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Corona

05.04.2020

Menschen mit Behinderungen trifft die Krise mit am stärksten

Die Werk- und Förderstätten für behinderte Menschen wurden geschlossen. Viele müssen nun in ihren Wohngruppen intensiv begleitet werden.
Bild: Felix Frieler, dpa (Symbol)

Plus Viele Menschen mit Behinderung gehören in Corona-Zeiten zur Hochrisikogruppe. Dennoch herrscht in den Einrichtungen ein skandalöser Mangel an Schutzausrüstung.

Das Sprechen fällt ihm nicht leicht. Am Vormittag geht es noch am besten. Im Laufe des Tages wird es schwieriger. Auch seine Finger gehorchen ihm nicht immer, dabei schreibt er doch so gerne. Sein ganzer Körper ist gezeichnet von seiner schweren Erkrankung. Frank Rathke hat Multiple Sklerose. Der 52-Jährige sitzt im Rollstuhl. Und das seit etwa fünf Jahren. Täglich benötigt er Hilfe. Zum Aufstehen. Zum Waschen. Zum Essen. Ohne seine persönlichen Assistenten käme er nicht zurecht. Seine Wohnung im Zentrum von Augsburg verlässt er jetzt auch nicht mehr. Zu gefährlich ist jede Ausfahrt mit dem Rollstuhl. Zu anfällig ist sein Immunsystem. Zu leicht könnte er sich mit dem Coronavirus infizieren. Es wäre für ihn lebensbedrohlich.

Menschen wie Frank Rathke, Menschen mit einer Behinderung, gehören zur Hochrisikogruppe. Doch um ihren Schutz ist es offenbar schlecht bestellt. Längst fordert die Lebenshilfe Bayern mehr Schutzausrüstung wie Masken, Kittel und Desinfektionsmittel für ihre Bewohner und Mitarbeiter. Und schnelle Ergebnisse bei Corona-Tests. Allein in Wohnheimen der Lebenshilfen in Bayern leben etwa 6000 Menschen mit Behinderungen, in ambulanten Wohnformen gut 2000. Viele von ihnen haben schwere und mehrfache Behinderungen, Vorerkrankungen – sowie ein geschwächtes Immunsystem.

Angehörige nähen in der Corona-Krise Behelfsmasken

Das Fritz-Felsenstein-Haus ruft aus diesem Grund alle Eltern, Angehörige und Freunde auf, Behelfsmasken zu nähen. Etwa 340 Menschen mit Handicap betreut das Zentrum für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung für die Region Augsburg. Etwa 400 Mitarbeiter zählt es. Gregor Beck leitet die Einrichtung. Noch sei die Stimmung gut. Noch gebe es genügend Betreuer. Noch gebe es vor allem keinen Infizierten. Doch die Angst ist groß. Denn auch das Fritz-Felsenstein-Haus hat, wie Beck betont, viel zu wenig Schutzausrüstung. Ein Missstand, der seines Erachtens dramatische Folgen haben könnte. Infiziert sich ein behinderter Mensch und muss auf der Wohngruppe isoliert werden, bedeute dies einen erheblichen pflegerischen Mehraufwand, der doch um jeden Preis verhindert werden solle.

 

Auch macht sich Beck Sorgen um seine Mitarbeiter. Zwar habe der Bezirk Schwaben schnell zugesagt, dass er die Entgelte auch für geschlossene Werk- und Förderstätten bis zum 19. April weiterzahlt, was laut Beck eine große Entlastung für die Umorganisation der Betreuung war. Denn deren Mitarbeiter leisten jetzt die Tagschichten beim Wohnen. Doch was ist danach? Was ist, wenn die Schließung anhält? „Kurzarbeit wäre allein für die Motivation unserer Mitarbeiter eine Katastrophe“, betont Beck. Schon jetzt würde ihnen höchste Flexibilität, enormes Engagement und viel Verantwortung abverlangt. „Und unsere personelle Reserve, die wir für die zu erwartenden Verdachts- und Infektionsfälle brauchen, bei denen kohortenweise Mitarbeiter in Quarantäne geschickt und damit ersetzt werden müssen, ist bei Kurzarbeit weg.“

Viele Corona-Vorgaben sind gar nicht umsetzbar

Umso seltsamer muten den Mitarbeitern oft die Anordnungen der Behörden an. Mit den unmittelbar zuständigen Heimaufsichten laufe es zwar sehr gut. Markus Niederleitner hat allerdings den Verdacht, dass manche derjenigen, die jetzt von weiter oben all die in der Theorie richtigen Verordnungen erlassen, leider wenig Ahnung hätten vom Alltag in Wohngruppen von behinderten Menschen.

Niederleitner leitet vier Wohngruppen mit jeweils sechs bis acht behinderten Menschen im Fritz-Felsenstein-Haus. „Für viele Vorgaben fehlt uns schon allein der Platz“, erklärt er. Auch sei vielen nicht klar, was es für das seelische Gleichgewicht behinderter Menschen bedeute, wenn ihre gewohnte Struktur sich von heute auf morgen ändere. Wie wichtig ihnen Rituale seien. Wie sehr sie einen Händedruck, eine Umarmung benötigten. Alles nun untersagt.

Hinzu kommt, dass nun viel mehr Betreuer in den Wohngruppen eingesetzt werden müssen, da die Menschen dort nicht in ihre Werk- und Förderstätten gehen können, sondern rund um die Uhr begleitet werden müssen. „Ein Teil unserer Bewohner ist auf ihr vertrautes Pflegepersonal angewiesen, da sie sehr spezielle Bedürfnisse haben und das Vertrauen zu Betreuern das A und O ist.“ So hätten etliche Bewohner eine sehr eigene Sprache entwickelt, nicht selten einen eingeschränkten Wortschatz, den aber mit ihnen regelmäßig kommunizierende Personen verstehen. „Ein vertrautes Umfeld ist gerade jetzt entscheidend, wo es darum geht, den Bewohnern Sicherheit zu geben und Ängste zu nehmen“, sagt Niederleitner.

Corona-Pandemie: Bayerns AWO-Chef sieht ein Versagen der Politik

Doch auf ihr vertrautes Umfeld müssen in diesen Tagen viele verzichten. Nicht nur in Behinderteneinrichtungen. Auch in Alten- und Pflegeheimen. Professor Thomas Beyer ist Chef der Arbeiterwohlfahrt ( AWO) in Bayern. Er kritisiert: „Die Behinderteneinrichtungen wurden bei der Schutzausrüstung noch stärker vergessen als die Pflegeeinrichtungen.“ Aber auch viele Altenheime flehen seiner Einschätzung nach seit langem um mehr Sicherheitsausrüstung „und werden dennoch nicht gehört“. Vor dem Hintergrund von zahlreichen Todesfällen in Altenheimen – auch in unserer Region – für Beyer ein untragbarer Missstand.

 

Die Lage ist nach seinen Angaben von Landkreis zu Landkreis im Freistaat sehr unterschiedlich. Wenn Beyer jedoch erfährt, dass ein Heim, das vehement auf seinen Notstand hingewiesen hat, am nächsten Tag lediglich einen Beutel mit Mundschutz vor der Tür findet, macht ihn das fassungslos. Zumal längst Kritik an der zentralen Verteilung aufgrund des Katastrophenfalls laut wird.

So verständlich es ist, dass Krankenhäuser Vorrang haben, „der Verteilungskampf um Sicherheitsausrüstung geht zu Lasten von Alten- und Behinderteneinrichtungen“, sagt er. Von Häusern also, für die Kittel, Mundschutz, Desinfektionsmittel existenziell sind. Dass nicht mehr Material vorhanden ist, ist für Beyer keine Entschuldigung. „Die Politik hat hier versagt“, meint er. Und das nicht nur bei der Bevorratung von Schutzvorkehrungen, sondern auch beim Vorhandensein von ausreichend Tests. So kommt es für Beyer viel zu spät, dass nun alle Menschen in einer Einrichtung mit einem Infizierten getestet werden müssen.

Und wer rettet jetzt die Menschen mit kleinsten Einkommen?

Und er sieht noch ein anderes Problem: „Während für die Wirtschaft und hier vor allem für die Arbeitgeber Milliarden zur Verfügung gestellt werden, um sie zu stützen, bleiben viele Arbeitnehmer auf der Strecke.“ Der bayerische AWO-Chef sorgt sich vor allem um die Menschen, die schon vor der Corona-Krise finanziell kaum über die Runde kamen: Alleinerziehende mit Teilzeitjobs, Alleinverdiener von Familien, denen Kurzarbeit oder die Kündigung droht. „Wer rettet denn jetzt die Menschen mit kleinsten Einkommen? Wer hat sie überhaupt noch im Blick?“ Für Beyer besteht hier höchster politischer Handlungsbedarf. „Auch für die sogenannten kleinen Leute muss der Staat jetzt Geld in die Hand nehmen, um ihre Existenz zu sichern.“

Tobias Utters von der Caritas sagt: "Die Corona-Krise trifft die Schwächsten am stärksten.
Bild: Paul Zinken, dpa (Symbol)

Tobias Utters vom Caritas-Landesverband Bayern bringt es so auf den Punkt: „Die Corona-Krise trifft die Schwächsten am stärksten.“ Auch er sieht nicht nur die Menschen in Einrichtungen in Gefahr. Auch er wünscht sich einen stärkeren Blick auf die Geringverdiener, auf Bedürftige. Eine Gruppe bedarf für ihn besonderer Fürsorge: „Die Situation von Obdachlosen ist jetzt sehr besorgniserregend. Hier versuchen wir als Caritas, niemanden in dieser Krise im Stich zu lassen.“ Allerdings hätten viele Anlaufstellen wie Tafeln schließen müssen, und in den Häusern, in denen obdachlose Menschen Hilfe finden, fehle vor allem eins: Schutzkleidung.

Corona-Krise: In Ursberg hat man Angst vor dem Sturm

Auch in Ursberg ist sie Mangelware. Etwa 900 Menschen mit Handicap leben dort am Stammsitz des Dominikus-Ringeisen-Werkes. Etwa 2000 Menschen begleiten sie. Es gab bereits einen Corona-Fall bei den betreuten Personen. Dennoch reichten die Sicherheitsausrüstungen bei weitem nicht aus. Der Ruf nach Nachschub verhalle ungehört. Was man in Ursberg fordert: eine „realistischere Auseinandersetzung der Politik mit der Situation vor Ort“.

 

Entmutigen lässt man sich in Ursberg aber nicht. Im Gegenteil. Daniela Quicker gehört zum sozialpädagogischen Fachdienst. Natürlich sei die Sorge überall zu spüren, sagt sie. Zumal man das Gefühl habe, dass sich ein Sturm zusammenbraue, stehe der Höhepunkt der Pandemie nach Meinung etlicher Experten ja noch bevor. Das alles lasse keinen los, beschreibt die 47-Jährige die Lage. Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen. „Man muss Vertrauen in den anderen haben, dass er sich an die Spielregeln hält.“ Dass die Kollegen das Kontaktverbot im Privaten einhalten, dass die Wohngruppen unter sich bleiben – die Gefahren zu erklären, sei ein schwieriges Unterfangen, hätten doch viele Bewohner teils erhebliche Kommunikationsprobleme. „Wir arbeiten daher viel mit Bildern“, erklärt Quicker, „wir versuchen, Erklärungen spielerisch rüberzubringen, auch mit Humor.“ Das Hauptproblem: „Man sieht die Gefahr nicht, sie ist unsichtbar und keiner weiß, was passiert.“ Helfen würde in dieser Lage vielen in Ursberg ihr tiefer Glaube, sagt die Sozialpädagogin. „Es ist ganz viel Gottvertrauen da.“

Eine Frau im Rollstuhl fühlt sich trotz der offenen Türen eingesperrt

Und dennoch ist vieles so anders. So sorgenvoll. So einsam. Davon erzählt Angela Terkovits. Sie lebt seit ihren frühen Mädchenjahren in Ursberg. Die 55-Jährige sitzt im Rollstuhl. Allein darf sie spazieren fahren. „Doch allein macht es keinen Spaß.“ Was sie am meisten vermisst, ist ihre Arbeit in der Werkstatt. Sie arbeitet dort in der Verpackung. Doch die Werkstatt ist geschlossen. Um etwas Sinnvolles zu tun, hat sie schon vielen Menschen Karten geschrieben, erzählt sie. Auch werden in ihrer Wohngruppe Spiele gemacht, Perlen gesteckt und man könne fernsehen. Doch irgendwie wird sie ein Gefühl nicht los: „Obwohl die Türen offen stehen, fühle ich mich eingesperrt.“

Ein Gefühl, das Frank Rathke kennt. Überfällt es ihn, fährt er mit seinem Rollstuhl auf die Dachterrasse, tankt etwas Sonne und tauscht sich – im gebührenden Abstand – mit den Nachbarn aus. „Fritz & Jack“ heißt das Haus, in dem er in Augsburg wohnt. Menschen mit und ohne Handicap leben hier Tür an Tür. Ins Leben gerufen wurde das Projekt vom Fritz-Felsenstein-Haus. So ein fürsorgliches Miteinander ist für Rathke Vorbild für die Gesellschaft. „Vielleicht bildet sich durch die Corona-Krise eine neue Solidarität heraus“, sagt er. „Dann hätte das alles wenigstens auch etwas Positives.“

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