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30.07.2019

Nach Tierskandal im Allgäu: So leben gesunde Kühe

Kuh 578, die mittlere der drei, ist schon 15 Jahre alt - eine richtige Seniorin.
Bild: Stephanie Sartor

Plus Die Milchviehhaltung steht wegen des Tierquälerei-Skandals im Allgäu derzeit im Fokus. Doch wie geht es in einem ganz normalen bayerischen Stall eigentlich zu?

578 kaut. Und kaut. Und kaut. Dann gräbt sie die nasse Nase in grünes Gras, hebt den Kopf, blinzelt in die Sonnenstrahlen dieses glühend heißen Sommertages – und kaut weiter. 578 ist eine Rarität. Etwas, das man nicht allzu oft in bayerischen Ställen antrifft. 578 ist, wenn man so will, eine Seniorin. Die Milchkuh ist 15 Jahre alt, 13 Kälber hat sie geboren. Einen Namen hat sie nicht, nur diese Nummer, die auf einer Marke an ihrem weiß-braunen Ohr zu lesen ist. Und während sie so dasteht, frisst und mit ihrem Schwanz lästige Fliegen vertreibt, fragt man sich: Wie sieht das eigentlich aus, so ein Kuh-Leben?

Diese Frage stellt man sich vor allem jetzt, da der ganze Freistaat über den Tierquälerei-Skandal in Bad Grönenbach im Unterallgäu diskutiert. Vor kurzem veröffentlichte die Organisation „Soko Tierschutz“ schockierende Videoaufnahmen, die zeigen sollen, wie einer der größten Milchbauern Bayerns seine Tiere massiv misshandelt. Was genau passiert ist, das will die Staatsanwaltschaft jetzt herausfinden.

Aufnahmen der "Soko Tierschutz" haben Debatte befeuert

Die Aufnahmen haben nicht nur die Debatte über zu lasche Kontrollen und unterbesetzte Veterinärämter befeuert. Sie haben auch dazu geführt, dass sich viele Verbraucher mehr Gedanken machen. Darüber, wo die Milch, die sie morgens in den Kaffee kippen, eigentlich herkommt. Wie die Tiere gehalten und gemolken werden. Und auch darüber, wie lang – oder kurz – so ein Kuh-Leben eigentlich ist.

Martin Mayr steht in kurzärmeligem Karohemd, Schildmütze und Gummistiefeln auf seinem Hof in Kutzenhausen im Landkreis Augsburg, dem Hof, auf dem Kuh 578 lebt. Es riecht nach Heu und Gras und Mist. Mayr, Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes in Augsburg, dreht sich um und läuft auf mehrere kleine Boxen zu. Hier beginnt es, das Leben der Milchkühe. Flauschige Köpfchen recken sich durch die Gitterstäbe. Rosa Zungen saugen an kleinen Trinkflaschen. Die Kälber sind ein paar Wochen alt. Und wachsen ohne ihre Mutter auf. In der Landwirtschaft ist das gängige Praxis, die aber immer wieder von Tierrechtsorganisationen scharf kritisiert wird.

Martin Mayr aus Kutzenhausen im Kreis Augsburg besitzt 60 Milchkühe und etwa genauso viele Jungtiere.
Bild: Stephanie Sartor

Tierkinder werden kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt

Nur wenige Stunden nach der Geburt werden die Tierkinder auf dem Hof von Bauer Mayr von der Mutter getrennt – unter anderem, damit sie nicht von der Kuh erdrückt werden – und in eigene Boxen, die sogenannten Iglus, gebracht. Die männlichen Tiere werden mit etwa zwei Monaten in die Bullenmast verkauft, 18 Monate später landen sie dann beim Schlachter. Und später als Schnitzel in den Auslagen der Metzgereien. Die weiblichen Kälber bleiben auf dem Hof. „Wenn sie zwei Monate alt sind, kommen sie in einen größeren Stall“, erklärt Mayr. Dort leben sie in Fünfer-Gruppen zusammen, können sich frei bewegen und nach draußen gehen. „Früher wurden die Kälber noch angebunden. Aber das ist jetzt verboten“, sagt Mayr, der 60 Milchkühe besitzt und etwa genauso viele Jungtiere.

Der eigentliche Milchkuh-Zyklus beginnt dann mit 18 Monaten. Da werden die Tiere das erste Mal besamt, mit 27 Monaten kalben sie. Und 30 Tage, nachdem eine Kuh ein Kalb auf die Welt gebracht hat, wird sie wieder besamt. Dieses Prozedere wiederholt sich immer und immer wieder. „Eine Kuh muss nun mal ein Kalb kriegen, damit sie Milch geben kann. Aber das ist einigen Menschen tatsächlich nicht ganz klar“, sagt Mayr und rückt seine Mütze zurecht. Die Befruchtung übernehme er selbst, sagt der 60-jährige Landwirt. In regelmäßigen Abständen greift der Bauer zum Gummihandschuh. Und zum Sperma.

Nach diesem Rotationsprinzip aus Befruchten und Kalben funktioniert die Milchproduktion in Deutschland. Etwa 12,5 Millionen Rinder gibt es in der Bundesrepublik, davon sind etwa 4,2 Millionen Milchkühe, die jährlich rund 30 Millionen Tonnen Milch erzeugen. Damit ist Deutschland nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums der größte Milcherzeuger der Europäischen Union. Und Bayern ist im bundesweiten Vergleich das Land, in dem mit knapp 1,2 Millionen Tieren die meisten Milchkühe gehalten werden.

Wie lange die Tiere auf dem Hof von Martin Mayr leben

Und wie lange lebt nun so eine Milchkuh? Viele Jahre sind es nicht, doch im Vergleich zu den Mast-Rindern, aus denen Steaks und Carpaccio werden, dauert ihr Leben dann doch etwas länger: Nach durchschnittlich 4,9 Jahren werden Milchkühe geschlachtet, weil sie körperlich verbraucht sind. Das hat das LKV, das Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern, errechnet. Auf dem Hof von Martin Mayr leben die Tiere im Schnitt 5,3 Jahre. Wenn er sie nach ihrer Zeit als Milchkuh an den Schlachter verkauft, bekomme er noch etwa 1000 Euro pro Tier, berichtet der Landwirt. Auf die Frage, wofür das Fleisch der ausgedienten Kühe verwendet wird, antwortet Mayr knapp: „McDonald’s“.

Dann geht der Landwirt durch eine schmale Tür in einen kleinen Vorraum des Stalls. Dort steht ein rotes Technik-Ungetüm, auf dem „Astronaut“ geschrieben steht. Und tatsächlich mutet die große Maschine ein wenig futuristisch an, gerade hier, in der schwäbischen Landidylle. Hinter dem Melk-Roboter – immer mehr Betriebe haben mittlerweile so ein Gerät – hat sich eine Warteschlange gebildet. Die Kühe werden mit Futter angelockt und gehen dann selbstständig zum Melken. Der Apparat läuft rund um die Uhr. Jetzt ist Kuh Nummer 879 dran.

Zuerst werden die Bürsten desinfiziert, dann das Euter gereinigt und stimuliert. Ein bisschen sieht das ganze Prozedere aus wie die Unterbodenwäsche in der Autowaschanlage. Ein Laser scannt das Euter und vergleicht die Daten mit denen vom letzten Mal. Welche Kuh er da gerade vor sich hat, das weiß der Roboter durch einen Chip am Halsband des Tieres. „Die Kuh wird komplett durchleuchtet“, erklärt Mayr. „Sie wird gewogen und die Wiederkauaktivität wird überprüft.“ Knapp acht Minuten dauert der Vorgang. Die Milch läuft direkt in einen großen Behälter – außer die sogenannte „Biestmilch“, also die Milch, die Kühe geben, die gerade gekalbt haben. Sie wird nicht verkauft, sondern separat aufgefangen und den Kälbern gegeben.

25 bis 30 Liter Milch kommen beim Melken heraus

Jede Kuh wird pro Tag zweieinhalb Mal gemolken – etwa 25 bis 30 Liter Milch kommen dabei heraus. Zumindest ist das der Optimalfall. Denn es gebe auch Kühe, bei denen man nach dem ersten Kalb feststelle, dass sie zu wenig Milch – also unter 25 Liter – gibt. „Die kommt dann zum Schlachter“, sagt Mayr. „Schwierig wird es auch, wenn eine Kuh nicht mehr trächtig wird. Oder wenn etwas mit dem Euter ist, zum Beispiel eine chronische Entzündung vorliegt.“

Derlei Dinge sind aber längst nicht alles, was Mayr – und vielen anderen Bauern – oft Kopfzerbrechen bereitet. „Die Stimmung in der Landwirtschaft ist am Boden“, sagt er. „Blauzungenkrankheit, Bienensterben und jetzt Bad Grönenbach. Es reicht.“ Man dürfe den Landwirt im Allgäu nicht vorverurteilen, erst müsse überprüft werden, was an den Vorwürfen tatsächlich dran ist, meint er. Aber die negativen Schlagzeilen gebe es nun mal – und die würden die ganze Branche betreffen, die ohnehin oft mit Kritik von vielen Seiten zu kämpfen habe. Mayr wischt sich den Schweiß von der Stirn, blickt auf seine Kühe und sagt mit Ernüchterung in der Stimme: „Der Milchviehhalter hat in der Gesellschaft nicht mehr das große Ansehen.“

Wie ein Professor die Lage der Bauern einschätzt

Ist das so? Und war das früher anders? Professor Heinz Bernhardt vom Lehrstuhl für Agrarsystemtechnik der Technischen Universität München meint: „Generell ja.“ Allerdings gelte das längst nicht nur für Milchviehhalter, sondern für die ganze Landwirtschaft. Im Vergleich zum Schweinehalter stehe der Milchbauer sogar noch ganz gut da. Das Problem, das hinter dieser Entwicklung steckt, ist seiner Ansicht nach folgendes: Der Verbraucher will billige Milch – also würden die Ställe vor allem nach ökonomischen Gesichtspunkten gebaut. Gleichzeitig stellt die Bevölkerung aber auch immer höhere Ansprüche, fordert bessere Haltungsbedingungen, kritisiert, dass die Tiere zu wenig Platz haben. „Mehr bezahlen will aber niemand“, bringt Bernhardt das Problem auf den Punkt.

Auf dem Bauernhof in Kutzenhausen ist es Abend geworden. Mücken schwirren durch die aufgeheizte Luft, ein Traktor rattert über die Dorfstraße. Mayr steht neben Nummer 578. Der 15 Jahre alten Kuh-Seniorin. So ein Alter sei zwar selten, sagt er, aber er habe auch schon von einer Milchkuh gehört, die noch mit 20 Jahren – was übrigens auch die natürliche Lebenserwartung eines Rinds ist – Milch gab. Wie lange 578 wohl noch im Dienst sein wird? Mayr zuckt mit den Schultern. 578 gräbt ihre Nase ins Grünfutter, das vor ihr auf dem Boden liegt. Und kaut. Und kaut. Und kaut.

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31.07.2019

"Der eigentliche Milchkuh-Zyklus beginnt dann mit 18 Monaten. Da werden die Tiere das erste Mal besamt, mit 27 Monaten kalben sie. Und 30 Tage, nachdem eine Kuh ein Kalb auf die Welt gebracht hat, wird sie wieder besamt. Dieses Prozedere wiederholt sich immer und immer wieder. Eine Kuh muss nun mal ein Kalb kriegen, damit sie Milch geben kann."
Somit ist jede im Stall stehende Kuh nichts anderes als eine gnadenlos gezüchtete Gebärmaschine die obendrein durch permanenete Trächtigkeit auch noch tüchtig Milch absondern muss. Die geborenen Kälber (diese stehen bei Wind, Gluthitze und Eiseskälte im Freien) werden nicht des Erdrücken wegens sofort von der Mutterkuh getrennt, sondern sie würden die Euter der Mutter leersaufen. Doch diesen Saft muss man ja vermarkten, das Kalb separat dazu, denn soviele Fresser kann man nicht auf dem Hof gebrauchen resp. ernähren. Man kann auch ohne Rechenmaschine ermitteln, was hierzulande in den Ställen in Zahlen abläuft. Aber Kühe sind ja dumm, mit denen kann man alles anstellen, bis hin als Basis für leckere Burger. Guten Appetit und weiters jede Menge Subventionen!

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31.07.2019

schöner Artikel - glückliche Kühe
Jetzt ist es wieder genug. die überwiegende Mehrheit der kleinbäuerlich strukturierten Landwirtschaft arbeitet sauber; das steht doch nicht zur Debatte.
Die Grossbetriebe, industriell ausgerichtet, das ist doch die Debatte und nicht das "Idyll der Milchviehbetriebe der Allgäuer Bergwelt"
Mästereien, die Futter aus Übersee einsetzen, die Fäkalien aber in die heimische Natur kippen, 6 mal im Jahr die Gülle ausfahren, etc.
Neben den aufgedeckten Tierquälereien richten die Schäden genug an. Und genau das, da auf Fläche und/oder Stückzahl ausgerichtet, werden aus Steuergeldern über die Massen subventioniert.
Die "Sauerei" liegt im System.

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