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Allgäu

24.08.2020

Missbildungen bei Kindern: Etappensieg für Duogynon-Opfer

Die Schuld sieht Andre Sommer beim Hormonpräparat Duogynon.
Bild: Ralf Lienert (Archiv)

Plus Ist ein Schwangerschaftstest mit dem Medikament Duogynon für Missbildungen bei Kindern verantwortlich? Ein Allgäuer sagt Ja und bekommt nun Hilfe aus Großbritannien.

Jahrelang haben Andre Sommer und hunderte andere Betroffene gekämpft. Um Anerkennung, um Gehör und vor allem um ein Schuldeingeständnis. Vor wenigen Wochen nun, am 8. Juli, ein Etappensieg: Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock entschuldigte sich öffentlich. Bei all denen, die betroffen sind von den Folgen der Einnahme des Hormonpräparats Duogynon. „Bei uns“, sagt Sommer. Als der Grundschullehrer aus Pfronten im Ostallgäu 1976 geboren wurde, befand sich seine Blase außerhalb des Körpers, seine Genitalien waren deformiert. Er musste sich 15 schweren Operationen unterziehen, bis heute lebt er mit einem künstlichen Blasenausgang.

Der Entschuldigung des Ministers vorausgegangen war der Bericht einer unabhängigen Arbeitsgruppe, die das Versagen des britischen Gesundheitssystems im Umgang mit hormonellen Schwangerschaftstests wie Duogynon darlegte und auch dem Hersteller des Präparats, der Schering AG, eine Mitschuld gibt. Der Test mit Duogynon funktionierte so, dass Frauen bei Verdacht auf eine Schwangerschaft zwei Tabletten einnahmen. Setzte daraufhin keine Blutung ein, waren sie schwanger. Zwischen 1950 und 1981 stellte die Schering AG, die heute Teil des Bayer-Konzerns ist, das Präparat her.

CSU-Politiker spricht von „Meilenstein“

„Der Bericht ist ein Meilenstein“, sagt der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger, der sich auf politischer Ebene für die Duogynon-Geschädigten in Deutschland einsetzt. „Erstmals wurde damit ein wissenschaftlicher Beweis erbracht, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit ein enger Zusammenhang zwischen Primodos und den Schädigungen besteht.“ Primodos war der Name, unter dem Duogynon in Großbritannien vertrieben wurde.

Die Arbeitsgruppe macht den zuständigen Behörden und der Schering AG große Vorwürfe: „Hormonelle Schwangerschaftstests hätten 1967 zurückgezogen werden müssen, da Bedenken hinsichtlich des Risikos (...) bestanden.“ Doch weder der Ausschuss zur Sicherheit von Medikamenten noch die Hersteller dieser Präparate hätten damals angemessen auf die Bedenken reagiert. „Und diejenigen, die vermeidbaren Schaden erlitten haben, benötigen Unterstützung“ heißt es im Bericht weiter. Ein Entschädigungsfonds soll demnach eingerichtet werden.

„Alles, was wir jahrelang gesagt haben, ist in dem Bericht festgehalten“, sagt Andre Sommer. Mit „wir“ meint er sich und über 600 weitere Betroffene, die sich in einem Netzwerk zusammengeschlossen haben. Dabei hatte der 44-Jährige lange gar keine Vermutung, wo seine Missbildungen herrühren könnten. Als ihm seine Mutter vor einigen Jahren erzählte, dass sie – als sie mit ihm schwanger war – Duogynon als Schwangerschaftstest einnahm, begann Sommer nachzuforschen. Er stieß auf Studien, die bereits in den 1960er Jahren vor dieser Verwendung des Hormonpräparats warnten. Zusammen mit seinem Anwalt Jörg Heynemann durchforstete er schließlich das Berliner Landesarchiv und fand Hinweise darauf, dass die Schering AG wohl von den Risiken wusste, aber nichts dagegen unternahm.

Im Gegenteil: Aus einigen Unterlagen gehe sogar hervor, dass Absprachen mit Wissenschaftlern und Politikern stattgefunden hätten, damit Duogynon noch weiter auf dem Markt bleiben konnte, sagt Sommer. „Heute käme das Präparat nicht einmal mehr in die Nähe einer Zulassung“, stellt Heynemann klar, der früher Apotheker war.

Fall erinnert an Contergan-Skandal

Während Sommer von seinem Kampf um Anerkennung erzählt, dreht er in seiner Hand eine Duogynon-Schachtel. Er hat sie von einer Mutter bekommen, die nach der Einnahme des Präparats ein Kind mit Missbildungen gebar. Jahrzehntelang trug die Frau die grün-weiße Schachtel in ihrer Handtasche mit sich herum. Weil sie sich immer noch schuldig fühlte, vermutet Sommer. „Für die Mütter war das ganz schlimm.“ Ihnen sei das Risiko nicht bewusst gewesen. „Das Bittere ist ja, dass ab 1967 Urintests möglich waren. Es gab keine Notwendigkeit mehr, Duogynon noch als Schwangerschaftstest einzunehmen“, sagt der dreifache Familienvater. Auch das bestätigt der Bericht der britischen Arbeitsgruppe.

Der ganze Fall erinnert stark an den Contergan-Skandal – mit dem Unterschied, dass jene Opfer schon seit Jahrzehnten eine Entschädigung erhalten. Dies stehe auch den Duogynon-Betroffenen zu, sagt Stephan Pilsinger. Deshalb forderte er im vergangenen Jahr, zusammen mit einer Gruppe von rund 30 Abgeordneten des Bundestags aus Union, SPD, Grünen, FDP und Linksfraktion, die Bundesregierung in einem Schreiben dazu auf, den mutmaßlichen Arzneimittelskandal aufzuarbeiten.

„Nach der Sommerpause ist es Zeit, sich dazu zu äußern“, sagt Pilsinger. Sollte die Bundesregierung zur Aufarbeitung nicht bereit sein, werde man weitere Schritte prüfen, um das Thema auf die Agenda zu bringen. Beispielsweise könnte man es zum Thema im Plenum machen oder einen Gruppenantrag einbringen – welche Schritte geeignet sind, müsse man noch überlegen.

Pharma-Riese Bayer bestreitet Zusammenhang

„Wir sehen die Bundesregierung in der Verantwortung. Das Bundesgesundheitsamt hat bewusst verhindert, dass Duogynon vom Markt genommen wird“, sagt Sommers Anwalt Heynemann. Falls ein Entschädigungsfonds eingerichtet wird, sollten deshalb sowohl Bayer als auch die Bundesregierung dafür aufkommen müssen.

Der Pharma-Riese Bayer streitet jedoch einen kausalen Zusammenhang zwischen der Anwendung von Primodos und embryonalen Missbildungen ab. Ein Pressesprecher verweist darauf, dass „die Gesamtheit der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse“ einen Zusammenhang nicht stütze. Aus Sicht des Unternehmens kämen freiwillige Entschädigungszahlungen deshalb „nicht in Betracht.“ Der Kampf von Andre Sommer ist noch nicht vorbei.

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