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Gillamoos

03.09.2018

Markus Söder gerät beim Gillamoos ins Schwitzen

Schweißtreibende Arbeit im Bierzelt: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nach seiner Rede auf dem Gillamoos-Volksfest in Abensberg, bei der deutlich wurde, dass die CSU derzeit mit einigen Problemen zu kämpfen hat, die die Staatspartei lange nicht nicht kannte.<b></b>

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder kann die Verunsicherung seiner Partei beim Gillamoos nur mit Mühe überdecken und übt eine ungewohnte Gratwanderung.

Am Schluss seiner Gillamoos-Rede verfällt Markus Söder in ein Stakkato kurzer Sätze, wie es an seligste CSU-Zeiten von Franz Josef Strauß erinnert. „Bayern ist schön. Bayern ist stark. Bayern ist stabil. Bayern ist einzigartig.“ Und doch klingt bei dem bayerischen Ministerpräsidenten immer wieder ein für CSU-Verhältnisse auf dem Abensberger Bierzelt-Politspektakel ungewohnt sensibler, ja fast zahm bescheidener Tonfall an.

„Vertrauen Sie uns, geben Sie uns die Chance in einer schwierigen Zeit“, wirbt er um die Gunst der knapp 4000 Zuhörer, die ohnehin überwiegend CSU-Anhänger sind. Es sind die vielen Zwischentöne und manches Nicht-Gesagte, was an diesem Vormittag deutlich macht, dass die Partei außerhalb des Volksfestzeltes mit für sie kaum gekannten Problemen zu kämpfen hat.

Seit Jahrzehnten treten bei dem fünftägigen Gillamoos-Volksfest in der Hopfenstadt Abensberg am letzten Festtag die Größen verschiedener Parteien zum Reden-Duell an – getrennt in verschiedenen Bierzelten und Bräustadln. In besten Wahlkampfzeiten in Land oder Bund hat das Bierzelt-Duell fast einen Ruf wie der politische Aschermittwoch. Sämtliche CSU-Größen von Strauß, Edmund Stoiber bis Karl-Theodor zu Guttenberg traten hier auf. Aber auch Gerhard Schröder oder Joschka Fischer schafften es, sich im tiefschwarzen Niederbayern vom Bierzeltpublikum feiern zu lassen.

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Für die CSU scheint selbst die heile Bierzeltwelt nicht mehr in Ordnung

Die Zeiten aber, dass das traditionell für die CSU reservierte größte Bierzelt schon vor Redebeginn wegen Überfüllung geschlossen war, sind für die lange an absolute Mehrheiten gewöhnte Partei vorbei. Zumindest einen Stehplatz bekommt jeder, der vorher kurz bei der Konkurrenz vorbeigeschaut hat.

Standesgemäß beehrt die „Oktoberfestkapelle“ Müller den Ministerpräsidenten mit dem bayerischen Defiliermarsch. Söder im beigegrauen – CSU-intern einst „Sommer-Stoiber“ genannten – Trachten-Leinenanzug nimmt sich im Scheinwerferlicht diverser Fernsehkameras ausgiebig Zeit, fast sämtliche Hände links und rechts zu schütteln, bis der Blaskapelle langsam die Noten ausgehen. Die sauerhopfige, von Grillhendl-Geruch geschwängerte Bierzeltschwüle hat mit fast 65 Prozent Luftfeuchtigkeit der Veranstaltung längst Betriebstemperatur spendiert.

Doch für die CSU scheint angesichts deutlich unter 40 Prozent verharrender Umfragewerte auch selbst die heile Bierzeltwelt nicht mehr in Ordnung. Das wird spätestens deutlich, als der örtliche CSU-Landrat Martin Neumeyer nicht wie in früheren Zeiten begleitet von Gitarrensound von AC/DC die Bühne erklimmt, sondern sich die melancholische Ballade „Freiheit“ von Marius Müller Westernhagen ausgesucht hat. Neumeyer, vor seiner Wahl lange Jahre Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung, nutzt die Begrüßungsrede denn auch für eine nachdenkliche Ansprache.

Die Krise der CSU ähnele der der Kirchen

Er sagt, dass es kaum einer Region der Welt besser gehe als dem Landkreis Kehlheim mit 1,9 Prozent Arbeitslosigkeit und ebenso niedriger Jugendarbeitslosigkeit. Dennoch würden die Menschen immer unzufriedener. Die Krise der CSU vergleicht Neumeyer mit den Glaubwürdigkeitsverlusten der Kirchen bis hin zu den Vereinten Nationen. Dann kriegt der Landrat doch noch die Bierzeltkurve: „Wer glaubt denn heute noch an Demoskopen?“ Die Umfrageinstitute hätten weder Brexit noch Donald Trump vorhergesagt. „Wir glauben an uns selber!“, brüllt Neumeyer die Verunsicherung seiner Partei weg.

Es gab Zeiten, da tankten CSU-Politiker bei Bierzeltauftritten Energie, wie Luftmassen über dem warmen Meer Kraft für einen Sturm. Söder dagegen wirkt bei aller Lockerheit und vieler seiner mehrfach erprobten Textpassagen hoch konzentriert bei einem Stück anstrengender Arbeit. Und anders als CSU-Kandidaten zu Zeiten absoluter Mehrheiten ignoriert er die Parteikonkurrenz nicht. Den Grünen wirft er vor, sie setzten „auf einen schwachen Staat, wenn es um Schutz und Sicherheit geht, aber auf einen starken Staat, wenn es ums Vorschreiben und Bevormunden geht“.

«Ich dachte, immer wenn es um die Schwächsten geht, sei die SPD ein vernünftiger Partner», sagte Söder. Foto: Peter Kneffel
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Gillamoos-Volksfest: Politiker attackieren sich gegenseitig
Bild: Peter Kneffel , dpa

Gillamoos: Söder zieht Parallelen zwischen Flüchtlingspolitik und Landwirtschaft

Dies würde auch die bayerische Landwirtschaft spüren, die von Bürokratie gequält werde. „Wir wissen nicht wer sich in unserem Land befindet, aber wir wissen genau welches Vieh auf welcher Weide steht.“ Es sind diese Stellen, bei denen Söder den größten Applaus im Zelt abräumt, wenn er Kritik am politischen Gegner mit der Zuwanderungspolitik verknüpft.

Auch die SPD geht Söder scharf an, weil sie auf Bundesrecht pocht, das neue bayerische Familiengeld genauso wie das Kindergeld nicht zusätzlich zu Hartz IV auszuzahlen, sondern voll anzurechnen: Söder will nun beides mit einer Bundesratsinitiative ändern: „Zahlen wir das Kindergeld an unsere Kinder aus und beenden den Kindergeld-Transfer an irgendwelche kriminellen Banden in Europa.“

Auch wenn er mit ähnlich markigen Sprüchen zur Abschiebepolitik („Wer straffällig wird, muss das Land verlassen und zwar sofort!“) immer wieder Begeisterung im Publikum erntet, hält Söder sicher Kurs bei seiner Gratwanderung, nicht in die Sprache der AfD abzudriften. Im Gegenteil, anders als seinerzeit sein Vorgänger Horst Seehofer lobt Söder fast überschwänglich mit einem „herzlichen Dankeschön“ die vielen freiwilligen Helfer, die in den ersten Monaten der Flüchtlingskrise ein Chaos abgewendet hatten und den Zuwandern halfen. Für den Kurs seiner Partei ruft er nun „eine Balance aus Humanität und Ordnung“ aus.

Söders eigentliches Credo lautet aber, dass in der Welt voller Krisen und Umbrüche nur die CSU die Einzigartigkeit Bayerns bewahren könne. „Bayern ist das sicherste Land der Welt“, sagte er, „Bayern ist das Rückgrat des deutschen Erfolgs“, betonte er, „Bayern ist mit Abstand das schönste Land der Welt.“ Die CSU sei der stabile Anker, damit das auch in Zukunft so bleibe.

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