Newsticker

Carneval in Rio fällt wegen Corona-Pandemie aus
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Missbrauchs-Opfer: "Er war kein Monster, aber eines Tages wurde er sexuell übergriffig"

Kirche

30.09.2020

Missbrauchs-Opfer: "Er war kein Monster, aber eines Tages wurde er sexuell übergriffig"

Der katholische Publizist Bernhard Meuser litt jahrzehntelang unter den Folgen des Missbrauchs. Er sagt, er habe bisher seine ganze Kraft für die Weitergabe des Glaubens eingesetzt.
Bild: Nicolas Armer, dpa

Plus Der Publizist Bernhard Meuser arbeitete für die katholische Kirche. Nun spricht er erstmals darüber, dass er als Jugendlicher von einem Pfarrer missbraucht wurde.

Der Friedberger Publizist Bernhard Meuser arbeitete beim katholischen Verlag Weltbild, war Geschäftsführer der katholischen Mediengruppe Sankt Ulrich Verlag und initiierte die deutsche Ausgabe des katholischen Jugend-Katechismus. Doch in seinem Buch "Freie Liebe. Über neue Sexualmoral" kritisiert er die Kirche scharf. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Meuser darüber, wie er als Jugendlicher von einem Pfarrer missbraucht wurde, wie er seine Schwulenfeindlichkeit überwunden hat und wie der frühere Augsburger Bischof Zdarsa auf die Erzählung des Missbrauchs reagierte.

Herr Meuser, täuscht der Eindruck oder haben Sie sich in den vergangenen Jahren immer weiter von der, ich nenne es einmal, Amtskirche entfernt?

Bernhard Meuser: Das Gegenteil ist der Fall. Ich liebe die Kirche vielleicht mehr denn je – aber es ist eine schmerzliche Liebe zu einer durch Missbrauch, Korruption und Feigheit entstellten Kirche geworden. Die Kirche ist das Drumherum Jesu – und wenn Jesus nicht mehr vermittelbar erscheint, weil das Drumherum nicht stimmt, habe ich ein Problem.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Sie waren Verlagsleiter bei Weltbild, das zur katholischen Kirche gehörte. Sie waren Geschäftsführer der katholischen Mediengruppe Sankt Ulrich Verlag, die dem Bistum Augsburg gehört. Sie haben auch den weltweit verbreiteten Jugend-Katechismus Youcat initiiert, ein Glaubens-Handbuch. Dennoch ist Ihr neues Buch eine Abrechnung...

Meuser: Eine Abrechnung? Nein. Ein Weckruf vielleicht, eine Störung, das schon. Glauben Sie mir, ich habe bisher meine ganze Kraft für die Weitergabe des Glaubens eingesetzt, und möchte nie wieder so ein hartes Buch schreiben müssen. Es brennt mir auf der Seele, dass meine Kinder und Enkel Christen werden, dass sie das Wort Gottes hören und die Kirche nicht ablegen wie ein schmutziges Kleid. Deshalb kann ich mich nicht damit abfinden, wie offizielle Vertreter der Kirche das eigentliche Missbrauchsthema durch immer neue Varianten von Scheinaufklärung umgehen.

Bild: Meuser

Sie machen in Ihrem Buch erstmals öffentlich, dass Sie als Jugendlicher in Ihrem rheinischen Geburtsort von einem homosexuellen Pfarrer missbraucht worden seien. Wie ist es dazu gekommen?

Meuser: Es fällt mir nicht leicht, davon zu reden. Aber man muss vielleicht einmal konkret werden, damit der Kirche klar wird, was sich in meinem und vielen anderen Fällen ereignet hat.

Was hat sich ereignet?

Meuser: Mein Vater war gewalttätig. Meine Mutter glaubte, sie müsste mich – da war ich vielleicht 15 – in Sicherheit bringen. Sie gab mich an der Tür des Pfarrhauses ab. Der Pfarrer war überaus generös zu mir und behandelte mich wie einen Sohn. Ich glaubte, einen Vater in ihm gefunden zu haben.

Was Sie nicht hatten.

Meuser: Seine Sehnsucht nach einem Sohn war vielleicht sogar authentisch, er war kein Monster. Aber eines Tages wurde er wie aus dem Nichts heraus sexuell übergriffig. Es war ein brutaler Schock. Fast 15 Jahre lang war ich danach ohnmächtig mit diesem Geheimnis, das mir aufgezwungen wurde, unterwegs – eingeschlossen in die Unmöglichkeit, mich mitzuteilen.

Sie bezeichnen den Pfarrer als homosexuell – war das denn so offensichtlich?

Meuser: Homosexualität ist wohl etwas äußerst Komplexes, aber zunächst ist es einmal gleichgeschlechtliches Begehren. In einem Anfall von Offenherzigkeit verriet er mir, dass er mit Frauen nichts anfangen könne; es fielen permanent sexistische Bemerkungen über Frauen. Im selben Gespräch gestand er mir auch, was ihn in Versuchung führt.

Er zahlte Ihnen später, wie Sie schreiben, die Ausbildung in einem Internat. Der Versuch, sich frei zu kaufen?

Meuser: Ich vermute es. Ich glaube, der Mann hat wie ein Tier unter sich selbst gelitten. Wir waren gewissermaßen in einem Gefängnis mit zwei Räumen. Mein Gefängnis war, dass ich niemanden hatte, dem ich mich mitteilen konnte, wobei ich damals auch keine Worte für das Unfassliche hatte. Gleichzeitig bestand mein Gefängnis aus Dankbarkeit: Er tat mir doch auch soviel Gutes...

Und sein Gefängnis?

Meuser: Sein Gefängnis, denke ich, war das Wissen um den Missbrauch und die Abgründe in ihm. Indem er mich mit Gaben überhäufte, sollte ich wohl vergessen.

Erst vor Kurzem wandten Sie sich an die für den Pfarrer zuständige kirchliche Stelle. Wie reagierte man dort auf Ihre Schilderungen?

Meuser: Mein Fall war schon Anfang der 80er Jahre nach Rom in den Vatikan gegangen. Von dort wurde er entweder nie an die zuständige Diözese weitergeleitet oder dort nicht weiter beachtet. Als ich vor zwei Jahren in der Diözese Nachforschungen anstellte, war in den Akten jedenfalls nichts zu finden.

Das ist eine Erfahrung, die sehr viele Betroffene machen mussten: Akten waren unvollständig oder wurden vernichtet, ihnen wurde nicht geglaubt, Täter wurden geschützt.

Meuser: Ich denke schon, dass mir geglaubt wurde. Aber es passierte nichts. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, mit dem Täter konfrontiert zu werden.

Was wurde aus ihm?

Meuser: Warum er in eine abgelegene süddeutsche Region geriet, weiß ich nicht. Es ist auch nicht mehr herauszufinden. Jedenfalls war er dort schon bald wieder mit einer stattlichen Schar von Ministranten umgeben. Ich verlor ihn aus dem Auge. Das Letzte, was ich von ihm hörte, war, dass er ein Alkoholproblem hatte.

Er ist nun schon eine Weile tot. Wusste der frühere Augsburger Bischof Konrad Zdarsa, für den Sie ab 2011 arbeiteten, von Ihrem Missbrauchsfall?

Meuser: Natürlich.

Wie reagierte er darauf?

Meuser: Sehr verständnisvoll. Ob er damals allerdings das Ausmaß, das Typische und die systemischen Zusammenhänge in der katholischen Kirche erkannte? Ich glaube: eher nicht.

Sie schreiben, der Missbrauch habe "im Nebeneffekt etwas in mir erzeugt, worunter ich jahrelang litt, das Phänomen, das man heute 'Homophobie' nennt". Wie äußerte sich dieser Schwulenhass?

Meuser: 80 Prozent der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind Knabenschändung – ich nehme mal dieses Wort in den Mund. Das passt besser auf die Wirklichkeit als das euphemistische Wort Ephebophilie, also die Liebe zu postpubertären Jungen. Man sollte vielleicht verstehen, dass sich der Zorn und der Ekel eines Geschändeten leicht auf jede Form gleichgeschlechtlichen Begehrens überträgt. Über diese Pauschalisierung bin ich heute hinaus. Ich kenne und schätze eine Reihe von Menschen mit homosexueller Orientierung, auch unter Priestern. Was geblieben ist: die Phobie vor Missbrauch. Und die lasse ich mir von niemandem wegtherapieren.

Wie überwanden Sie Ihre feindselige Einstellung Homosexuellen gegenüber?

Meuser: Durch konkrete Begegnungen. Als junger Verlagsleiter von Pattloch war eines meiner ersten verlegten Bücher Mitte der 90er ein Buch mit Markus Commercon, einem aidskranken Homosexuellen, der dem Tod entgegenging. Vor Kurzem habe ich noch einer lesbischen Frau geholfen, ihre Biografie zu schreiben.

Die katholischen Bischöfe haben sich bei ihrer Vollversammlung in Fulda kürzlich darauf verständigt, dass Missbrauchsopfer wie Sie bis zu 50.000 Euro als "Anerkennung des Leids" erhalten sollen. Werden Sie einen Antrag stellen? Und: Fühlen Sie sich dadurch "anerkannt"?

Meuser: Zweimal nein. Ich bin mit meiner Geschichte versöhnt, werde keinen Antrag stellen und fühle mich dadurch auch nicht anerkannt. Mich interessiert die Reinigung und die Erneuerung der Kirche. Ich möchte, dass sie Menschen wieder in eine Beziehung mit Jesus Christus verhilft.

Müssen Bischöfe Verantwortung übernehmen, indem sie zurücktreten? Das wäre immerhin ein Zeichen.

Meuser: Durchaus, wenn sie konkrete Schuld auf sich geladen haben. Wobei es eine Reihe von Bischöfen gibt, die seinerzeit – in meinem Fall vor allem in den 70ern und 80ern – nicht in Verantwortung waren und heute alles tun, was man tun kann für eine authentische Kirche. Vor ihnen habe ich Hochachtung.

Die Kirche hat durch den Missbrauchsskandal massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Hat sie eine Zukunft?

Meuser: Jedenfalls nicht durch Populismus und Verdrängung. Im Horizont des Liebes- und Kirchensteuerentzuges meinen manche, die Leute würden wieder in die Kirche strömen, wenn sie die Standards heruntersetzt. Das Evangelium war immer eine Botschaft von Freude und Erlösung, aber es kam nicht billig daher.

Wie meinen Sie das?

Meuser: Die MHG-Studie, der Synodale Weg und eine "neue Sexualmoral" sollten den Missbrauch heilen...

...in der MHG-Studie untersuchten unabhängige Forscher erstmals umfassend den Missbrauch in Reihen der katholischen Kirche. Sie kamen zu dem Schluss, dass es strukturelle Faktoren wie Klerikalismus oder die katholische Sexualmoral gebe, die ihn begünstigen. Darum geht es beim Reformprozess Synodaler Weg zwischen Bischöfen und engagierten Laien.

Meuser: In Wahrheit trägt das gerade dazu bei, das Peinliche verschwinden zu lassen hinter einer allgemeinen Reformeuphorie.

Vor knapp drei Jahren waren Sie Mitherausgeber des Buches "Mission Manifest: Die Thesen für das Comeback der Kirche" und riefen zu "Mission" auf. Eine Kritik daran lautete, das Manifest bedeute die "Versektung und Evangelikalisierung" der katholischen Kirche. Sie fühlten sich missverstanden...

Meuser: Diese Kritik kam aus der gleichen strukturkonservativen Ecke, die im letzten Jahr Papst Franziskus abschmetterte, als er bat, man möge doch bitte nicht endlos über Struktur reden, sondern Neuevangelisierung zum Kern der Erneuerung machen.

Unterstützer konnten das Manifest im Internet unterzeichnen. Bis heute taten das aber nur etwas mehr als 4100 Menschen. Sind Sie enttäuscht?

Meuser: "Mission Manifest" hat genau die Provokation ausgelöst, die es auslösen sollte. Das Buch schaffte es auf die Bestsellerliste, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und in vielen Gemeinden und Fakultäten diskutiert. Papst Franziskus fand sich in "Mission Manifest" voll wieder. Dafür hat er den Initiatoren in Rom persönlich gedankt.

Zur Person: Bernhard Meuser wurde 1953 geboren. Er ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Friedberg bei Augsburg. Sein neues Buch heißt "Freie Liebe. Über neue Sexualmoral" (Fontis Verlag, 432 Seiten, 20 Euro).

Lesen Sie dazu auch:

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren