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Interview

08.01.2009

Organspende ist eine sehr persönliche Entscheidung

Organspenden retten Leben. Doch in Bayern ist die Zahl der Transplantationen rückläufig. Eckhard Nagel, Mitglied des Ethikrates, plädiert dafür, dass jeder sich für oder gegen eine Spendenbereitschaft aussprechen muss. Ein Interview von Karin Seibold.

Von Karin Seibold

In Deutschland werden immer weniger Organtransplantationen durchgeführt, auch in Bayern sind die Zahlen laut der Deutschen Stiftung für Organtransplantation rückläufig. Ein Gespräch mit dem Augsburger Transplantations-Experten Prof. Eckhard Nagel, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist.

Pro Tag sterben in Deutschland durchschnittlich drei Menschen, weil sich für sie kein Organspender findet - und die Lage wird offensichtlich immer dramatischer. Haben die Menschen Angst davor, nach ihrem Tod Organe zu spenden?

Nagel: Es ist schwierig zu sagen, was der eigentliche Grund für den Rückgang der Organentnahmen ist. Viele Menschen sind wohl unsicher, weil sie nicht genau wissen, wie so eine Organspende funktioniert. Aber auch die Koordination zwischen den Krankenhäusern und der Transplantations-Stiftung könnte besser sein - es kommt noch viel zu oft vor, dass potenzielle Spender nicht gemeldet werden, obwohl das in Bayern eigentlich gesetzliche Pflicht ist.

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Wer auf einem Organspender-Ausweis einfach "Ja" ankreuzt, gibt sein komplettes Körpergewebe frei. Erst kürzlich gab es Berichte von einem Allgäuer Landwirt, dem Münchner Chirurgen die Arme eines Toten angenäht haben. Und einer Frau aus Amerika verpassten die Ärzte sogar ein neues Gesicht - auch von einer Toten. Glauben Sie, dass solche Meldungen die Menschen abschrecken?

Nagel: Das sind absolute Einzelfälle, aber es kann schon sein, dass solche Geschichten eher schockierend wirken, statt die Menschen dazu zu bringen, sich mit den Patienten zu freuen. Eben deshalb brauchen wir vor allem eine sehr sensible Informationspolitik, damit die Menschen solchen medizinischen Fortschritten etwas Positives abgewinnen können.

Wie oft kommt es denn vor, dass nicht Organe, sondern etwa Haut, Sehnen, Knorpel oder Gefäße transplantiert werden?

Nagel: Solche Eingriffe werden viel häufiger vorgenommen als etwa Herz- oder Nierentransplantationen. Hornhäute zum Beispiel machen es möglich, dass Blinde wieder sehen können, Opfer von Brandunfällen sind oft auf Hauttransplantationen angewiesen. Ich sehe so oft, wie sehr Menschen von Transplantationen profitieren können, ob bei Organen oder Gewebe. Das ist eine der eindrucksvollsten Heilungsmethoden, die man sich vorstellen kann.

Das klingt jetzt so, als ob Sie dafür wären, dass prinzipiell jeder erst mal als potenzieller Organspender gilt, solange er sich nicht ausdrücklich dagegen ausspricht - so, wie es etwa in Österreich gehandhabt wird.

Nagel: So eine Widerspruchsregelung ist in Deutschland so nicht durchsetzbar, obwohl viele Kollegen sie sehr befürworten. Besser wäre meines Erachtens eine Informations-Lösung, die jeden zum Beispiel beim Abschluss einer Krankenversicherung dazu verpflichtet, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden. Diese Entscheidung könnte dann auf den Krankenkassen-Karten mit eingespeichert werden. Die Entscheidung über Organspende ist eine ganz persönliche, das sagt ja schon das Wort Spende.

Glauben Sie, dass durch die Pflicht zur Entscheidung die Zahl der Spender steigen würde?

Nagel: Da bin ich absolut sicher. Die Deutschen sind nicht weniger spendebereit als Menschen in anderen Ländern. In Umfragen sagen 75 Prozent, dass sie Organspende grundsätzlich befürworten. Aber einen Spenderausweis haben nur die Wenigsten. In Augsburg etwa warten mehr als 150 Patienten auf ein lebensrettendes Organ - aber nur etwa 25 bis 30 Prozent von ihnen bekommen im Jahr statistisch gesehen auch ein Spenderorgan.

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