte mit der Ermittlungsgruppe "Strom" nach dem Täter – und erwischte ihn in einem Würzburger Vorort auf frischer Tat, als er gerade wieder dabei war, Kontakt mit einem neuen Opfer aufzunehmen.

1500 Euro für ein angebliches Forschungsexperiment

Wie Polizei und Staatsanwaltschaft später mitteilten, hatte der junge Mann seit 2014 etwa 120 potenzielle Opfer aus ganz Deutschland per E-Mail angeschrieben, die auf einer Online-Plattform nach einem Nebenjob gesucht hatten. Er gab sich dabei als Arzt einer bekannten Universität aus und bot 1500 Euro für die Teilnahme an einem angeblichen Forschungsexperiment mit Strom. "Der Mann hat gezielt nach jungen Damen gesucht", sagt Hans-Peter Kammerer, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern-Nord.

Mann gibt sich als Arzt aus und foltert Frauen via Skype mit Stromstößen

Mit den Teilnehmerinnen, die sich zum Mitmachen bereit erklärten, führte er einen "Eignungstest" durch, den er über das Bildtelefonsystem Skype mitverfolgen konnte: 220 Volt durch den Körper jagen. Sein Kick: Er filmte die Opfer dabei.

Der Angeklagte versuchte seine Identität zu verschleiern

Nach vier Jahren war die 16-Jährige aus Fürstenfeldbruck die erste, die Anzeige erstattete. Deshalb begannen dort die Ermittlungen und deshalb findet der Prozess jetzt in München statt, obwohl Täter und Tatort in Unterfranken sind. "Manche Opfer haben sich sicher aus Schamgründen nicht getraut", so Polizeisprecher Kammerer. Andere hätten wohl gemerkt, dass die Sache "nicht mit rechten Dingen" zuging - und das vermeintliche Experiment abgebrochen.

Obwohl der Täter seine Identität verschleierte, kamen ihm die Ermittler auf die Spur. Am 14. Februar wurde der 30-jährige IT-Fachmann an seinem Wohnsitz im Landkreis Würzburg festgenommen. Da saß er gerade wieder vor dem Computer, um ein Opfer zu seinem Experiment zu überreden.

Bei ihm fanden die Ermittler über 200 Videoaufzeichnungen, die der Festgenommene von seinen "Probanden" gefertigt hatte. Darunter sind auch Aufnahmen, auf denen zu erkennen ist, dass manche davon die "Versuche" wegen zu starker Schmerzen abbrachen.

Der Mann soll so seine sexuellen Fantasien ausgelebt haben

Der bislang noch nicht polizeilich in Erscheinung getretene Mann legte mittlerweile ein Teilgeständnis ab. Die Kripo vermutet, er habe vier Jahre lang sexuelle Fantasien ausgelebt.

Gutachten sollen darüber Auskunft geben, ob er überhaupt für diese Taten verantwortlich gemacht werden kann. Im Zeugenstand werden wohl auch einige der Opfer aussagen, die sich leichtgläubig zu den lebensgefährlichen Experimenten überreden ließen – und teilweise noch immer unter den Folgen leiden. Recherchen unserer Redaktion lassen vermuten, dass sich die Frage nach dem "Warum?" und den strafrechtlichen Folgen wohl im Bereich einer psychiatrischen Erkrankung mit den Schwerpunkten Autismus zu suchen sind.

Nun muss sich der 30-Jährige seit Dienstag an wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, Missbrauch von Berufsbezeichnungen und anderen Delikten vor dem Landgericht München II verantworten. Für den Prozess gegen den Würzburger sind zunächst 15 Verhandlungstage bis zum Januar angesetzt, wie das Gericht mitteilte.

Am ersten Prozesstag ist die Öffentlichkeit weitgehend ausgeschlossen

Im Prozess hat das Landgericht München II die Öffentlichkeit am Dienstag nun für weite Teile der Verhandlung ausgeschlossen. Es folgte damit einem Antrag der Verteidigung. Der Anwalt des 30 Jahre alten Angeklagten hatte den Ausschluss gefordert, weil es "um das Sexualleben" des Mannes gehe und er inzwischen in einem psychiatrischen Krankenhaus behandelt werde. Die Öffentlichkeit wurde für die Einlassungen des Angeklagten, Aussagen der zum Tatzeitpunkt minderjährigen Zeuginnen und die Schlussplädoyers ausgeschlossen. 

Der Vorsitzende Richter begründete das damit, dass es um das "Sexualleben" des Angeklagten und "intime Wünsche" gehe. Die Anklage gehe von der "Befriedigung des Geschlechtstriebes" als Mordmerkmal aus und von einer "fetischistischen Komponente" im Tatmotiv. (mit dpa)

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