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Österreich
17.06.2018

Warum die Bayern die Ösis mögen - und doch wieder nicht

100 Jahre wird die Republik Österreich in diesem Jahr alt - wie der Freistaat Bayern.
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100 Jahre wird die Republik Österreich in diesem Jahr alt - wie der Freistaat Bayern.
Foto: Bruno Kickner, imago

Die Republik Österreich ist so alt wie der Freistaat. Nur: Was heißt das schon? Wir sind den Ösis zwar nah, reißen aber trotzdem Witze übereinander. Warum nur?

Ohne Schmäh geht’s nicht. Das ist klar. Dazu kennen wir uns zu gut. Fesch samma, koane Preißn samma und gleich alt samma auch. 100 Jahre Freistaat Bayern, 100 Jahre Republik Österreich. Das ist ein doppelter Grund zum Feiern. Die Menüfolge sollte kein Problem sein: erst Schweinsbraten mit Knödel und einer Halben Bier, dann Palatschinken mit Marillenröster und einem Glaserl grüner Veltliner. Wer den Schnaps spendiert, ist wurscht. Der schmeckt hier wie dort.

Gesprächsstoff zum Doppeljubiläum gibt es in Hülle und Fülle. Dass wir unsere Sisi dem Habsburger Franzl überlassen haben, liegt zwar schon länger als 100 Jahre zurück, es gehört aber irgendwie genauso dazu wie alles andere aus der früheren Geschichte auch: Schießereien und Liebeleien, Trennungen und Wiedervereinigungen, Almwirtschaft und Donauschifffahrt, königliche Würde und kaiserliche Pracht, Pfifferling und Eierschwammerl. Drei Bemerkungen seien deshalb hier vorausgeschickt.

Erstens: Am Anfang stand die Gründung der „Marcha Orientalis“ („Ostmark“) als östliche Präfektur des fränkischen Herzogtums Baiern zu Beginn des neunten Jahrhunderts. Merke: Österreich – na ja, zumindest der Vorläufer der späteren Weltmacht der Habsburger – wurde von Bayern aus gegründet.

Die Sache zwischen Österreich und Bayern, so viel ist klar, ist kompliziert

Zweitens: Auch die Sprache der Österreicher kommt aus Bayern. Tatsächlich ist das Österreichische rein sprachwissenschaftlich gesehen nur eine Variante des Bayerischen. Damit ist aber auch klar, dass der größte Teil des bayerischen Sprachraums außerhalb Bayerns liegt, weil Franken und Schwaben nicht bayerisch, sondern fränkisch und schwäbisch reden. Die Sache mit dem Alemannischen, das Teile des Allgäus mit Vorarlberg und Tirol verbindet, soll hier nicht weiter vertieft werden. Es reicht aus zu wissen: Die Angelegenheit ist kompliziert.

Drittens: In der politischen Geschichte gilt das über viele Jahrhunderte hinweg noch viel mehr. Von wegen „Identität“ oder „Nationalbewusstsein“. Dass die Passauer und Salzburger Fürstbischöfe und etliche andere Herrschaften jahrhundertelang aus eigener Herrlichkeit herrschten und sich weder als Bayern noch als Österreicher, sondern „reichsunmittelbar“ gefühlt haben, das müssen wir gemeinsam in Demut hinnehmen. Es ist halt immer hin und her gegangen mit den Grenzen und den Herrschern.

Vor hundert Jahren wurde die Sache erstmals geregelt, nach 1945 ein zweites Mal. Dass wir es seither nicht immer leicht miteinander hatten, ist hinlänglich bekannt. Das liegt zuallererst an einer gewissen Raffinesse, mit der unsere liebsten Nachbarn es immer wieder schafften, uns in der Weltgeschichte den Rang abzulaufen. Der österreichische Sozialdemokrat Hannes Androsch, einer der herausragenden Sprücheklopfer der Alpenrepublik, hat diese simple Wahrheit trocken ausgesprochen: „Es ist unser großes Geschick, Beethoven zu einem Österreicher gemacht zu haben und Hitler zu einem Deutschen.“ Ja sapparament! Hund sans scho, die Ösis!

Österreich und Heldensagen? Das geht nicht zusammen

Umgekehrt musste unser Brudervolk in den Bergen und entlang der Donau ertragen, dass in Bayern saudumme Witze über Österreicher gerissen wurden. „Es jodeln schön die Steiermärker, im Bett da sind die Bayern stärker.“ Eine Frechheit ist das! Genauso wie die Geschichte vom österreichischen Wasserskifahrer, der keinen See findet, auf dem es bergab geht. Oder die Frage nach den drei dünnsten Büchern der Welt. Antwort: englisches Kochbuch, US-amerikanische Kulturgeschichte, österreichische Heldensagen. (Und nur der Vollständigkeit halber: Die Österreicher erzählen diesen Witz über Italiener.)

Aber, um nicht mehr länger um den heißen Brei herumzureden: Es ist in jüngster Zeit schwieriger geworden, als Bayer mit der gebotenen Ironie über Österreich zu schreiben. Die Scherzfrage „Wie heißt der österreichische Bundeskanzler?“ zündet nicht mehr. Schließlich weiß in Bayern mittlerweile jedes Kind, dass in der Alpenrepublik jetzt dieser „Wunderwuzzi“ politisch die erste Geige spielt. An Dynamik können Angela Merkel und Horst Seehofer da nicht mehr mithalten, ja sogar der Markus Söder ist älter als der Dings ... äh ... der „Wunderwuzzi“ halt, den er am Mittwoch zur gemeinsamen Kabinettssitzung in Linz treffen wird – die erste zwischen Österreich und Bayern.

Auch mit dem Fußball lassen sich unsere Nachbarn nicht mehr tratzen. 40 Jahre nach der Schmach von Cordoba („I werd narrisch“) folgte ausgerechnet kurz vor Beginn der Fußball-WM die Schmach von Klagenfurt. Jetzt dürfen sich die Ösis – „Freundschaftsspiel“ hin oder her – Weltmeister-Besieger nennen. Radikal-Bayern könnten an dieser Stelle zwar einwenden, dass in Klagenfurt die deutsche Nationalmannschaft verloren habe und nicht der FC Bayern oder der FC Augsburg. Aber was nützt uns das, wenn wir Freunde in Salzburg besuchen oder zum Weinkaufen ins niederösterreichische Kamptal fahren? Genau! Gar nix!

Die ganze Wahrheit ist in diesem Fall sogar noch viel schlimmer. Das schöne neue Stadion in Klagenfurt, in dem die Ösis unsere fußlahmen Kicker-Millionäre abgefieselt haben, ist mit Euros aus Bayern gebaut worden. Die CSU redet darüber gar nicht gern, aber es ist so: Die Bayerische Staatsregierung hat sich 2007 vor lauter Was-kostet-die-Welt vom damaligen Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider die durch und durch marode Bank „Hypo Alpe Adria“ andrehen lassen. 3,75 Milliarden Euro hat die Bayerische Landesbank dafür nach Klagenfurt überwiesen. Und der Haider, der Haderlump, hat seinen Kärntnern von dem Geld das schicke Stadion hingestellt. Kurz gesagt: Wir haben die Bühne, auf der wir uns blamiert haben, auch noch selber bezahlt. Ganz schön deppert.

Den Salzburgern ist München oft näher als Wien

Andererseits: Der Fußball ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie nah wir uns doch sind. Wenn, wie kürzlich, Dortmund und Salzburg gegeneinander antreten, tut sich zwischen den Fußballfans in Bayern eine nachgerade typische Kluft auf. Ganz im Süden des Freistaats drückt man mehrheitlich den Salzburgern die Daumen, bei den Franken ist es genau andersrum. Umgekehrt ist den Salzburgern München oft näher und vertrauter als Wien. Frage: Was ist das liebste Autokennzeichen der Salzburger? Antwort: Ein „M“. Frage: Wieso ein „M“? Antwort: Das ist ein Auto aus Wien, das auf dem Dach liegt.

Die Übergänge also sind fließend – und die Grenzen in den Köpfen mit den Landesgrenzen nicht identisch. Keiner hat es schöner gesagt als der einzige Bundeskanzler Österreichs, den zu seiner Zeit (1970 bis 1983) auch bei uns ein jeder kannte, der Sozialdemokrat Bruno Kreisky: „Nach Bayern komme ich immer gern. Da bin ich nicht mehr ganz in Österreich und noch nicht ganz in Deutschland.“

Aber wo sind denn nun – jetzt mal ganz ohne Schmäh – die wirklichen Unterschiede? Einer ist eklatant und wirkt im Lebensgefühl bis heute nach: Bayern wurde als Teil Deutschlands zum Freistaat, Österreich aber schrumpfte von der großen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn – mit zuletzt über 51 Millionen Einwohnern – zu einer kleinen Republik. Die vermeintliche Herrlichkeit der k.u.k. Zeit war damit dahin. Österreich wurde mit der Gründung der 1. Republik „Deutschösterreich“ zur ehemaligen „Weltmacht“. Bayern war nie eine und auch schon vor dem Ersten Weltkrieg kein souveräner Staat mehr. Österreich gab seine Souveränität während der Naziherrschaft mehr oder weniger freiwillig auf.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Entwicklung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bayern war Mitte der 50er Jahre längst Teil des deutschen „Wirtschaftswunders“, als das von 1945 bis 1955 besetzte Österreich seine Souveränität als unabhängiger und demokratischer Staat von den alliierten Siegermächten in einem Staatsvertrag zugesprochen bekam. Zehn Jahre lang hatten die Menschen dort darauf gehofft, „frei“ zu sein. Das heutige Selbstbewusstsein der Österreicher gründet ganz wesentlich in dieser Zeit und auf diesem Vertrag. Erst nach 1955 ging es dann auch ökonomisch richtig bergauf. Und dann sollte es noch einmal 40 Jahre dauern, bis das neutrale Österreich Mitglied der Europäischen Union werden konnte.

Witze will der Passauer Oberbürgermeister nicht reißen

Es ist also politisch wie historisch eine ziemlich asymmetrische Beziehungskiste zwischen Bayern und Österreich, die sich an dem doppelten 100. Geburtstag ohnehin nur schwer festmachen lässt. Rein praktisch, im Lebensalltag der Menschen im Grenzgebiet, aber spielte und spielt das nur eine nachgeordnete Rolle. Da ging und geht es um ganz konkrete Fragen.

Ein illustres Beispiel dafür ist Passau. Fünf Grenzübergänge gab es bis 1990 in der Stadt. Zöllner und Grenzpolizisten waren bis dahin auf Fußstreife unterwegs. „Das beliebteste Schmuggelgut war der Stroh-Rum“, sagt der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD). Heute ist der Grenzverlauf östlich des Inns im Stadtgebiet kaum mehr erkennbar. Etwa 3000 Österreicher kommen täglich zur Arbeit nach Passau. Für die Passauer ist das österreichische Hinterland seit jeher ein beliebtes Ausflugsziel. Das Verhältnis der Stadt zu den fünf angrenzenden österreichischen Gemeinden sei bestens, sagt Dupper. Es gebe gemeinsame EU-Projekte und Zusammenarbeit auf allen möglichen Ebenen. Die Hilfe der Österreicher beim großen Hochwasser 2013 sei „eine Wucht“ gewesen. Und die Feuerwehrkapellen spielen, wann immer es etwas zu feiern gibt, hüben wie drüben.

Einen Österreicher-Witz mag Dupper nicht erzählen. So etwas gehört sich nicht für einen Oberbürgermeister. Aber er räumt ein, dass es selbstverständlich „Lästereien hinüber und herüber“ gebe. Das sei immer schon „ein bisserl ambivalent“ so gewesen. Über das Historische, das bis heute nachwirkt, aber redet er gerne. Zum Beispiel über österreichischen Wein. Die „Heilig-Geist-Stiftung“ der Stadt Passau besitzt ein Weingut in Österreich, das ihr aus den Besitzungen des fürstbischöflichen Hochstifts zugefallen ist. Was aufs Neue beweist: Die gemeinsame Geschichte ist älter als nur 100 Jahre – und sie geht weiter. Das ist doch schön!

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