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Corona-Pandemie

17.12.2020

Münchner Chefarzt Wendtner: "Das wird nicht der letzte Lockdown sein"

Das öffentliche Leben ist seit Mittwoch komplett heruntergefahren. Erst einmal bis 10. Januar. Doch reicht das?
Bild: Daniel Karmann, dpa

Plus In der München Klinik wurde der erste Corona-Patient behandelt. Aktuell sind es 169. Warum Professor Wendtner mit der Impfung noch kein Ende sieht und was er fordert.

Als Mahner in der Wüste fühlte sich Professor Clemens Wendtner im September. Damals war der Chefarzt der München Klinik schon überzeugt: „Die zweite Welle wird kommen.“ Jetzt sind wir mittendrin. Die Zahl der Infizierten steigt und mit ihr die Zahl der Toten. Längst ist auch das Klinikpersonal betroffen. Zusammen mit Intensivmediziner Professor Uwe Janssens sprach sich Wendtner für einen früheren harten Lockdown aus, weil ihm klar war, die Lage wird sich zuspitzen. Auch heute warnt der Infektiologe: „Es wird nicht die letzte Pandemie sein.“

Professor Clemens Wendtner behandelte mit seinem Team den ersten Covid-19-Patienten der Firma Webasto.
Bild: picture alliance/dpa/München Klinik

Professor Wendtner behandelte mit seinem Team am 27. Januar den ersten Covid-19-Patienten der Firma Webasto an der München Klinik Schwabing. Bis heute seien es in der München Klinik über 1400 Covid-19-Patienten gewesen. Aktuell liege die Zahl bei 169. Tendenz steigend. „Die Zahlen sind besorgniserregend“, sagt Wendtner, die Lage an den Kliniken prekär. Was also rät er? Wie geht es weiter?

Bittere Corona-Lehre: Lieber einen kurzen, harten Lockdown

Wendtner gehört zu dem Expertenkreis, der die Bayerische Staatsregierung berät. Es sind Fachleute aus den verschiedensten Bereichen. Der erfahrene Mediziner weiß, zu den bitteren Lehren aus diesem Jahr wird zählen: „Lieber künftig einen kurzen, harten Lockdown als über Wochen ein halbherziger Shutdown, an dem am Ende die Wirtschaft auch leidet und man den Gesundheitsbereich doch nicht unter Kontrolle bekommt.“ Daher ist sich der Chefarzt sicher: „Das wird nicht der letzte Lockdown sein.“ Bis 10. Januar wird jetzt erst einmal alles geschlossen sein, dann werde überlegt werden: Reicht das?

Wendtner ist sich sicher, man werde sich nicht mit einem Inzidenzwert von 120 zufriedengeben, der Wert müsse schon zweistellig sein. Er sagt aber auch: „Wir werden das ganze Jahr 2021 über brauchen, um eine Herdenimmunität aufzubauen.“ Wenn wir  jetzt fünf Millionen Impfdosen im Januar hätten und die Menschen zweimal geimpft werden müssten, könnten nur 2,5 Millionen mit der ersten Lieferung versorgt werden.

Wann erreichen wir die Herdenimmunität?

Zunächst werde die Risikogruppe I geimpft, also alte Menschen, Krebspatienten, Personen, die im Gesundheits- und Pflegebereich arbeiten. Das allein seien schätzungsweise elf bis 13 Millionen. Das heißt, rechnet Wendtner vor, man brauche bei den momentanen Impfstoffkapazitäten vier bis fünf Monate, um allein die Risikogruppe I zu impfen – immer vorausgesetzt, dass alles mit der Produktion klappt. „Bis dahin wird uns aber ja das Virus nicht verlassen und daher bin ich überzeugt davon, dass es harte Lockdowns immer wieder geben wird.

 

Eine Herdenimmunität werden wir erst Ende 2021, vielleicht sogar erst 2022 erreichen.“ Und daher muss man aus seiner Sicht ehrlich sagen: „Wir werden einen Zyklus aus Lockerungen und harten Lockdowns auch 2021 haben. Es ist eine Illusion zu glauben, dies sei jetzt der letzte Lockdown, dann kommt die Impfung und dann wird alles prima. Das Ganze ist ein Langstreckenlauf.“

Nach Impfstoff muss noch etwas anderes stärker erforscht werden

Entscheidend ist die Anzahl der Intensivbetten, macht Wendtner deutlich. „An der Kapazität der Intensivbetten wird sich entscheiden, ob es bei uns zu einer Triage kommen wird, einer Situation wie in Bergamo, in der Ärzte entscheiden müssen, ob ein Schwerstkranker mit Blick auf die knappen Ressourcen noch weiter behandelt werden kann.“ Was ist also zu tun?

Neben einem Impfstoff muss nach Einschätzung von Professor Wendtner auch die Medikamentenforschung stärker in den Mittelpunkt gerückt und gefördert werden. Schließlich müssten Ärzte, bis die Impfung durchschlägt, weiter Covid-19-Patienten behandeln und Remdesivir und Dexamethason seien als Therapiebausteine viel zu wenig: „Wir brauchen dringend neue Medikamente.“

Remdesivir (im Bild) und Dexamethason sind laut Wendtner als Therapiebausteine zu wenig.
Bild: Zsolt Czegledi, dpa (Symbolbild)

Die Bayerische Staatsregierung habe hier bundesweit eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen und zur Anschubfinanzierung 50 Millionen Euro für Therapiestudien genehmigt, jetzt laufe gerade der Auswahlprozess. „Doch es ist zu hoffen, dass auch auf Bundesebene die Arzneimittelforschung gepusht wird“, sagt Wendtner. Schließlich müsse berücksichtigt werden, dass die Arzneimittelforschung und Herstellung für ein Medikament, das nur ein paar Jahre gebraucht wird, betriebswirtschaftlich nicht attraktiv ist. „Hier sind Bundesmittel in Millionenhöhe nötig, um beispielsweise auch Start-ups zu unterstützen, die sich engagieren wollen.“

Wendtner: "Es kann durchaus noch schlimmer kommen"

Der Virologe Christian Drosten warnt bereits vor neuen Viren. Ist das eine Einzelmeinung? „Nein“, betont Wendtner und warnt zugleich vor weiteren Pandemien. Er möchte nicht so weit gehen und bei der momentanen dramatischen Gesamtlage nur von einer Generalprobe sprechen, „aber es kann durchaus noch schlimmer kommen“. Gerade eine globale Welt ist vor dem Einschleppen von Viren nicht gefeit. Und auch die Warnungen der WHO gelte es ernst zu nehmen, dass die Klimapolitik Einflüsse beispielsweise auf die Tierwelt hat, was wiederum zur Folge hat, dass dort leichter sogenannte Spreading-Prozesse entstehen, die wiederum Mensch und Tier in existenzielle Gefahr bringen.

 

„Man muss viel lernen aus dieser Pandemie“, hebt Wendtner im Gespräch mit unserer Redaktion hervor. „Und diese Erkenntnisse dürfen vor allem nicht vergessen werden, wenn der Impfstoff gewirkt hat.“ So gelte es vor allem die klinische Infektiologie zu stärken, denn es sind nicht die Virologen, die am Bett die Patienten versorgen, sondern der klinische Infektiologe, und dieser Bereich führe in Deutschland seit Jahren ein Schattendasein. Was die Pandemie aber auch gezeigt hat: „Wir brauchen eine größere Pflegereserve.“.

"Keiner muss Angst haben, sich im Krankenhaus mit Covid-19 anzustecken"

Seit Januar sind Ärzte und Pflegepersonal in der München Klinik einer extremen Doppelbelastung ausgesetzt. Denn wie in anderen Krankenhäusern auch, werden dort trotz Corona weiter Schwerstkranke mit anderen Leiden behandelt, aber auch Kinder geboren.

 Wendtner, der auch Internist und Krebsspezialist ist, ist diese Botschaft wichtig: „Jeder Notfallpatient mit unklarem Beschwerdebild möge bitte auch kommen.“ Keiner müsse Angst haben, sich im Krankenhaus mit Covid-19 anzustecken. „Wir trennen die Patientenströme schon am Eingang.“ Es werde beispielsweise auch weiter transplantiert und gerade auch Krebspatienten müssen, so der Chefarzt, keine Sorge haben: „Krebspatienten werden weiter behandelt.“

 

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