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Häusliche Gewalt

04.01.2019

Mein Freund, der Schläger: Wie Julia unter ihrem Partner litt

Hunderttausende Frauen in Deutschland leiden unter einem gewalttätigen Partner. Aber nur die wenigsten holen sich Hilfe.
Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolbild)

Plus Hunderttausende Frauen in Deutschland haben einen gewalttätigen Partner. Viele fliehen in ein Frauenhaus. So wie Julia. Nun erzählt sie ihre ganze Geschichte.

Der Tag, an dem die Welt endgültig auseinanderbricht, ist ein Samstag. Mitte August. Es ist sonnig. Heiß. Die Luft ist sommerschwer. Julia H. (Name von der Redaktion geändert) steht in ihrer Wohnung und spürt den Schmerz, die Wut, die Angst. Die Tränen, die über ihr Gesicht laufen. Vor sich sieht sie einen Mann. Es ist der Vater ihrer Tochter. Der Mann, den sie einmal geliebt hat. Vielleicht liebt sie ihn immer noch. Es ist der Mann, der sie geschlagen hat. Immer und immer wieder. Auch jetzt. Doch damit ist nun Schluss.

Als ihr Freund nach dem Streit die Wohnung verlässt, greift Julia H. zum Telefon und wählt die Nummer der Polizei. In einer Stunde packt sie zwei Leben zusammen. Ihr eigenes und das ihrer Tochter. Ein paar Spielsachen, Kleidung, wichtige Dokumente. Die Polizei holt die junge Frau und ihr Baby ab und bringt sie ins Augsburger Frauenhaus. In ein neues Leben.

Ein Leben ohne Gewalt. Ohne Angst. Und ein Leben in Anonymität. Die Adresse des Frauenhauses ist geheim. Nur wer dort Schutz sucht, erfährt sie.

Knapp fünf Monate ist es her, dass die Frau ihr altes Leben verlassen hat. „Ich konnte nicht mehr klar denken“, erzählt Julia H., Ende 20, die zu ihrem eigenen Schutz nicht mit ihrem richtigen Namen genannt wird. Sie sitzt auf einem weißen Sessel mit türkisfarbenen Kissen in einem Beratungszimmer des Frauenhauses. Vor ihr auf einem kleinen Tisch steht eine dampfende Tasse Tee, durch das Fenster hinter ihr dringt fahles Winterlicht. Julia H. streicht sich mit der Hand eine blonde Strähne aus dem Gesicht und sagt: „Am Anfang habe ich nur funktioniert. Als Mensch. Als Mutter. Erst vor kurzem habe ich wirklich begriffen, was passiert ist.“ Sie hält kurz inne, trinkt einen Schluck und sagt dann: „Ich habe immer noch damit zu kämpfen.“

Jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Partnerin zu töten

Hunderttausenden Frauen in Deutschland geht es wie ihr. Das zeigt ein aktueller Bericht des Bundeskriminalamts. Darin zu lesen ist: Jeden Tag versucht im Schnitt ein Mann in Deutschland, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. In 147 Fällen ist das im Jahr 2017 auch gelungen. Hinzu kommen tausende Fälle von Vergewaltigung, Körperverletzung, sexueller Nötigung und Stalking. Insgesamt wurden knapp 140.000 Fälle angezeigt, in denen es zu Gewalt in der Partnerschaft kam. Weil aber nur etwa jedes fünfte Opfer Hilfe sucht, sind wohl Hunderttausende betroffen. Mehr als 80 Prozent sind Frauen.

Gerade jetzt, in der staden Zeit, wenn es draußen kalt und ungemütlich ist, wenn man in der Familie zusammenrückt, eine gewisse Heimeligkeit zelebriert, fragt man sich ob dieses ernüchternden Zahlenwerkes: Wie kann es in einer Partnerschaft so weit kommen?

Julia H. weiß, wie schnell aus Liebe Schmerz werden kann. Die junge hübsche Frau denkt kurz nach, bevor sie spricht. So, als würde sie nach den schönen Erinnerungen suchen, die von den schrecklichen verschüttet wurden. Sie verschränkt die Arme, atmet tief ein und beginnt zu erzählen. „Ich habe ihm das am Anfang nicht angemerkt. Er war ruhig und freundlich.“

In den ersten Wochen ihrer jungen Liebe sind die beiden glücklich. Nach ein paar Monaten wird sie schwanger. Sie ziehen in eine gemeinsame Wohnung und planen ihre Zukunft als Familie. Doch es kommt anders. „Als der Alltag eingekehrt ist, veränderte sich etwas. Wir haben immer öfter gestritten“, erzählt Julia H. „Und ich hatte das Gefühl, dass er mit seiner Rolle als Vater überfordert ist.“ Sie hält noch einmal inne. Dann sagt sie: „Und irgendwann ist ihm zum ersten Mal die Hand ausgerutscht.“

Sie weiß noch genau, wie sie sich in jenem Moment gefühlt hat. „Ich war geschockt. Sprachlos. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte.“ Auch ihr Freund schien schockiert zu sein, er entschuldigte sich, schwor, dass es nie wieder so weit kommen würde.

Es gab Ohrfeigen, Tritte gegen den Kopf und Schläge auf Arme und Beine

Julia H. glaubte ihm und tat seinen Kontrollverlust als Ausrutscher ab. Aber es war keiner. „Es kam immer öfter vor, dass er mich geschlagen hat.“ Es gab Ohrfeigen, Tritte gegen den Kopf, Schläge auf Arme und Beine. „Ich hatte oft blaue Flecken und Nasenbluten.“ Anderthalb Jahre ging das so. Warum hat sie das so lange mitgemacht? Warum ist sie nicht gegangen, als er sie das erste Mal geohrfeigt hat? Ein bitteres Lächeln huscht über ihr schmales Gesicht. „Es war immer ein Auf und Ab. Es gab ja auch Zeiten, da war alles gut“, sagt sie. „Aber schließlich ist mir langsam bewusst geworden, dass er sich nicht bessert. Dass er seine Fehler nicht einsieht.“

Und dann kommt der heiße Sommertag im August. Jener Tag, an dem er ihr wieder ins Gesicht schlägt. Und an dem Julia H. geht.

„Es ist häufig so, dass wir voll belegt sind - leider“: Birgit Gaile ist Leiterin des Frauenhauses in Augsburg.
Bild: Birgit Gaile

Bis Frauen, die von ihren Partnern misshandelt werden, sich zu diesem Entschluss durchringen, kann es dauern. Lange dauern. Etwa 44 Prozent der Frauen leben bis zu fünf Jahre in einer Gewaltbeziehung. 37 Prozent sogar länger als fünf Jahre. Das geht aus dem Jahresbericht 2017 des Augsburger Frauenhauses hervor. Die Einrichtung ist für die Frauen aber nur eine Übergangslösung. „Durchschnittlich bleiben die Frauen etwa zwölf Wochen“, sagt Birgit Gaile, die Leiterin.

Wenn eine Frau in einer Gewaltsituation im Frauenhaus anruft und ein Platz frei ist, könne sie gleich kommen, erklärt Gaile. Nur ist das mit den freien Plätzen so eine Sache. „Momentan sind wir voll. Wir haben Platz für 21 Frauen und 21 Kinder. Und es ist häufig so, dass wir voll belegt sind – leider“, sagt die Sozialpädagogin. Wie schlimm die Situation ist, das zeigen die Zahlen. 2017 gab es im Augsburger Frauenhaus 445 Telefonate mit Frauen, die Hilfe suchten. 125 Frauen mussten wegen Platzmangels abgewiesen oder an andere Frauenhäuser weitervermittelt werden.

Julia H. ist froh, dass es für sie noch ein Zimmer gab. Bad und Küche teilt sie sich mit ihrer Mitbewohnerin. „Wir sind Freundinnen geworden, sprechen viel über das, was wir erlebt haben.“ Dann steht sie auf und geht aus dem Beratungsraum mit dem hellen Holzfußboden hinaus auf den Flur. Sie läuft an ein paar kleinen Zimmern vorbei bis zu einer Glastür. Dort bleibt sie stehen, lächelt und winkt.

Im Frauenhaus lebt auch ihre Tochter

In dem Raum sitzt ihre Tochter und stapelt ein paar Bauklötzchen zu einem Turm. Hier sieht es aus wie in einem ganz normalen Kindergarten. Es gibt Plüschtiere, Schaukelpferde, Puppen, einen Tisch, an dem die Kinder zusammensitzen, und eine Betreuerin, die sich um die Kleinen kümmert, die in ihrem Leben schon viel mitgemacht haben.

Julia H. winkt noch einmal, dann geht sie weiter den Flur entlang. Ganz am Ende ist der Gemeinschaftsraum, in dem sich die Frauen treffen, Klavier spielen, singen, fernsehen, versuchen, ein bisschen zu vergessen, wie schwer sie es hatten. Und haben. „Ich habe auch Momente, in denen ich mich frage, wie es weitergehen soll. Aber es bringt ja nichts, zu jammern. Ich muss für meine Tochter stark sein. Mir ist es das Wichtigste, dass sie eine tolle Kindheit hat. Trotz allem.“

Nicht alle schaffen es, so stark zu sein. Denn wenn Menschen Gewalterfahrungen machen, kann das tiefe Spuren in der Seele hinterlassen. „Man zweifelt an der Sicherheit in der Welt. Vor allem zweifelt man an sich selbst“, sagt Volker Bracke, Psychotherapeut und Traumatologe aus Memmingen. Es seien besonders zwei Fragen, die die Gewaltopfer umtreiben. Erstens: Kann ich denn so blind gewesen sein? Und dann: Kann es an mir liegen? „Die Schuld wird oft bei sich selbst gesucht, weil dann die Situation scheinbar kontrollierbar wird. Das ist es auch, was die Menschen oft relativ lange in Gewaltbeziehungen hält.“

Volker Bracke, Psychotherapeut und Traumatologe aus Memmingen.
Bild: Bracke

In Brackes Praxis kommen oft Frauen, die von ihren Partnern geschlagen wurden. Ihnen reicht es nicht, Freunden das Herz auszuschütten. Sie suchen professionelle Hilfe, um das Erlebte zu verarbeiten. Es dauert oft Monate, bis sie zu einem Therapeuten Vertrauen fassen; viele sind nach ihren Erfahrungen Männern gegenüber skeptisch. „Eine Therapie kann mehrere Jahre dauern“, sagt Bracke.

Er hat Zahlen, die zeigen, wie immens die Folgen des Erlebten sind. 50 bis 70 Prozent der Gewaltopfer entwickeln eine Traumafolgestörung, beispielsweise eine posttraumatische Belastungsstörung. „Es kann dabei zu einem schockartigen Einschießen von Bildern kommen, von Erinnerungen, die sich aufdrängen.“ Hinzu kämen starke Vermeidungstendenzen. Eine Frau etwa, die eine schreckliche Beziehung erlebt hat, begibt sich erst gar nicht mehr in die Nähe von Männern. „Außerdem kann es zu einer permanenten Übererregung kommen, zu enormer Aufregung und Schreckhaftigkeit. Da reicht es schon, wenn eine Frau von hinten leicht an der Schulter berührt wird.“

Was sind das für Männer, die ihren Frauen so etwas antun? Einfach sei das nicht zu beantworten, sagt Bracke. Wenn die Situation eskaliert, spiele oft Alkohol eine Rolle. Häufig seien es auch Männer, die ein geringes Selbstwertgefühl hätten und sich ihrer Frau intellektuell und sozial unterlegen fühlten. „Sie gebrauchen dann Gewalt, um sich durchzusetzen.“

Im Report des Bundeskriminalamtes wird zudem deutlich: Die Mehrheit der Männer, die ihre Partnerin schlagen, sind zwischen 30 und 39 Jahre alt. Rund zwei Drittel der Tatverdächtigen sind deutsche Staatsbürger. Das Problem zieht sich durch alle sozialen Schichten. Unter den Tätern sind Menschen ohne Schulabschluss und Job genauso zu finden wie Hochschuldozenten und Manager.

Julia hat ihren Ex-Freund angezeigt

Julia H. trinkt ihren Tee aus. Trübes Mittagslicht dringt ins Zimmer. Am Nachmittag will sie sich noch eine Wohnung anschauen. Bisher wollte ihr niemand ein Appartement vermieten. „Sobald ich gesagt habe, dass ich derzeit im Frauenhaus wohne und Arbeitslosengeld II beziehe, haben die Vermieter dicht gemacht“, erzählt sie. Dabei wäre eine Wohnung für sie so wichtig. „Ich will mein Leben in Ordnung bringen. Wenn ich eine Wohnung habe, dann kann ich mein Kind in einer Krippe anmelden. Und dann kann ich mir einen Job suchen.“ Man merkt der jungen Frau die Ernüchterung an. „Ich habe mir das ja alles nicht ausgesucht.“

Julia H. hat ihren Ex-Freund wegen Körperverletzung angezeigt. Eine Verurteilung gibt es aber noch nicht. Inzwischen hat sie wieder Kontakt zu ihm. Die Adresse des Frauenhauses kennt er natürlich nicht, die beiden treffen sich in der Stadt. Er darf, so hat es das Jugendamt entschieden, regelmäßig seine Tochter sehen. Manchmal übernachtet das Mädchen sogar bei ihm.

„Am Anfang hatte ich panische Angst, dass er mit ihr verschwindet“, sagt Julia H. Mittlerweile hat sie sich aber dazu durchgerungen, ihm wieder so etwas wie Vertrauen zu schenken – ihrer Tochter zuliebe, die nicht ohne Vater aufwachsen soll. Vertrauen zu dem Mann, der ihr so viel angetan hat. Der sie geschlagen und erniedrigt hat. Bis sie flüchtete. An jenem heißen Augusttag. An jenem Tag, an dem ihre Welt endgültig auseinanderbrach – und ein neues Leben begann.

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