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Oberpfalz
17.08.2018

Beifahrer von Kugel getötet: Erntejagd gilt als "hochriskant"

Die Kugel, die den Mann im Auto getötet hat, stammt aus einem Jagdgewehr.
Foto: Frank Molter, dpa (Symbolbild)

In Bayern finden derzeit Erntejagden statt. Eine davon endete am Sonntag in der Oberpfalz tödlich. Warum Experten diese Art der Jagd für hochriskant halten.

Nach wie vor klingt die Geschichte wie aus einem schlechten Film: Da sitzen zwei Männer im Auto, unterwegs auf der B16 von Regensburg nach Nittenau im Kreis Schwandorf – und plötzlich zerspringt die Seitenscheibe des Wagens, der Beifahrer sackt zusammen. Eine Kugel hat ihn getroffen. Der Mann am Steuer, 61, kann nichts mehr für seinen Freund tun. Der 47-Jährige stirbt noch an der Unfallstelle. Tage später steht fest, dass die Kugel, die den Mann getötet hat, aus einem Jagdgewehr stammt. Das hatte die Obduktion des Leichnams ergeben. Inzwischen spricht vieles dafür, dass es ein Querschläger war.

In der Oberpfalz sitzt der Schock auch mehrere Tage danach tief. Noch immer untersuchen Schussexperten des Bayerischen Landeskriminalamts, aus welchem der sichergestellten Jagdgewehre die Kugel stammt. Die Waffen sind offenbar unterschiedlichen Kalibers. Wann das Gutachten vorliegt, ist unklar.

Fest steht aber: Der Schuss wurde bei einer sogenannten Erntejagd abgegeben, die an jenem Sonntag unweit der Bundesstraße stattfand. Bei einer Jagd, wie es sie gerade jetzt vielfach in Bayern gibt.

„Solche Erntejagden werden vor allem auf Druck der Landwirte gemacht“, sagt Gertrud Helm, Pressesprecherin des Bayerischen Jagdverbands. Schwarzwild verschanze sich häufig in Maisfeldern, ganze Rotten fänden dort ihre Nahrung. Die Schäden für die Landwirte sind entsprechend groß. Wird geerntet, verständige der Landwirt in der Regel die Jäger. Denn die Wildschweine verlassen fluchtartig den Acker, sobald der Mähdrescher anrückt. Für die Jäger eigentlich ein idealer Zeitpunkt, das Wild zu erlegen.

In Thüringen wurde ein Kind von einer verirrten Kugel getroffen

„Aber diese Hopp-Hopp-Erntejagden sich hochriskant“, sagt Helm. Das zeigt der Fall in Nittenau. Oder zwei andere Beispiele, erst wenige Wochen alt: Im thüringischen Großsaara verirrt sich eine Kugel in eine Kleingartenanlage, trifft eine Sechsjährige, die dank einer Notoperation überlebt. Wenig später stellt die Polizei fest: 500 Meter entfernt fand eine Erntejagd statt. Oder ein paar Orte weiter, in Unterwellenborn: Ein 56-Jähriger stirbt, getroffen von einer Kugel bei einer Erntejagd.

Dabei gibt es für solche Ernten klare Regeln, sagt Helm. Zum Beispiel, dass der Jäger erhöht sein muss. Sogenannte Drückjagdböcke kommen zum Einsatz – Holzgestelle, auf denen der Jäger steht oder sitzt. Oder man steht auf einem Autoanhänger. Die Höhe ist wichtig, damit der Schuss nach unten abgegeben werden kann und sichergestellt ist, dass die Kugel vom Boden abgefangen wird. „Wenn man keinen Kugelfang findet, dann schießt man auch nicht“, sagt Otto Storbeck, Vorsitzender der Jagdvereinigung Nittenau der Passauer Neuen Presse. Ein weiterer Leitsatz lautet: In Richtung Straße schießt man nicht!

Storbeck selbst war bei der Jagd nicht dabei, sondern im Urlaub auf Kreta. Noch ist nicht geklärt, aus welcher Position seine Kollegen geschossen haben. Storbeck, noch immer geschockt, sagt der Zeitung: „Es muss ein tragischer Unfall gewesen sein, bei der vom Schützen vielleicht ein Stein übersehen wurde, an dem das Projektil abprallte und auf die B16 schoss.“

"Das ist für keinen Jäger vorhersehbar"

Auch Waffenexperte Lars Winkelsdorf hält es für denkbar, dass die Kugel, die den Beifahrer tötete, auf einen Stein oder einen Baum traf und dadurch ihre Richtung verändert hat. „Man darf sich eine Kugel nicht wie einen Laserstrahl vorstellen. Prallt sie ab, kann man kaum vorhersehen, in welche Richtung sie fliegt“, sagt der Hamburger Waffenexperte. Zudem könne das Geschoss eines großkalibrigen Jagdgewehrs, wie es in solchen Fällen zum Einsatz kommt, problemlos fünf Kilometer weit fliegen. „Auf diese Distanz kann es auch tödlich sein“, betont der Waffenexperte. Das Maisfeld bei Nittenau, in dem die Drückjagd stattfand, soll direkt neben der B16 sein.

Wäre das Unglück in der Oberpfalz also zu verhindern gewesen? Waffenexperte Winkelsdorf glaubt nicht daran. „Das ist für keinen Jäger vorhersehbar.“ Vieles spricht dafür, dass die Männer den Irrläufer gar nicht bemerkt haben. Winkelsdorf sagt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass so ein Geschoss abprallt und dann noch jemanden tödlich trifft, liegt bei eins zu 100 Millionen.“

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