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Seniorenheime

12.05.2020

Opa hat Corona: Eine Familie im Ausnahmezustand

Viele alte Menschen fühlen sich einsam – in diesen Wochen erst recht. Sind sie dann noch an Demenz erkrankt, kann die Lage für sie dramatisch werden.
Bild: Mito Images, www.imago-images.de (Symbol)

Plus Wie fühlt sich ein alter Mensch, der dement ist und in Quarantäne muss? Der Opa unserer Autorin ist 86 und seine Familie kann nur aus der Ferne für ihn da sein.

Opa hat Corona. Als die Nachricht auf meinem Handy-Display erscheint, ist das wie ein Schlag in die Magengrube. Das Virus ist plötzlich da, mitten in meiner Familie. Es trifft den Schwächsten von uns. Opa ist 86. Und er hat Demenz.

Die kommenden zwei Wochen werden hart, für alle Beteiligten. Für meinen Opa selbst, der oft nicht verstehen wird, was da eigentlich gerade passiert. Für die Pflegekräfte im Hospital zum Heiligen Geist in Wangen im Allgäu, wo er seit einigen Jahren lebt. Und für meine Mutter, die sich um ihn kümmert. Und die ihn schon lange nicht mehr gesehen hat. Denn in Baden-Württemberg wie in Bayern herrscht zum Zeitpunkt der Diagnose striktes Besuchsverbot.

 

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Opa muss in Quarantäne. Das bedeutet, dass er die allermeiste Zeit des Tages auf seinem Zimmer verbringt. Seine Tür wurde ersetzt durch eine, die er von innen nicht öffnen kann. Im oberen Teil hat sie aber ein großes, offenes Fenster, durch das er hinausschauen kann. Der Blick auf den Gang oder hinunter in den Garten ist jetzt das, was ihm von der Welt jenseits seines Zimmers bleibt.

Leicht gemacht hat sich das keiner. "Die Entscheidung wurde eingehend abgewogen und nach Absprache mit dem staatlichen Gesundheitsamt getroffen", schreibt Susanne Müller, Sprecherin des Pflegeheims. Anders wäre mein Opa, der sonst viel unterwegs ist, nicht zu stoppen gewesen.

Der Großvater ist einer von sechs Corona-Infizierten

Meine Mutter wurde in die Entscheidung mit einbezogen, sie ist seine gesetzliche Betreuerin. Das Dokument hat sie sofort unterschrieben. Opa ist einer von sechs Infizierten, jetzt ist wichtig, dass nicht noch mehr Bewohner oder Angestellte angesteckt werden. Trotzdem ist ihr erster Impuls: Sie will ins Pflegeheim, will sehen, wie es ihrem Vater geht. Doch das verbietet die Politik.

In dieser Nacht schläft sie wenig und weint viel. Am Telefon versuche ich, sie zu beruhigen. Dabei sorge ich mich selbst.

Als das Virus Deutschland erreichte, waren alte Menschen die ersten, die die Politik abschottete. Zum Schutz, schließlich sind sie besonders gefährdet. Nun werden immer mehr Stimmen laut, man müsse die Bewohner nicht nur vor dem Virus, sondern eben auch vor der Vereinsamung schützen.

Ein Psychiater sagt: "Verlust an Lebensfreude ist eine Gefahr"

"Kontakte müssen zugelassen werden, selbst während der Quarantäne", sagt Dr. Jochen Tenter, Leiter der Abteilung Alterspsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie in Ravensburg-Weißenau. Wenn der Besucher Maske trage, Abstand halte und seine Hände gründlich reinige, dann sei die Gefahr einer Ansteckung sehr gering. "Der Verlust an der Lebensfreude aber ist eine reale Gefahr."

Doch es geht nicht nur um Patienten in Quarantäne, viele Heimbewohner sind zurzeit einsam. Vor einigen Tagen erst wurde eine 91-jährige Frau auf Tenters Station eingeliefert. Sie hatte versucht, sich selbst zu töten. "Wenn die alten Leute zwar leben, aber nur noch überleben, dann macht das für sie keinen Sinn", sagt der Psychiater. Je länger Besuchsverbote andauern, umso gravierender werde es für die Bewohner. "Wenn jemand 90 ist, dann sind zwei Jahre keine Perspektive." Angebote wie Video-Telefonie seien für Demenzkranke keine Alternative. "Haben Sie mal versucht, einem Demenzkranken so etwas zu erklären?" Auch für Angehörige, die vorher teilweise täglich im Heim zu Besuch waren, sei die Situation eine enorme Belastung.

 

Die Pflegekräfte machen alles, um meiner Mutter das Gefühl zu geben, noch an Opas Leben teilzunehmen. Sie sehen mehrmals täglich nach ihm, sitzen an seinem Bett und geben ihr Auskunft, wann immer sie fragt. Auch für die Pfleger ist es ein Kraftakt. Meine Mutter vertraut ihnen, denn sie kümmern sich seit Jahren liebevoll um Opa. Obwohl er nicht immer freundlich zu ihnen ist.

Dann hält die Mutter es nicht mehr aus

Dann hält sie es nicht mehr aus. Sie fährt zum Heim. Vom Fußweg aus vor dem Gebäude ruft sie Opa zu. Er winkt aus seinem Fenster im zweiten Stock. Sie schickt ein Foto, alle sind erleichtert. Abgesehen von leichtem Fieber und etwas Husten scheint es ihm gut zu gehen. An der Pforte gibt sie Schokolade für ihn ab. Und einen kurzen Brief, er solle durchhalten. Es sind ja nur zwei Wochen.

Für jemanden, der jegliches Gefühl für die Zeit verloren hat, spielen Zeitangaben keine Rolle. Opa geht es von Tag zu Tag schlechter. Er mag nicht mehr essen, nicht mehr trinken, wird wütend. Ein Versuch, ihm im Krankenhaus eine Infusion zu geben, überfordert alle, am meisten ihn selbst. Er reißt sie sich aus den Venen und schreit Ärzte an. "Er weiß eben nicht, wie ihm geschieht", sagt meine Mutter. Als er vor ein paar Jahren eine Operation an der Galle hatte, saß sie nachts bei ihm, bis er einschlief.

 

Wieder zurück im Heim sitzt Opa nachts stundenlang allein auf seinem Sessel. "Die Einsamkeit ist ein sehr großes Problem", sagt auch Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft. Sie könne zu einer Bewusstseinstrübung führen, die Psyche des Patienten verändern. Das Risiko sei groß, dass sich die Demenz während solcher Phasen verschlimmere. Wichtig sei jetzt Struktur. Briefe, in denen die Situation kurz erklärt wird, seien hilfreich. "Aber auch Fotos oder vertraute Musik."

Die erlösende Nachricht: "Opa ist negativ"

Die zwei Wochen Quarantäne sind noch nicht ganz um, da erscheint wieder eine Nachricht auf meinem Display. "Opa ist negativ." Der Stein, der in dem Moment von meinem Herzen fällt, ist riesig. Ich rufe meine Mutter an, die wieder weint. Dieses Mal vor Freude. Ein zweiter Test hatte ein negatives Ergebnis gebracht. Er hat Corona nun wahrscheinlich überstanden, die fünf anderen infizierten Bewohner auch. Doch jetzt kommt Opa nicht mehr ans Fenster. Er ist zu schwach.

Nur einen Tag später verkünden Baden-Württemberg und Bayern, dass die Besuchsverbote in Pflegeheimen gelockert werden sollen. Mittlerweile sind Besuche einzelner, fester Kontaktpersonen wieder erlaubt. Baden-Württembergs Sozialminister Manfred Lucha spricht von einem Spagat. Denn gleichzeitig müsse das Risiko, dass das Virus von außen in die Heime getragen werde, so klein wie möglich gehalten werden. Darum wolle das Land sowohl Bewohner als auch Pflegepersonal künftig intensiver testen. "Je größer die Erfolge, desto früher kann auch über sukzessive Lockerungen nachgedacht werden", sagt Lucha.

 

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) betont, dass der Schutz der älteren Generation vor dem Coronavirus in Bayern trotz der Lockerungen weiterhin absolute Priorität habe.

Dass Heime künftig mehr Spielraum haben sollen, macht die Entscheidung nicht unbedingt leichter. "Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust", sagt Anke Franke, Leiterin des Maria-Martha-Stifts in Lindau. Dort galt seit dem 13. März ein Besuchsverbot. "Man versucht, das Virus draußen zu halten", sagt sie. "Die Hochrisikogruppe sitzt hier auf einem Haufen."

Es gehe ja auch darum, ihre Mitarbeiter zu schützen. "Wenn wir es im Haus haben und sie in Quarantäne müssen – wer ersetzt sie dann? Das sind alles Sachen, die wie ein Film ablaufen."

 

Aber auch sie spürt: Je länger die Beschränkungen andauern, desto unruhiger werden die Männer und Frauen im Maria-Martha-Stift. "Manche weinen und müssen getröstet werden, sie fragen: Warum kommt mein Sohn nicht? Wer dement ist, versteht die Situation nicht. Das geht einem schon ans Herz", erzählt sie. "Viele sagen auch ganz klar, dass es ihnen lieber ist, das Virus erwischt sie, als dass sie mit diesen Einschränkungen leben müssen."

Anke Franke versucht, die Heimbewohner mit positiven Erlebnissen bei Laune zu halten. Dazu gehören Clowns und Konzerte im Garten, aber eben auch schon seit Beginn der Corona-Krise Besuche von Angehörigen – auf Distanz: Wer sich anmeldete, durfte zu einer bestimmten Stelle an den Zaun des Stifts kommen. Dort war eine Barriere angebracht, sodass es unmöglich war, nicht genügend Abstand zu halten.

Das Coronavirus darf nicht ins Stift gelangen

Jetzt, wo Besuche wieder erlaubt sind, dürfen Besucher wieder ins Maria-Martha-Stift. Mit Mundschutz und gereinigten Händen. Doch solange das Wetter schön ist, ist es der Heimleiterin am liebsten, wenn Verwandte zum Spaziergang an der frischen Luft abgeholt werden. "Das ist für alle am gesündesten", sagt sie.

Für Anke Franke ist aber auch klar: Sollte das Virus je ins Maria-Martha-Stift gelangen, wird auch sie alles tun, um die Ausbreitung zu verhindern. Auch wenn das für manche bedeuten würde, dass sie auf dem Zimmer bleiben müssten.

Auch die Wangener Hospitalstiftung mache sich Gedanken darüber, wie man allen berechtigten Interessen gerecht wird, schreibt Sprecherin Susanne Müller. Derzeit sei man aber noch dabei, das Virus einzudämmen. Heimleitung und Hygienefachleute beobachteten die Situation mit großer Anspannung und hofften, dass auch weiter keine Infektionen mehr auftauchen.

 

Mittlerweile sind gut vier Wochen vergangen, seit der erste Patient positiv getestet wurde. Weil es eine "nicht unbedeutende Inkubationszeit" gebe, sei man noch sehr vorsichtig. "Sobald es zu vertreten ist, wird es Erleichterungen geben", schreibt sie.

Und mein Opa? Auch ein dritter Corona-Test ist negativ. Meine Mutter darf ihn tatsächlich bald besuchen. Jetzt ist sie aber erst einmal glücklich, dass die Pflegekräfte ihn wieder aufgepäppelt haben.

Gestern steht sie noch einmal vor seinem Fenster. Er winkt.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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