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Augsburg

26.11.2019

Opfer müssen abgewiesen werden: Frauenhaus fehlen Plätze

Frauen, die sich in ein Frauenhaus flüchten, haben dort oft erstmals nach Jahren wieder die Gelegenheit, durchzuatmen. Doch in vielen Einrichtungen fehlen Plätze.
Bild: A. Kaya (Symbolbild)

Plus Wenn Frauen Opfer von Gewalt werden, sind Frauenhäuser oft der letzte Zufluchtsort. Doch der Platz ist begrenzt - auch in Augsburg.

Schläge, Tritte, Drohungen. All das in den eigenen vier Wänden. Der Täter ist der eigene Partner. Nun sucht die Frau dringend Schutz, bittet um einen Platz im Frauenhaus – und wird abgelehnt. Alles belegt. „Etwa 100 Mal passiert das im Jahr“, sagt Birgit Gaile, die Leiterin des Augsburger Frauenhauses der Arbeiterwohlfahrt. „In solchen Fällen setzen wir alles daran, der Frau andernorts einen Platz zu vermitteln.“

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Doch wo? In Deutschland herrscht Platzmangel in fast allen Frauenhäusern. Das baden-württembergische Sozialministerium berichtete jüngst, dass dort 600 Frauenhausplätze fehlen. Und Bayern steht kaum besser da. Vergleichbare Zahlen gibt es nicht. Aus dem Sozialministerium heißt es lediglich, dass die Auslastungsquote der 38 staatlich geförderten Frauenhäuser im Freistaat im Jahr 2018 im Schnitt bei 87,77 Prozent lag. Das bedeutet: An manchen Tagen ist zwar ein Zimmer frei, an anderen aber müssen Frauen abgewiesen werden.

Experten: Viel zu lange ist bei Frauenhäusern zu wenig passiert

Im vergangenen Jahr startete das Ministerium einen Drei-Stufen-Plan. Mehr Geld für mehr Plätze, mehr Mittel für Personal und die Betreuung von Kindern in Frauenhäusern. Und eine Koordinierungsstelle für häusliche und sexualisierte Gewalt wurde ins Leben gerufen. Sie hat im Oktober dieses Jahres ihre Arbeit aufgenommen. Das Hilfsangebot habe sich in Bayern deutlich verbessert, sagt Antje Krüger, die Leiterin der Koordinierungsstelle. In diesem Jahr hat der Freistaat 9,3 Millionen Euro für Schutzmaßnahmen gegen Gewalt an Frauen ausgegeben, nächstes Jahr sollen es 14,3 Millionen Euro werden. Aber: Viel zu lange sei viel zu wenig passiert, und diesen Rückstand müsse man nun erst einmal aufholen, da sind sich die Experten einig.

Opfer müssen abgewiesen werden: Frauenhaus fehlen Plätze

Noch immer sei häusliche Gewalt ein Problem, das zu oft hintanstehe. Vor allem bei der Verteilung finanzieller Mittel auf kommunaler Ebene. „Es gibt immer noch Regionen, in denen Kommunalpolitiker sagen: Dieses Problem haben wir hier auf dem Land gar nicht“, sagt Krüger. Doch gerade Kommunen sind entscheidend, als Träger der Frauenhäuser. Hier setze die Koordinierungsstelle an. „Wir wollen Institutionen vernetzen, Hilfsangebote besser verknüpfen und verbindliche Standards entwickeln“, erklärt Krüger. Ihre Stelle vermittelt nicht nur zwischen Frauenhäusern, sie vernetzt auch Hilfsangebote im Fall von psychischen Erkrankungen oder Abhängigkeiten. Hinzu kommt die Hilfe der „Second Stage“, die Frauen nach der Zeit im Frauenhaus begleitet.

Bevor es die Koordinierungsstelle gab, lag diese Netzwerk-Arbeit vor allem in der Hand der freien Wohlfahrtspflege. Aber der Bedarf an Hilfe sei „auf diesem Wege nicht mehr abdeckbar“, sagt Krüger. Zu weit das Feld, zu groß die Nachfrage. „Wir brauchen mehr Plätze. Es kommen immer mehr Anfragen, mit höherem Betreuungsbedarf.“ Ob das daran liegt, dass es immer mehr Gewalt gegen Frauen gibt? Das könne sie nicht beurteilen, sagt Krüger. Aber zumindest hätten „Frauen heute mehr Mut, Hilfe in Anspruch zu nehmen – und auch mehr Möglichkeiten.“

Augsburger Frauenhaus braucht mehr Plätze

Das Frauenhaus in Augsburg bietet Schutz für Frauen aus einem weiten Einzugsgebiet: Augsburg, die Kreise Aichach-Friedberg und Landsberg am Lech. „Wir haben 42 Plätze für Frauen und Kinder, aber wir könnten einige mehr gebrauchen“, sagt Birgit Gaile. Genauer gesagt: Das Frauenhaus bräuchte, so hat es eine Studie der Uni Erlangen errechnet, zusätzlich neun Frauenplätze und neun für Kinder. In der ersten Stufe konnte die Einrichtung immerhin eine Erzieherin einstellen. Pädagogische Unterstützung sei bedeutend, sagt Gaile, wenn eine Mutter ihre Rolle für ihre Kinder nicht mehr wahrnehmen kann.

Doch Gaile sieht auch Lücken im Stufenplan. Gerade kleine Frauenhäuser erhielten nicht ausreichend Personal. Außerdem fehle es an spezifischer Hilfe für Frauen mit psychischen Problemen oder körperlichen Behinderungen. Zumindest die Vermittlung freier Plätze unter den Frauenhäusern sei besser geworden, sagt Gaile: Das Ministerium habe eine Online-Plattform eingerichtet. Jeden Tag würden hier freie Plätze ins System gestellt. Und wie es scheint, wird jeder Platz benötigt.

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26.11.2019

>> Aus dem Sozialministerium heißt es lediglich, dass die Auslastungsquote der 38 staatlich geförderten Frauenhäuser im Freistaat im Jahr 2018 im Schnitt bei 87,77 Prozent lag. <<

>> Das Ministerium habe eine Online-Plattform eingerichtet. Jeden Tag würden hier freie Plätze ins System gestellt. <<

Wo ist nun das Problem?

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26.11.2019

Da muss man sich als Mann ja fremdschämen. Bei etwa 88 Prozent Auslastung kann in einer Stadt über Monate kein Platz frei sein. Eine Frau mit z.B. schulpflichtigen Kindern kann dann nicht einfach in eine andere Stadt gehen.
Da ist das Problem Herr Peter P.

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26.11.2019

>> Bei etwa 88 Prozent Auslastung kann in einer Stadt über Monate kein Platz frei sein. <<

Kann im Extremfall passieren, ist aber rechnerisch eher unwahrscheinlich;
(edit/mod/bitte kommentieren Sie sachlich)

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