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Nürnberg
14.12.2018

In Nürnberg geht die Angst vor dem Messerstecher um

Einer der Tatorte des Messerstechers im Nürnberger Stadtteil St. Johannis. Am Morgen danach ist nur ein Absperrband der Polizei zu sehen
Foto: Daniel Karmann, dpa

Ein Mann sticht in Nürnberg auf drei Frauen ein und verletzt sie teils lebensgefährlich. Terroranschlag oder ein Verrückter? Die Polizei sucht Täter und Motiv.

Pietro Renda kann noch immer nicht ganz fassen, was da vor seiner Ladentür geschehen ist. Der 57-Jährige hatte kurz vor Geschäftsschluss noch eine Kundin, als ein junger Mann in seinen Friseursalon stürmte und um ein paar Handtücher bat. Ein bislang unbekannter Täter hatte in unmittelbarer Nähe sein erstes Opfer niedergestochen, der junge Mann war Ersthelfer und bat Renda um Unterstützung. Direkt auf der Bank vor seinem Salon habe die schwer verletzte 56-Jährige gesessen, so Renda. Sie habe unter Schock gestanden und erzählt, dass der Unbekannte ohne Vorwarnung auf sie eingestochen habe. „Wie kann das sein, dass jemand einfach auf wildfremde Menschen losgeht?“, fragt der gebürtige Sizilianer, der seit 35 Jahren in Deutschland lebt.

Nach der Messerattacke schweben zwei Frauen in Lebensgefahr

Diese Frage stellen sich in Nürnberg am Freitagmorgen viele. Ein Unbekannter hat am Vorabend im Stadtteil St. Johannis unweit der Kaiserburg drei Frauen niedergestochen und schwer verletzt. Zwei der drei Opfer im Alter von 26, 34 und 56 sind zunächst in Lebensgefahr – erst nach Stunden geben die Ärzte Entwarnung. War es ein Terroranschlag? Hass auf Frauen? Die Tat eines Verrückten? Die Spekulationen gehen in alle Richtungen. Die Polizei hat bisher keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund. Der Täter ist auf der Flucht.

Im ganzen Stadtteil ist die Verunsicherung groß. Viele haben schon in der Nacht geahnt, dass etwas passiert sein muss. Stundenlang zog ein Polizeihubschrauber seine Kreise. „Das ist ein mulmiges Gefühl“, sagt der 44-jährige Tom Dorn. Er ist Mitarbeiter im Café Fatal, wohnt im Stadtteil und macht sich vor allem um die Sicherheit von Frau und Kind Gedanken.

Terror oder Frauenhass? Die Nürnberger spekulieren über das Tatmotiv

„Solange der Mann nicht gefasst wird, werde ich mich auf dem Heimweg genauer umschauen“, sagt auch Kerstin T., die Gast in dem Café ist. Wie viele andere auch rätselt die 53-Jährige über die Hintergründe der Tat. „Vermutlich ist da einer ausgetickt.“ An einen Terroranschlag glaubt sie nicht. „Vielleicht hatte da einer einen Hass auf Frauen?“, fragt sie. Zu Hause einschließen will sie sich nicht – wenngleich der Täter noch nicht gefasst ist.

Ein Verdächtiger ist der Polizei am Donnerstagabend durch die Lappen gegangen: Er flieht, als er eine Streife sieht, in ein Haus. Gefunden haben die Einsatzkräfte ihn nicht. War das der Täter? „Es ist eine Spur, die überprüft wird“, sagt ein Polizeisprecher lediglich. Der Gesuchte hat die Fußgängerinnen zwischen 19 und 23 Uhr angegriffen – er soll sofort zugestochen und zuvor nicht mit seinen Opfern gesprochen haben. Die Staatsanwaltschaft sieht die Taten daher jeweils als versuchten Mord. Die Tatwaffe ist bisher unbekannt – von einem Messer will die Polizei nicht zwingend sprechen. Bei dem Täter soll es sich um einen 25 bis 30 Jahre alten Mann handeln.

Die Polizei versucht zu beruhigen - eine Sonderkommission ermittelt

Die Polizei setze alles daran, die Taten schnellstmöglich aufzuklären, betont der mittelfränkische Polizeipräsident Roman Fertinger. Solche Fälle – und dann noch ausgerechnet in der besinnlichen Adventszeit – beeinträchtigten verständlicherweise das Sicherheitsempfinden der Menschen, sagt er. Er betont jedoch: Die Zahl der Straftaten im öffentlichen Raum habe nicht zugenommen. Man könne daher nicht von einer „großen Gefährdung“ sprechen. Und doch fühlen sich viele Menschen unsicher. Das hat auch eine neue Bürgerbefragung in Nürnberg ergeben. Das Sicherheitsgefühl der Bewohner hat demnach abgenommen. Genauere Ergebnisse der Befragung wollte die Stadt ursprünglich am Freitag vorstellen. Nach den Angriffen wurde der Termin aber erst einmal abgesagt.

Die Polizei geht derzeit von einem Einzeltäter aus. Die Vorgehensweise sei „ungewöhnlich“. Eine Sonderkommission mit mehr als 40 Beamten soll den Täter schnappen. Profiler helfen dabei. Die Ermittler stehen unter Druck. Sie müssen sich auch gegen Vorwürfe zur Wehr setzen, nicht spätestens nach dem zweiten Angriff eine Warnung über die sozialen Medien abgesetzt zu haben. Die Beamten gingen jedoch zunächst von einem Einzelfall aus. Zudem seien bei der zweiten und dritten Tat kurz vor 23 Uhr nur wenige Menschen in den sozialen Medien unterwegs. Man habe auch „nicht die ganze Stadt in Unruhe versetzen“ wollen, da sich die Taten auf einen recht kleinen Raum beschränkten, so Polizeipräsident Fertinger.

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