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Kreis Eichstätt

01.03.2020

Mastanlage für 200.000 Hähnchen sorgt für Ärger

In riesengroßen Ställen wie diesem werden deutschlandweit Millionen Hähnchen gezüchtet. Tierschützer und Anwohner gehen immer wieder dagegen vor.
Bild: Carmen Jaspersen, dpa

Plus Die Nachfrage nach Geflügelfleisch ist groß. Die Hähnchen werden in riesigen Ställen gehalten. Oft gibt es Proteste – wie derzeit in der Nähe von Eichstätt.

Um die Dimension zu verstehen, muss man vielleicht einen Vergleich bemühen: In einer geplanten Hähnchenmastanlage in Stammham im Landkreis Eichstätt sollen rund 200.000 Tiere gehalten werden – so viele Hühner wie es Einwohner in Ulm und Kempten zusammen gibt. Vor allem aber würden dann mehr als 50 mal so viele Masthähnchen in Stammham leben wie Menschen. Und damit wollen sich nicht alle Bürger der rund 4000-Seelen-Gemeinde abfinden.

270 Einwendungen gebe es gegen sein Projekt, sagt Landwirt Richard Wermuth. Es hat sich sogar ein Verein gegründet, der gegen die Mastanlage kämpft. Von all dem Gegenwind will sich Wermuth, der bisher 39.000 Tiere hält, aber nicht abschrecken lassen. „Die meisten Bürger stehen hinter mir“, sagt er.

Seit Generationen züchtet seine Familie Geflügel – um die Bürger nicht zu stören, zog sie vor 30 Jahren aus dem Ort auf die grüne Wiese. Mittlerweile aber ist Stammham gewachsen und reicht bis an den Hof heran. Eigentlich wollte der Landwirt direkt an sein Anwesen anbauen – allerdings in kleineren Dimensionen. Auf Wunsch der Kommune hat er diesen Plan aufgegeben. Wermuth hat stattdessen ein Grundstück in der Nähe der Autobahn gekauft, etwa einen Kilometer von der Gemeindegrenze entfernt. Und dort soll nun die riesengroße Anlage für 200.000 Hähnchen entstehen – vier Ställe mit je 50.000 Masthähnchen. Kleiner gehe es nicht, sagt Wermuth. Denn die Kosten für die Genehmigungen, das Grundstück und die Erschließung seien immens. Er müsse also so viele Tiere halten, um diese Ausgaben wieder reinzuholen.

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Der Hunger auf Huhn ist in Deutschland groß

Seine Ware an den Verbraucher zu bringen, sollte Wermuth nicht schwerfallen. Denn der Hunger auf Huhn ist groß. Während der generelle Fleischkonsum in Deutschland stagniert, steigt der Verbrauch von Hähnchen- und Putenfleisch an. 2018 wurde 3,7 Prozent mehr Geflügel geschlachtet als im Vorjahr, wie aus Zahlen des Bundeslandwirtschaftsministeriums hervorgeht. Dem bayerischen Agrarbericht 2018 zufolge, der auf Zahlen aus dem Jahr 2016 fußt, werden im Freistaat 5,4 Millionen Masthühner und rund 800.000 Puten fast ausschließlich in Bodenhaltung in Ställen gemästet. Der Großteil der Tiere wird in Bestandsgrößen mit mehr als 10.000 Tieren gehalten.

Derlei Riesenställe gibt es zuhauf. Die größten Hähnchenmastanlagen seien auf Niederbayern konzentriert, sagt Marion Ruppaner , Agrarreferentin beim Bund Naturschutz in Bayern. Doch auch im Landkreis Dillingen häuften sich die Geflügelmastanlagen. Etwa im beschaulichen Ziertheim , wo nach Angaben der Gemeinde 39.500 Hähnchen gehalten werden. Und nur wenige Kilometer entfernt, im Ziertheimer Ortsteil Dattenhausen, werden tausende Puten gezüchtet.

Erst im vergangenen Jahr erreichte der Bund Naturschutz , dass eine Hähnchenmastanlage im oberbayerischen Eschelbach nicht in Betrieb genommen werden durfte. Die Organisation hatte gegen die geplante Anlage mit 144.000 Mastplätzen in erster Instanz gewonnen, weil der Betrieb nicht ausreichend Fläche nachweisen konnte, um ein sogenanntes privilegiertes Bauen im Außenbereich zu ermöglichen.

Noch ist unklar, ob die Anlage in Stammham genehmigt wird

Ob der Stall von Landwirt Wermuth genehmigt wird, diese Entscheidung wird wohl noch mehrere Monate oder gar Jahre dauern. „Wir sind noch ganz am Anfang“, sagt der Landwirt. Die Bedenken seiner Gegner kann er nicht verstehen. Lärm und Gestank seien dank hochmoderner Technik kein Thema, sagt er. Und für die Tiere mache es keinen Unterschied, ob sie in einem Stall mit 5000 oder 50.000 Masthähnchen lebten.

Uwe Bodendiek, zweiter Vorsitzender des Vereins „RespekTIERE unsere Heimat“, der gegen den Stall kämpft, sieht das völlig anders. „Wir sind gegen diese kommerzielle Zucht mit 200.000 Tieren und Antibiotika-Einsatz. Da leiden die Tiere“, sagt Bodendiek. Die Mast generell zu verbieten, sei nicht das Ziel, fährt er fort. Stattdessen wünscht er sich eine biologische Aufzucht in einer kleineren Anlage, wo die Tiere Auslauf haben. Er und seine Mitstreiter – der Verein hat 70 Mitglieder und 800 Unterstützer – sorgen sich auch um eine mögliche Geruchsbelästigung, mehr Lastwagenverkehr, eine höhere Keimbelastung und sinkende Immobilienwerte. Der nächste geplante Schritt des Vereins: ein Bürgerbegehren. Um zu verhindern, dass die Mastanlage gebaut wird. Eine Anlage mit 200.000 Tieren – so viele Hühner wie es Einwohner in Ulm und Kempten zusammen gibt.

Lesen Sie dazu auch unseren Kommentar: Die Verbraucher sind mitverantwortlich

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