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Silberdistel

30.01.2019

Ohne sie wäre das historische Fest undenkbar

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Die Helferinnen der Nähstube in Donauwörth kümmern sich um 1000 Gewänder für den „Schwäbischwerder Kindertag“. Warum dort ganzjährig Betrieb herrscht

Ziehen wir einmal – nur rein theoretisch – von einem historischen Fest das optische Erscheinungsbild ab. Denken wir uns beim Kaltenberger Ritterturnier die Rüstungen weg, kleiden wir die Landsknechte des Neuburger Schlossfests in Jeans und T-Shirt und lassen wir Hedwig von Burghausen im Brautkleid der aktuellen Mode bei der Landshuter Hochzeit auftreten. Übrig bliebe – ein Fest. Eines wie Dutzende anderer auch. Gesellig ja, aber ohne den gewünschten Charme und Hintergrund.

Nicht anders verhält es sich in Donauwörth, wo Grundschüler alle zwei Jahre im Juli die Geschichte ihrer Stadt spielen. Der „Schwäbischwerder Kindertag“ ist ein Zauberwort, das die Augen glänzen lässt. Schon Monate vorher fiebern die Darsteller ihm entgegen. Und ist der große Tag gekommen, sind sie einfach nur prachtvoll anzusehen in ihren Gewändern, von denen jeder einzelne Zentimeter perfekt sitzt.

Wir reden hier von rund 1000 Aktiven, die dann vor den Resten der Stadtmauer Donauwörths Historie spürbar machen. Wir reden von mindestens 8000 textilen Einzelteilen, von denen kein einziges dem Zufall überlassen ist. Wir reden von Perfektion und Akribie. Von Röcken, die exakt auf Taille sitzen, von Bundhosen, die passgenau übers Knie gehen, von Kniestrümpfen, die nicht rutschen dürfen. Ziehen wir nun also auch beim „Schwäbischwerder Kindertag“ gedanklich die Kostüme ab, bleibt von Historie nur wenig übrig.

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Dafür, dass tausende Besucher und die Darsteller in Geschichte schwelgen können, sorgen zwölf Näherinnen im Hintergrund, ohne die aber gar nichts ginge. Dieses Team um Hannelore Zinsmeister, bei der buchstäblich die Fäden zusammenlaufen, leistet ehrenamtlich Enormes, um die Mode früherer Jahrhunderte wieder aufleben zu lassen. Sie erhalten für ihr großes Engagement die Silberdistel unserer Zeitung.

Fast alle sind Hausfrauen oder haben das Berufsleben bereits abgeschlossen und die Nähstube zu ihrem Hobby gemacht. Hannelore Zinsmeister ist Schneidermeisterin, hat ihr Handwerk also von der Pike auf gelernt. Nicht jede im Team ist im Umgang mit Nadel und Faden professionell ausgebildet. Aber alle beherrschen das Handarbeiten perfekt.

Ein Glücksfall ist sicher auch Modistenmeisterin Mathilde Sauter. „Pelz und Hut Sauter“ war einst ein alteingesessenes Donauwörther Geschäft. 125 Jahre lang dauerte die Tradition, 1998 schloss der Laden. All ihr Wissen steckt Mathilde Sauter nun in Kappen und Mützen, Hüte, Hauben und Barette für den Kindertag. Und sie bildet schon jetzt ihre Nachfolgerin im Team aus, um ihr Handwerk weiterzugeben.

Seit 2011 existiert die Nähstube. Aus kleinsten Anfängen hat sie sich entwickelt. Standen anfangs 70 Quadratmeter und eine alte Nähmaschine in einem Siedlerhaus zur Verfügung, so erstrecken sich nun die Arbeits- und Lagerflächen auf zwei Etagen mit 200 Quadratmetern. An jedem Donnerstag kommen die Näherinnen dort zusammen, studieren Stilkunde, nehmen Maß, fertigen Schnittmuster, schneiden zu. Dort geben sie Gas, dass die Nähmaschinen nur so schnurren. Dann schließen sich die Nähte und die Scheren kappen die Fäden. Und irgendwann liegen die historischen Kreationen in Samt und Seide, Rupfen und Leinen, Wolle und Brokat formvollendet auf den Tischen. Fertig.

Fertig? Niemals! Ihre Arbeit ist ein ewiger Kreislauf, der immer wieder von Neuem beginnt. Ist das historische Treiben vorüber, dann türmen sich Berge von schmutziger Kleidung. Die ganze Pracht, die eben noch als Augenweide von den vielen Kinderdarstellern getragen wurde, liegt dann ein wenig unansehnlich vor den Mitarbeiterinnen.

Dann wird sortiert. Alle Strümpfe kommen zusammen, alle Handschuhe, Hemden und, und, und. Tausende von Rüschen werden abgetrennt, um sie per Hand zu säubern. Alles, was in die Waschmaschine darf, wird dort gereinigt. Vieles aber ist zu empfindlich und muss in mühevoller Handarbeit behandelt werden. Jeder Fleck einzeln. Danach geht es in die Nähstube. „Wir untersuchen jedes Teil, ob es reparaturbedürftig ist“, schildert Hannelore Zinsmeister. „Da sind Ärmel beschädigt, Löcher entstanden, Ösen ausgerissen und manches mehr.“ Da werden Schwedenstiefel ebenso repariert wie Bürgerröcke.

Von September bis Weihnachten wird ausgebessert. Dann machen sich die Frauen daran, neue Gewänder zu nähen. „Gott sei Dank findet der Kindertag inzwischen im Zwei-Jahres-Turnus statt“, sagt Hannelore Zinsmeister. „Das verschafft uns doch ein wenig Luft.“ 2018 waren es 51 Lehrerkostüme, die gänzlich neu kreiert wurden, für heuer stehen unter anderem Heroldkostüme an.

Ist alles gewaschen, gebügelt, ausgebessert, gekürzt, geweitet und verziert, dann wird es dokumentiert und in Computerdateien verwaltet. Mit anderen Worten: In der Nähstube herrscht ganzjährig Betrieb.

Es greift ein Rädchen ins andere, wenn die Helferinnen am Werk sind. Und die Harmonie erstreckt sich nicht nur aufs Fachliche. Auch sonst ist zu spüren, dass die Chemie stimmt. Denn im gleichen Maß, wie die Nähmaschinen rattern, ist auch das fröhliche Schwatzen zu hören. „Wir setzen uns mittags immer zusammen“, erzählt Hannelore Zinsmeister. „Wir feiern auch Weihnachten und Geburtstage und was es eben zu feiern gibt.“ Am meisten Grund zum Feiern haben die Frauen stets unmittelbar bevor das Fest beginnt. Sind die Gewänder ausgeliefert, haben die unzähligen Kisten mit all dem Beiwerk das Lager verlassen, können sich die zwölf Damen zurücklehnen und auf sich und ihre Arbeit anstoßen. Dann dürfen sie aufatmen. Und am Festtag selbst werden sie auf der Tribüne einfach nur zu Zuschauern.

Nicht lange freilich. Denn zwei Tage später beginnt der Kreislauf von vorn. Mit einem Berg von verschwitzter Schmutzwäsche, dessen Prunk und Pracht erst wieder ganz neu entdeckt werden müssen ...

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