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Sterbehilfe

01.06.2020

Palliativmediziner: "Meine Aufgabe sehe ich darin, Leben zu ermöglichen"

Die Palliativmedizin ermöglicht es heute, dass auch schwerstkranke Menschen mit möglichst wenig Schmerzen leben können.
Bild: Patrick Seeger, dpa (Symbol)

Plus Unser Bericht über einen 86-jährigen Mann, der aus dem Leben scheiden will, hat viele unserer Leser bewegt. Was ein erfahrener Arzt zu dem Thema Sterbehilfe sagt.

Groß war die Resonanz auf einen Artikel, den wir jüngst veröffentlichten und der den Titel "Wie ein Augsburger vergeblich nach Sterbehilfe sucht" trug. Ein 86-jähriger Mann hatte sich an uns gewandt, weil er nach reiflichem Überlegen zu dem Entschluss gekommen sei, nicht mehr leben zu wollen. Aber niemanden fand, der ihm bei seinem Wunsch helfen wollte. Jene Ärzte, die er kontaktierte, lehnten Suizidhilfe ab, weil sie dies nicht mit sich vereinbaren können.

Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht im Februar geurteilt, dass jeder das Recht habe, darüber zu befinden, ob er leben wolle oder nicht. Allerdings darf auch niemand gezwungen werden, Suizidbeihilfe zu leisten. Der in Zürich und Hamburg sitzende Verein "Sterbehilfe" zeigte sich dann bereit für das Ansinnen des Seniors. Wir erhielten besorgte Zuschriften von Menschen, die sich überzeugt zeigten, dass man den 86-Jährigen zur Umkehr bewegen könne – was dieser aber, auch nach erneuter Rücksprache, ablehnt. Wir sprachen zudem mit Dr. Eckhard Eichner von der Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung, der seit über zehn Jahren als Palliativmediziner Hunderte von Menschen an ihrem Lebensende begleitet hat.

Der Fall des 86-jährigen Mannes scheint viele Menschen zu bewegen. Er fühlt sich nach dem Verlust geliebter Menschen allein und am Ende seines Lebens. Ein Amtsrichter hatte ihm – nach entsprechender psychiatrischer Konsultation – außerdem bescheinigt, dass er zurecht den Wunsch habe, sterben zu wollen. Warum tat sich der Mann so schwer einen Arzt zu finden, der ihm hilft?

Palliativmediziner: "Meine Aufgabe sehe ich darin, Leben zu ermöglichen"

Eckhard Eichner: Ich kenne den Mann nicht und kann zu dem Einzelfall darum natürlich nichts sagen. Grundsätzlich gelten aber auch für ihn drei Kriterien. Zuerst Freiwilligkeit: Es muss ausgeschlossen sein, dass der Mann eine psychiatrische Erkrankung aufweist und der Suizidwunsch nicht auf Druck von außen erfolgt. Dann muss sein Wunsch dauerhafter Natur sein – also mindestens über sechs, eher über zwölf Monate. Und drittens: Der Wunsch muss ernsthaft gewollt sein.

Aber genau das hat ihm ja der Amtsrichter in seinem Beschluss bescheinigt.

Eichner: Ich kann nicht beurteilen, was der Amtsrichter tatsächlich bescheinigt hat und wie er diese Beurteilung vorgenommen hat. Doch davon unabhängig sind wir Ärzte an klare Regeln gebunden. Offenbar hat der Mann jüngst seine Lebensgefährtin verloren. Wer kann nun wirklich genau sagen, ohne diesen Mann schon länger zu kennen, ob er nicht doch – aufgrund dieses Ereignisses – derzeit an einer reaktiven Depression leidet, die nach einiger Zeit verschwinden könnte?

Dr. med. Dr. phil. Eckhard Eichner ist Vorstandsvorsitzender Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung e.V.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Sie lehnen ärztliche Sterbehilfe ab – aufgrund Ihrer Erfahrung als Palliativmediziner. Warum?

Er  hält die jetzt diskutierte Form der Sterbehilfe für gefährlich

Eichner: Ich halte sie in der jetzt diskutierten Form für nicht notwendig, vor allem aber für gefährlich. Der Wunsch nach einem Suizid am Lebensende entspringt unserer Erfahrung nicht dem Bedürfnis, tot sein zu wollen, sondern nicht so leben zu müssen. Dazu gehört etwa die Angst, einem unerträglichen Leiden, massiven Schmerzen ausgesetzt zu sein. Eine Angst die völlig verständlich ist. Schmerzen am Lebensende lassen sich jedoch in aller Regel sehr gut behandeln. Die Palliativmedizin ist aber auch in den Fällen, in denen ein Mensch trotz aller Bemühungen solchen starken Schmerzen ausgesetzt ist, in der Lage, derart mit Medikamenten zu sedieren, dass er diese Schmerzen nicht bewusst erleben und somit erleiden muss. Sobald wir das den Menschen klar machen können, fühlen sie sich entlastet – und bei diesen verringert sich der Wunsch nach einem Suizid stark und verschwindet gar oft.

Aber Menschen wollen nicht nur sterben, weil sie starke Schmerzen befürchten. Dafür gibt es doch auch andere Gründe.

Eichner: Sicher. Ein weiterer Grund ist, dass Menschen anderen nicht zur Last fallen wollen. Dass sie sich hilflos fühlen. Oder einsam. Ich bin überzeugt davon, dass man bei einer guten Betreuung solche Gefühle auflösen könnte. Grundsätzlich kann man ohnehin die Frage stellen, ob Menschen, die Schmerzen, Hilflosigkeit, Nutzlosigkeit, Einsamkeit befürchten, wirklich eine freie Entscheidung treffen – was ja ein wichtiges Kriterium für Suizidassistenz darstellt. Wir sind soziale Wesen – und entscheiden darum nicht wirklich frei, sondern im Kontext mit unserer sozialen Umgebung.

Bundesgesundheitsminister Spahn ist gehalten, die Vorgabe aus Karlsruhe in eine gesetzliche Lösung zu gießen. Wie denken Sie, wird er das schaffen?

Tötung auf Verlangen ist weiterhin eine schwere Straftat

Eichner: Ich denke, er muss. Viele meiner Patienten verstehen unter assistiertem Suizid, dass ich ihnen als Arzt ein tödliches Mittel spritze und sie dann unmittelbar sterben. Das jedoch ist Tötung auf Verlangen und weiterhin eine schwere Straftat. Diese Art der Sterbehilfe wird es auch weiterhin in Deutschland nicht geben und steht auch überhaupt nicht zur Diskussion. Der assistierte Suizid hingegen ist straffrei. Aber auch in diesem Fall gibt es viele Probleme, die Herr Spahn lösen müssen wird.

 

Warum?

Eichner: Schon allein aus rein praktischen Gründen. Herr Spahn muss Kriterien festlegen, wie das Ganze abzulaufen hat und wer anspruchsberechtigt ist. Dann müsste ein lebensmüder Mensch ein Medikament erhalten, das dieser ganz allein einnimmt. Dieses Medikament muss sicher wirken. Das einzige Mittel, das als sicher gilt, ist das Schlafmittel Pentobarbital, das in Deutschland – außer im Bereich der Tiermedizin – nicht verschrieben werden darf. Das müsste geändert werden. Zudem stellt sich für mich die Frage, welche Rolle außer der psychiatrischen Begutachtung die Ärzte überhaupt haben werden, denn bei einem solchen Vorgang ist es aus meiner Sicht nicht erforderlich, dass dieses Mittel von einem Arzt verschrieben wird. Wenn ein Richter wie in diesem Fall beurteilen kann, dass ein Mensch zu Recht sterben darf, könnte er diesem doch auch gleich selbst das Mittel geben. Meine Aufgabe als Arzt und Palliativmediziner sehe ich auch weiterhin darin, Leben zu ermöglichen und das Leid zu beseitigen – und nicht die Leidenden.

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02.06.2020

Warum fragt ihr zu diesem Thema einen Palliativmediziner? Es ist von vornherein klar, was dieser zum Thema Sterbehilfe sagen wird und seine ‚Erfahrungen‘ sind nicht maßgeblich, weil sich in seiner Einrichtung keine Patienten befinden, die sofort den Tod finden wollen. Es ist bekannt, wie Hospize zu Sterbehilfe stehen und deshalb wird niemand, der einen konkreten Todeswunsch hegt und dabei Unterstützung wünscht, sich an einen Palliativmediziner wenden.

Und prompt kommt im Interview, was zu erwarten war: eine Infragestellung der eigenen freien Entscheidung, wenn ein Mensch Schmerzen, Hilflosigkeit, Nutzlosigkeit oder Einsamkeit empfindet oder befürchtet. Angeblich empfinden wir als soziale Wesen nicht wirklich frei, sondern im Kontext mit unserer sozialen Umgebung. So kann man natürlich prima über andere Menschen Köpfe bestimmen.

Niemand möchte, dass Menschen, die leben wollen aus einer schwierigen Situation heraus, weil sie sich unter Druck gesetzt fühlen (wobei das bei den meisten eher Widerstand hervorrufen dürfte) aus finanziellen Nöten gar ihrem Leben ein Ende setzen wollen.

Es zeugt aber von einer nicht unerheblichen Ignoranz und auch fehlenden Empathie, sich nicht vorstellen zu können, dass es auch Menschen gibt, die einen Bilanzsuizid schon viele Jahre in Erwägung gezogen haben und diesen – nach dem Urteil des BVerfG nun auch völlig legitim – mit Unterstützung umsetzen möchten.

Es ist nämlich eine Unterstellung zu behaupten, dass diese Menschen keinen freien Entschluss hätten, Herr Dr. Eichner, nur weil dieser Entschluss eine durchaus enorme Entschiedenheit erfordert.

Wer sich nicht vorstellen kann, dass ein anderer freiwillig aus dem Leben scheiden möchte, ohne dass ihn Fürchterliches dazu treibt, der soll sich bitte nicht einmischen in die Angelegenheit dieses Menschen. Das Leben ist ein Geschenk, eines das man nicht ablehnen konnte – insofern sollte man es nach eigenen Wünschen an seinem Lebensende ohne Pein, ohne Hürden, ohne Vorwürfe und ohne den Vorhalt, man sei nicht Herr seines Willens ablegen dürfen.

Regelungen zu Dokumentation dieses Willens sind natürlich angebracht. Wer sich auf diese Weise vom irdischen Dasein verabschieden möchte, der sollte das frühzeitig kundtun und seine Einstellung zu einem Bilanzsuizid klar belegen.

Und dann sollten die Standesregeln der Ärzteschaft dahingehend geändert werden, dass diejenigen Ärzte, die das empathisch nachvollziehen können, in die Lage versetzt werden, diesen Menschen zu helfen.

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