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Corona-Pandemie

10.01.2021

Menschen aus Medizin-Berufen über Corona: "Ich könnte so wütend werden!"

Seit fast einem Jahr kämpfen Menschen in Medizinberufen gegen die Corona-Pandemie – viele von ihnen stets in der Angst, sie könnten sich selbst infizieren.
Bild: Sven Hoppe, dpa (Symbolfoto)

Plus Seit fast einem Jahr kämpfen Menschen in medizinischen Berufen gegen die Corona-Pandemie. Sieben von ihnen erzählen von ihren Erlebnissen – und ihren größten Sorgen.

Das Coronavirus hat den Arbeitsalltag im Gesundheitssystem radikal verändert. Sieben Menschen aus unterschiedlichen Berufszweigen erzählen anonym, wie sie die Situation aktuell erleben und was sie momentan besonders beschäftigt.

Der Altenpfleger: "Das halten gar nicht mehr alle Pfleger aus, viele ergreifen die Flucht"

Wir Pfleger sind für viele Senioren oftmals der einzige Ansprechpartner, wenn die Familie weiter weg lebt oder es keine Angehörigen mehr gibt. Wir kümmern uns, haben ein offenes Ohr, wir trösten und muntern auf. Das kann sehr emotional sein – es ist manchmal schwer, all das nicht mit nach Hause zu nehmen. Mit Corona wurde das noch viel schwieriger. Gerade dann, wenn einer meiner Senioren an Covid-19 erkrankt ist, lasse ich ihn nur ungern allein und gehe mit Bauchschmerzen nach Hause. Am meisten fehlt in der Arbeit die Berührung. Wenn es jemandem schlecht geht, fehlt es sehr, dem anderen einfach mal kurz die Hand zu tätscheln oder ihn oder sie in den Arm zu nehmen. Demente Personen haben sogar teilweise Angst vor uns, wenn wir ganz vermummt, mit Maske und Schutzanzug, kommen. Wir wollen gute Pflege machen. Aber wir arbeiten manchmal 60 Stunden pro Woche. Das geht an die Substanz. Das halten auch gar nicht mehr alle aus. Viele ergreifen die Flucht und suchen sich einen anderen Beruf.

 

Die Intensivpflegerin: "Keiner weiß, ob die Patienten je wieder aufwachen"

Auf der Intensivstation, auf der ich arbeite, sind alle Covid-Patienten isoliert. Das bedeutet, dass wir diese Zimmer nur mit Schutzanzug und Maske betreten dürfen. Bis wir angezogen und beim Patienten sind, dauert das gefühlt ewig – vor allem dann, wenn es ihm schlechter geht. Ich muss es einfach so sagen: Die Schutzkleidung ist irgendwann einfach nur eklig. Das Wasser sammelt sich darin und wenn man einen Patienten wiederbeleben muss, dann schnauft man sehr stark in diesen Masken. Emotional ist die Arbeit aber noch viel schwieriger geworden: Bei normalen Patienten verschlechtert sich der Zustand in der Regel peu à peu und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man handeln und zum Beispiel intubieren muss. Bei Covid-Patienten verschlechtert sich der Zustand oft innerhalb einer halben Stunde drastisch. Man steht in dem Zimmer, kontrolliert noch einmal den Sauerstoffgehalt im Blut und muss dann dem Patienten sagen: "Rufen Sie sofort zu Hause an, verabschieden Sie sich bitte von ihrer Familie, wir müssen Sie jetzt ins Koma legen." Den Menschen geht es manchmal so schlecht, dass sie nicht einmal mehr ihr Handy halten können. Dann nehmen wir das Telefon, wählen einen Videoanruf und halten das Handy, während sie sich verabschieden. Keiner weiß, ob der Patient wieder aufwacht und ob er seine Familie wiedersieht. Das finde ich unheimlich schlimm und nimmt mich mit.

 

Die Krankenschwester: "Die Angst war unser ständiger Begleiter und ist es immer noch"

Ich arbeite im Krankenhaus, eigentlich auf einer normalen Versorgungsstation. Im Februar kam der erste Corona-Patient – und gefühlt von einem Tag auf den anderen war die komplette Station voll. Wir Krankenschwestern hatten und haben die Sorge, dass wir das Virus mit nach Hause nehmen und unsere Angehörigen anstecken. Die Angst war unser ständiger Begleiter und ist es immer noch. Ende März habe ich erste Symptome bekommen, ich wurde sofort getestet – und das Ergebnis war positiv. Ich hatte leider ziemlich starke Symptome. Ich bin immer wieder ohnmächtig geworden, war kraftlos, hatte Haarausfall, Gedächtnisprobleme, bis jetzt rieche ich nicht wie früher. Ich habe dann auch meine Eltern und meinen Bruder angesteckt und war fünf Wochen in Quarantäne. Danach bin ich natürlich sofort wieder auf meine Station zurück. Bis jetzt kämpfen wir an erster Front gegen das Virus. Fast täglich sterben Covid-Patienten, auch sehr junge. Wenn ich Menschen sehe, die Corona überhaupt nicht ernst nehmen, rege ich mich richtig auf. Ich könnte so wütend werden, wenn sie sagen "Wir übertreiben nur" oder "Die Zahlen sind gelogen".

Die Heilerziehungspflegerin: "Menschen mit Behinderung wurden in der Pandemie vergessen"

Ich arbeite mit Menschen mit Assistenzbedarf. Erwachsene, die eine körperliche und/oder geistige Behinderung haben. Man darf in diesem Zusammenhang eines nicht vergessen: Menschen mit Assistenzbedarf sind einfach offener, was Berührungen und Körperkontakt angeht. Viele von ihnen brauchen es für ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden, einfach mal in den Arm genommen zu werden. Diesen Personen zu sagen "Halte Abstand, ich darf nicht mal deine Hand halten", ist sehr schwer. Manche können das gar nicht verstehen und sind sehr verletzt. Darüber hinaus betreuen wir auch taubstumme Menschen, die auf Mimik und Lippenlesen angewiesen sind. Sie haben seit März praktisch keine Kommunikationsmöglichkeit mehr, weil wir ja alle Masken tragen müssen. Das alles wird in dieser Corona-Diskussion nicht thematisiert. Es geht nur um Seniorenheime und Krankenhäuser. Aber dass es noch so viele andere Menschen gibt, hat man nicht auf dem Schirm. Diese Menschen wurden in der Pandemie einfach vergessen.

Der Arzt: "So eine Infektionswelle wie Corona habe ich in 30 Jahren nicht erlebt"

In der zweiten Welle haben wir im Krankenhaus ganz schön mit Corona zu kämpfen. Unsere Intensivstation ist voll belegt, wir sind am Anschlag, auch personell. Was für mich aber momentan extrem unverständlich ist, dass es nach wie vor so viele Leute gibt, die diese Erkrankung komplett leugnen. Wenn ich versuche, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, erfährt man eine extreme Aggression. Man wird beschimpft und so hingestellt, als würde man sich nur wichtig machen wollen. Als seien alle Maßnahmen nicht notwendig, als sei das alles nicht mal so schlimm wie die Grippe. Ich bin seit 30 Jahren als Arzt tätig, ich habe in dieser Zeit viele Infektionswellen mitgemacht. Aber so etwas wie Covid habe ich nie erlebt. Ich mache mir natürlich auch Gedanken, ob es mich selbst irgendwann erwischt. Man weiß schließlich nie, wenn man mit einem Patienten Kontakt hat, ob er infiziert ist oder nicht.

Die Physiotherapeutin: "Geht bitte alle zum Impfen"

Ich arbeite seit 26 Jahren in der Physiotherapieabteilung in einem Krankenhaus. Ich habe also schon einiges gesehen, aber was wir momentan erleben, ist wirklich grenzwertig. Im Frühjahr konnten wir viele Patienten gar nicht behandeln, weil es nicht genügend Schutzausrüstung gab. Das ist jetzt besser geworden, dafür haben wir seit Herbst immer mehr Patienten, die wir während und nach ihrer Covid-Erkrankung behandeln müssen: Bei den beatmeten Patienten, die im Koma liegen, machen wir passive Bewegungsübungen und Mobilisation am Brustkorb. Mit Patienten, die langsam wieder genesen, trainieren wir Atemtechniken und üben das Aufstehen und Laufen. Das können viele Patienten nach ihrer Erkrankung nicht mehr, weil sie wochenlang im Bett lagen und einfach so erschöpft sind. Ich sehe jeden Tag, wie schlecht es ihnen geht. Deshalb ist mir der Appell an alle Menschen da draußen so wichtig: Lasst euch alle impfen! Nur so werden wir die Situation in den Griff kriegen. Daran glaube ich fest.

Der Sanitäter: "Den harten Lockdown hätten wir schon vor Monaten gebraucht"

Trotz allem geht es mir als Notfallsanitäter derzeit zum Glück relativ gut. Wir haben uns mittlerweile gewisse Grundkenntnisse über Corona angeeignet, das war am Anfang der Pandemie ganz anders. Da haben sich die Vorgaben, wie wir mit den Patienten umgehen sollen, teilweise täglich geändert, man musste sich ständig auf dem Laufenden halten und informieren. Die Unsicherheit war groß. Das hat sich mittlerweile verbessert. Dazu kommt jetzt aber, dass wir viele Corona-Patienten in die Krankenhäuser transportieren. Doch viele Stationen sind voll und so müssen manche Kollegen lange suchen und verschiedene Häuser anfahren, bis sie einen Platz für den Patienten bekommen. Am meisten beschäftigt mich aktuell aber die allgemeine Situation. Dass immer noch so viele Leute die Pandemie nicht ernst nehmen. Sie halten sich nicht an die Beschränkungen, infizieren sich und machen uns dadurch unsere Arbeit schwer. Da würde ich mir einfach mehr Verständnis wünschen und mehr Selbstreflexion. Ganz ehrlich: Dieser harte Lockdown, den wir jetzt haben und der noch einmal verschärft wird, hätte von mir aus schon vor vier Monaten kommen können – und zwar noch schärfer. Ich bin der Meinung, dass wir dann vielleicht jetzt schon das Schlimmste hinter uns hätten.

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