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Haustiere

08.03.2017

"Miezi, komm zurück!" Wenn Tierhalter ihren Liebling vermissen

Sie kleben Suchplakate an Fassaden und Laternenmasten, veröffentlichen Anzeigen in der Zeitung. Manchmal jahrelang. Wer sein Haustier vermisst, klammert sich an die Hoffnung.
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Sie kleben Suchplakate an Fassaden und Laternenmasten, veröffentlichen Anzeigen in der Zeitung. Manchmal jahrelang. Wer sein Haustier vermisst, klammert sich an die Hoffnung.
Bild: Martin Schutt, dpa (Symbolbild)

Sie kleben Suchplakate an Fassaden und Laternenmasten, veröffentlichen Anzeigen in der Zeitung. Manchmal jahrelang. Wer sein Haustier vermisst, klammert sich an die Hoffnung.

Wenn Ralf Ohsam, 1,85 Meter groß, breite Schultern, abends durch die Straßen seiner Nachbarschaft in Neusäß bei Augsburg geht, ist er immer etwas angespannt. Jeder Schatten, jedes Rascheln im Gebüsch, jedes leise Wimmern erregt seine Aufmerksamkeit. Und weckt Hoffnung. Seit fast zwei Jahren ist der 32-Jährige auf der Suche. Er vermisst seine Katze Tupsy – und rechnet bei der kleinsten Regung damit, dass sie plötzlich wieder vor ihm steht. „Das ist das Schlimmste, diese Ungewissheit“, sagt er.

Es war ein Morgen im Mai 2015, als die 13-jährige Katzendame auf einmal weg war. Tupsy hatte zuvor nie die Wohnung verlassen. Selbst wenn ein Fenster oder die Tür offenstand, blieb das schwarz-braun getigerte Tier mit dem weißen Kinn sitzen. Bis zu jenem Morgen. „In der Früh bin ich aufgestanden, habe sie gefüttert und gestreichelt und mich dann noch mal hingelegt. Als ich wieder aufgestanden bin, war sie einfach weg.“ In seinem Wintergarten war das Fenster geöffnet, weil es draußen so schön warm war. „Ich weiß noch, dass draußen eine Maus war, aber das hat sie vorher nie interessiert“, erzählt er.

Ralf Ohsam durchstreifte sofort die Nachbarschaft, nahm spontan einen Tag frei, um auf seine Katze zu warten. Er informierte alle Tierärzte und -heime in der Umgebung. Druckte Zettel mit Tupsys Foto und hängte sie in der Nachbarschaft auf. Etwa zwei Wochen lang zog er jede Nacht um die Häuser. Er rief laut nach seiner Katze. Stellte Futter raus. Alles vergebens.

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Er glaubte, seine Katze Tupsy gut zu kennen

In Bayern gibt es tausende Menschen, die wissen, wie sich Ohsam fühlt. Allein Tasso, ein gemeinnütziger Verein, der sich unter anderem darum kümmert, Tiere wieder zu ihrem Halter zu bringen, hat im vergangenen Jahr 13.207 vermisste Haustiere im Freistaat gezählt. Zwei Drittel davon waren Katzen. Rund 2000 Anrufe aus ganz Deutschland nehmen die Tasso-Mitarbeiter jeden Tag auf ihrer Notfallnummer entgegen. Vermisstenanzeigen füllen ganze Spalten unserer Zeitung. Manche Menschen veröffentlichen sogar über Jahre hinweg Suchaufrufe. Auch bei den Tierheimen in der Region gehen täglich Hilferufe ein. „Das Komische ist, dass bei uns zwar jede Menge Katzen abgegeben werden. Aber das sind in der Regel nicht diejenigen, die mithilfe solcher Anzeigen gesucht werden“, sagt Andrea Strauß vom Tierheim in Augsburg. Fundtiere würden fast nie von ihren Besitzern abgeholt.

Die 13-jährige Katzendame Tupsy ist vor fast zwei Jahren in Neusäß verschwunden.
Bild: Ralf Ohsam

Warum verschwinden eigentlich so viele Tiere? Ein Grund ist so profan wie grausam: Weil sie tot sind, Freigänger-Katzen etwa, die überfahren wurden. Oder: „Manche Tiere sind so menschenfreundlich und neugierig, wenn sie ein offenes Auto sehen, klettern sie einfach hinein“, erzählt Strauß. So sei bei ihnen mal eine Katze aus Stuttgart gelandet. Unlängst machte die Geschichte einer Katze aus Dinkelscherben Schlagzeilen. Sie stieg an den Weihnachtsfeiertagen einfach in den Zug und fuhr ins benachbarte Augsburg. „Bei Hunden ist das oft anders. Die laufen meist beim Spazierengehen weg, und ihre Besitzer finden sie relativ schnell wieder“, sagt die Tierheim-Mitarbeiterin.

Chip oder Tätowierung können beim Wiederfinden helfen

Längst können Tierbesitzer ihre Lieblinge kennzeichnen lassen – mit einem Tattoo im Ohr oder einem Chip, den Hund oder Katze in eine Hautfalte eingesetzt bekommen. Beides hat eine Nummer. Die geben Herrchen und Frauchen zum Beispiel an Tasso weiter – so ist das Tier registriert. Läuft der Hund dann weg oder hüpft die Katze in ein fremdes Auto, ist es über diese Nummer für den Finder leicht, herauszubekommen, wem das Tier gehört. Das Problem ist nur: „Höchstens 20 Prozent der Tiere, die zu uns kommen, haben einen Chip oder eine Tätowierung“, sagt Strauß.

Auch Tupsy war nicht registriert. „Sie war eine reine Wohnungskatze. Da habe ich gedacht: Warum soll ich sie tätowieren lassen. Sie wollte eh nie raus“, erzählt Ohsam. Ein Fehler, den viele Katzenhalter machen, sagt Laura Simon von Tasso. Wohnungskatzen sind aber neugierig. In einem unbeobachteten Moment schlüpfen sie durch die Tür und sind weg. Draußen finden sie sich dann meist nicht zurecht.

Wer sein Haustier vermisst, versucht es häufig mit Aushängen.
Bild: Michael Schreiner

Dabei glaubte Tupsys Herrchen, sein Tier gut zu kennen. Schon ihre Mutter lebte bei der Familie. Als sie Nachwuchs bekam, blieb Ohsam extra zu Hause. Tupsy war das dritte von vier Babys. Das Kätzchen, das nach ihr auf die Welt kam, starb. „Da war für mich sofort klar, dass ich sie behalten möchte. Sie war immer ein bisschen scheu, aber zu mir kam sie.“ Als er aus seinem Elternhaus aus- und nach Neusäß zog, nahm er Tupsy mit. Zwei Jahre ging das gut. Bis sie verschwand.

„Wenn man sich überlegt, wie viele Jahre man mit einer Katze oder einem Hund zusammenlebt, dann ist doch klar, dass es dem Besitzer nahegeht, wenn das Tier nicht mehr auftaucht“, sagt Frank Nestmann. Der Psychologie-Professor hat zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier geforscht und weiß: Das Leben mit Haustieren tut den Menschen gut. „Katzen sind längst nicht mehr nur Mäusefänger und Hunde Hofhüter. Das war mal so. Inzwischen erfüllen sie viele emotionale und soziale Funktionen.“ Sie sind Gefährte, Freund und Zuhörer in der Not.

Verschmuster, aber eigensinniger Spielkamerad: Den Wunsch nach einer Katze kann man einem Kind etwa ab dem siebten Lebensjahr erfüllen.
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Diese Haustiere sind auch für Allergiker geeignet
Bild: Silvia Marks (dpa)

Die positiven Effekte fangen damit an, dass der Blutdruck sinkt, der Puls sich verlangsamt und die Produktion von Glückshormonen steigt, wenn man ein Haustier streichelt. Das könne man nachweisen, sagt Nestmann. Menschen mit Haustieren haben außerdem mehr Kontakte zu anderen Menschen – weil sie zum Beispiel beim Gassigehen andere Hundehalter kennenlernen. Und: Tierbesitzer haben ein besseres Selbstwertgefühl. „Ein Haustier prägt den Alltag seiner Besitzer stark. Man muss es füttern und pflegen und spielt mit ihm. Das schafft Nähe, Vertrautheit und Gemeinsamkeiten. Wenn es dann weg ist, verwundert es nicht, dass die Besitzer Angst haben und verzweifeln“, sagt der Professor.

Tierbesitzer mit besserem Selbstwertgefühl

Ralf Ohsam lebt alleine und sagt: „Es war einfach schön, wenn ich nach Hause kam und Tupsy hat mich begrüßt.“ Er übernahm für sie Verantwortung, und das kleine Wesen half ihm durch die eine oder andere schwere Lebenssituation. „Selbst, wenn sie tot wäre, würde ich es einfach gerne wissen, um abschließen zu können. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass sie jemand gefunden hat und dieser vielleicht gar nicht weiß, dass ich sie suche. Auch dann wüsste ich gerne, dass es ihr gut geht.“

Wie schwer es sein kann, eine Katze zurück nach Hause zu bringen, zeigt der Fall der Familie Schmid aus der Region, die ihren wahren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Vergangenen März entdeckte sie eine fremde Katze in ihrem Garten. Diese kam immer mal wieder vorbei, ergriff aber die Flucht, sobald jemand ihr zu nahe kam. Die Familie stellte ihr Futter auf die Terrasse, nach und nach fasste das Tier Vertrauen. Dem Tierheim meldeten sie den Fund nicht, ein halbes Jahr lang. „Ich wollte dann wissen, ob die Katze sterilisiert ist“, erzählt Gerlinde Schmid. Sie entdeckte, dass das Tier tätowiert war. Den Schmids war klar, dass es irgendwo einen rechtmäßigen Besitzer gab.

Sie riefen einen Tierarzt an und gaben ihm die Nummer der Tätowierung durch. Weil die Katze sich aber nicht so genau ins Ohr schauen lassen wollte, las Gerlinde Schmid versehentlich die Nummer falsch ab. Der Tierarzt recherchierte – und landete logischerweise bei einer falschen Familie. Die war ganz verdattert, als sie gefragt wurde, ob ihre Katze entlaufen sei. Sie schickte den Schmids sogar ein Foto, um zu beweisen, dass ihr Tier noch da war.

Manchmal dauert die Suche Jahre.
Bild: Michael Schreiner

Mit der richtigen Nummer ging die Suche dann von vorne los. „Der Tierarzt konnte mir nur sagen, dass die Katze schon sterilisiert ist und aus einem Dorf etwa fünf Kilometer von uns entfernt entlaufen ist.“ Ein Jahr wurde sie da schon vermisst. Eine Mitarbeiterin des Tierheims versuchte die ehemaligen Besitzer zu erreichen. Das gelang ihr aber nicht.

Schließlich fuhr sogar ein Mitarbeiter der Gemeinde zu ihnen nach Hause. Als die Familie schließlich erfuhr, dass ihre vermisste Katze wieder da ist, war sie überglücklich. Die Katze nicht. Sie fühlte sich in ihrem alten Heim nicht wohl, erkannte nichts wieder, verstand sich nicht mit den kleinen Kindern und wollte immer wieder weg. Schließlich entschlossen sich die Besitzer dazu, bei den Schmids anzurufen. Die nahmen die Katze zurück. „Sie heißt jetzt Charlotte und fühlt sich bei uns total wohl.“

Dass Tiere nach Monaten, ja Jahren wieder auftauchen, kommt durchaus vor. Kürzlich gelang es Tasso, einen Kater nach Hause zu bringen, der elf Jahre vermisst war. Findus fühlte sich bei seinen alten Besitzern sofort wieder heimisch. Vor allem die 14-jährige Tochter freute sich über seine Rückkehr. Sie war drei, als Findus verschwand. Er war ihr bester Freund.

Auf ein ähnliches Happy End wartet auch Ralf Ohsam. Obwohl er inzwischen einen kleinen Trost gefunden hat. Sie heißt Mia. Als er von ihr erzählt, streckt er seinen rechten Arm aus. Quer über den Handrücken verläuft ein roter Kratzer, am Handgelenk sind Bissspuren zu sehen. Ein Ersatz für Tupsy ist Mia nicht. „Tupsy war total brav und hat sich immer streicheln lassen. Mia will immer nur toben.“ Auch sie ist braun-schwarz getigert. Wenn sie will, kann sie richtig niedlich gucken. Will sie aber fast nie. Ohsam sagt: „Mia habe ich sofort tätowieren und chippen lassen. Das hat etwa 200 Euro gekostet. Aber die Investition war es mir wert. Noch mal zu erleben, dass mir ein Tier wegläuft und ich es nicht mehr finde, will ich auf keinen Fall.“

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