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München
30.06.2014

Jelinek am Cuvilliéstheater: Wenn Faust sich eine Sexsklavin hält

Der Schriftzug „Gewesen Worden Sein“. illustriert drastisch das Kellerreich von Josef Fritzl.
Foto: T. Dashuber/Residenztheater München (dpa)

Josef Fritzl hat 24 Jahre lang seine Tochter eingesperrt und missbraucht. Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek setzt das Verbrechen geschickt in Bezug zu Goethes Drama "Faust".

Die Welt war geschockt. In der österreichischen Provinz hatte der Familienvater Josef Fritzl seine Tochter 24 Jahre lang eingesperrt – um sie zu missbrauchen, wie es ihm gefiel. Sieben Kinder zeugte er mit ihr, eines starb drei Tage nach der Geburt, das verbrannte Fritzl im Kamin des Hauses. Das Lügengebäude, das Fritzl um das Verschwinden seiner Tochter errichtet hatte, durchschaute niemand. Nur ein todkrankes Kind, das zum Arzt musste, beendete das Martyrium.

Ein menschlicher Albtraum, den die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, diese schonungslose Albtraumerforscherin, in ihrem Stück „FaustIn and out“ mit Goethes „Urfaust“, aber auch mit Paul Celans „Todesfuge“ in Beziehung gesetzt hat. Die Verweise zeigen, dass große Dichter schon immer versuchten, das Unvorstellbare, das Grauenhafte, das Abgründige mit Worten zu fassen: Goethe den Fall der Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt, Celan den Völkermord an den Juden.

Goethes Faust bekommt sein weibliches Gegenstück

Nun macht Jelinek in ihrem Stück, das vor zwei Jahren in Zürich uraufgeführt worden war, etwas Raffiniertes – sie verschiebt die Perspektiven. Alle Figuren (wenn von Figuren überhaupt gesprochen werden kann) werden in weiblicher Form präsentiert. Goethes Faust, das Mannsbild, das rücksichtlos Unglück bringt, wohin es strebt, wohin es langt, bekommt sein weibliches Gegenstück – aus dem Opfer Gretchen wird die Faustin, das Geschöpf, das ganz sein Wille ist.

Der Faustin, die auch auf den Homunculus anspielt – das Menschenwesen, das Faust selbst erzeugt –, wird das Schicksal von Josef Fritzls Tochter Elisabeth eingeschrieben. Sie wird vom Vater ins Kellermartyrium gelockt, weil sie ihm helfen soll, eine Tür hinunterzutragen – und als diese Tür hinter ihr für 24 Jahre zuklappt, gibt es nur noch den Fernseher als Zugang zur Welt und den Vater.

Bei Jelinek werden die verschiedenen Figuren ausschließlich in Frauenform angeführt – die Geistin, die Faustin. Sie breiten diese perverse Männerfantasie aus, in der der Mann aus der Tochter ein Geschöpf macht, das ständig verfügbar sein muss und in vollkommener Abhängigkeit von ihm lebt. In Johan Simons Inszenierung am Münchner Cuvilliéstheater – erstmals inszeniert ein Kammerspielintendant am gegenüberliegenden Staatsschauspiel – wird der Geist-Faust-Fritzl-Vater männlich besetzt: Bei Simons geht es um Mann und Frau, um das Geschlechterverhältnis – und um die Gesellschaft.

In das Rokoko-Schmuckstück-Haus in der Münchner Residenz hat die Bühnenbildnerin Muriel Gerstner eine Backstein-Mauer eingezogen – bühnenhoch. Durchbrochen ist sie lediglich von zwei Fenstern, die in ein schwarzes Nichts hineinführen. Das Publikum blickt auf die Kerker-Mauer, die in Amstetten 24 Jahre lang niemand sehen wollte/konnte.

In einer Kammer befindet sich der Geist-Faust-Fritzl-Vater, dargestellt vom Schwergewicht Oliver Nägele. Wehleidig räsoniert er eine Ewigkeit darüber, dass die Frau mittlerweile in allen Belangen führe. Und wenn es ihr einmal schlecht gehe, renne sie zum Arzt und lasse sich dort betatschen. Und er, der Nichtarzt, akzeptiere so viel Ungerechtigkeit nicht. Also lockt er seine Tochter in den Keller, in dem es keine Ärzte mehr gibt – ein Gefangener seiner Gier.

Der charmante Dialekt der Birgit Minichmayr

Im anderen Loch haust die Faustin, die Fritzltochter, die von einer abgründig-glänzenden Birgit Minichmayr gespielt wird: Anfangs stockt sie mit ihren Sätzen, als ob sie 24 Jahre lang mehr mit niemanden hat sprechen können. Dann klingt das charmante Österreichisch durch, während sie vom Papa spricht und davon, dass er beim Vergewaltigen immer so lange brauche.

Je länger das Stück geht, desto monströser wird es. Nicht, weil das Monströse gezeigt wird, sondern weil das Gesagte ein monströses Bild erzeugt: Wie ein vollkommen von der Welt abgeschnittener Mensch von demjenigen, der ihn gefangen hält, vollkommen abhängig ist. Er besorgt die Einkäufe und stillt den Hunger. Die Gretchen-Frage nach dem Gott und der Religion beantwortet die Fritzl-Tochter rein irdisch: Ihr Gott ist der eigene Vater, er hat nicht nur sie, sondern auch ihre Kellerwelt geschaffen und versorgt sie.

Dem Regisseur Simons und den Schauspielern gelingt es, den typischen, handlungslosen Jelinek-Text zum Vibrieren zu bringen. Der Abend zeigt auch, wie gelungen Jelineks Faust-Umkreisung ist. Als ein Sekundärdrama will die Nobelpreisträgerin es verstanden wissen, das nur in Kombination mit einer Faust-Inszenierung gespielt werden darf. Das Stück steht wie die Inszenierung problemlos allein für sich.

Weitere Termine am 4., 12. und 16. Juli im Münchner Cuvilliéstheater

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