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Die Krankenschwester Ica Fritz ist enttäuscht, dass Jens Spahn kaum Zeit für die Forderungen der Initiatoren des bayerischen Volksbegehrens „Stoppt den Pflegenotstand“ hatte.

Foto: Stephanie Pilick, dpa

Krankenhäuser sollen vom kommenden Jahr an bestimmte Stationen mit einer Mindestzahl an Pflegekräften ausstatten.

Foto: Patrick Seeger, dpa

Pflegekräfte sind oft auch Seelsorger. Doch sie haben immer weniger Zeit für die Patienten.

Pflege
19.10.2018

Pflegerin klagt an: „Man hat uns zu Robotern gemacht“

Von Daniela Hungbaur

Ica Fritz ist seit 38 Jahren Krankenschwester. Sie liebt ihren Beruf. Warum sie dennoch das Volksbegehren „Stoppt den Pflegenotstand“ ins Leben gerufen hat.

Mehr als 100.000 Menschen haben das Volksbegehren „Stoppt den Pflegenotstand“ bereits unterzeichnet. Denn es fehlen in Bayern 12.000 Pflegekräfte. Frau Fritz, Sie sind selber Krankenschwester und Sie fordern natürlich mehr Personal. Doch wo sollen die Fachkräfte herkommen, wenn der Arbeitsmarkt leer gefegt ist?

Ica Fritz: Erstens fordern wir, dass sich die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen in der Krankenpflege grundsätzlich verbessern. Ich glaube, wenn wir die Arbeitsbedingungen besser machen, bleiben die Kolleginnen im Beruf und verlassen ihn nicht oder „flüchten“ in Teilzeit. Damit hätten wir genug Fachkräfte in Bayern. Sehen Sie: Ich bin 57 Jahre alt. Seit 38 Jahren arbeite ich als Krankenschwester. Junge Pflegeschülerinnen sagen zu mir: 38 Jahre! Das halte ich unter diesen Umständen nie durch. Viele brechen auch ab oder suchen sich etwas anderes.

Es gibt also genügend Fachpersonal?

Fritz: Ja, wir hätten genügend ausgebildete Kräfte. Doch nur 30 Prozent von ihnen arbeiten Vollzeit. Weil sie unter der zunehmenden Belastung nicht mehr arbeiten können. Ich muss heute an einem Tag so viel leisten wie vor zehn Jahren in einer Woche, weil immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt wird. Und Sie dürfen nicht vergessen: Unsere Arbeit ist körperlich sehr anstrengend. Es kommt hinzu, dass immer mehr ältere Patienten kommen, die viel mehr Pflege brauchen, aber das bezahlt und berücksichtigt niemand.

Der Krankenstand gilt unter Pflegekräften als sehr hoch.

Fritz: Das ist doch kein Wunder! Viele meiner Kollegen sind völlig erschöpft, sie können wirklich nicht mehr. Und ist es nicht perfide, dass ausgerechnet die Menschen, die andere gesund pflegen, selbst krank werden? Aber alle schauen zu.

Haben Sie selbst schon daran gedacht, aufzuhören?

Fritz: Ich liebe meinen Beruf! Ich bin begeisterte Krankenschwester und würde nie etwas anderes machen wollen. Was mir hilft – und so geht es nicht nur mir –, ist die Dankbarkeit der Patienten. Oft muss ich nur in ihre Augen schauen, wenn sie beispielsweise nach einer Operation die ersten Schritte machen, dieses Leuchten, das entschädigt für viel. Denn diese Dankbarkeit kommt von Herzen, sie ist kein Lippenbekenntnis. Wir Pflegekräfte sind auch Seelsorger, oft sogar Familienmitglieder. Ich sage immer: Pflegen ist eine Kunst. Doch man hat uns zu Robotern gemacht. Mein Ziel ist es, dass wir wieder unsere ganze Kunst in der Pflege ausüben können.

Darum haben Sie das Volksbegehren „Stoppt den Pflegenotstand“ mit ins Leben gerufen?

Fritz: Ich habe schon immer für die Rechte der Pflegekräfte gekämpft, war schon immer Gewerkschafterin. Als ich sah, dass wir immer weniger Pflegekräfte werden, dass Kolleginnen, die in Rente, in Mutterschutz, in Altersteilzeit gehen, einfach nicht ersetzt werden, dass wir Pflegekräfte in immer kürzerer Zeit immer mehr arbeiten müssen, war für mich klar, dass es so jetzt nicht mehr weitergehen kann. Deswegen freue ich mich auch, dass die Kollegen am Klinikum Augsburg jetzt für mehr Personal streiken wollen. Seit Jahren wird darüber gesprochen, wie schlecht die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind, seit Jahren sind diese Missstände bekannt, aber getan hat sich gar nichts.

Gesundheitsminister Jens Spahn will jetzt Personaluntergrenzen festlegen. So soll ab 2019 eine Pflegekraft beispielsweise auf der Intensivstation nur noch maximal 2,5 Patienten betreuen. Hilft dieser Vorstoß?

Fritz: Nein. Weil das erstens nicht ausreicht und zweitens nur zu einem Verschiebebahnhof führen wird. Wenn Herr Spahn für die Bereiche Intensivstationen, Kardiologie, Geriatrie und Unfallchirurgie Mindestbesetzungsgrenzen festlegt, werden keine neuen Pflegekräfte eingestellt, sie werden nur von anderen Abteilungen abgezogen. Und drittens ist meine Sorge, dass die Untergrenzen zu Personalabbau führen werden in den Kliniken, wo wir jetzt schon eine 1:2-Betreuung auf der Intensivstation haben. Aber als Herr Spahn kürzlich in Augsburg war, hatte er ja nur wenige Minuten für uns Zeit. Ich an seiner Stelle würde mich mal mit Vertretern aus der Praxis zusammensetzen.

Aber er will Schritt für Schritt auch für die anderen Bereiche Mindestgrenzen einführen…

Fritz: Versprochen wurde bei der Pflege schon so viel. Umgesetzt nichts. Die Pflegekräfte schieben Millionen von Überstunden vor sich her. Außerdem bräuchten wir dringend verlässliche Dienstpläne. Meine Kollegen werden regelmäßig aus ihrer Freizeit geholt, weil der Dienstplan so auf Kante genäht ist, dass von Anfang an sicher ist, dass das Personal gar nicht ausreicht. Springer gibt es aber nicht. Das ist die Realität. Und zur Realität gehört, dass in der Nacht eine Pflegekraft für etwa 40 Patienten zuständig ist. Zur Realität gehört auch, dass immer mehr Leiharbeiter in der Pflege eingesetzt werden.

Wenn Ihnen der geplante Personalschlüssel von Minister Spahn nicht ausreicht, was fordern Sie als erfahrene Pflegekraft dann?

Fritz: Auf hochintensiven Stationen, auf denen Patienten betreut werden, die direkt nach großen Eingriffen kommen wie beispielsweise nach einem Schlaganfall oder einem schweren Unfall, brauchen wir eine Pflegekraft für einen Patienten. Auf normalen Intensivstationen reicht eine Pflegekraft für zwei Patienten, und wenn es nur um Überwachung geht, schafft eine Pflegekraft drei Patienten. Im normalen Betrieb auf Stationen, auf denen keine Schwerstkranken liegen, fordern wir einen Personalschlüssel, der sich am Pflegebedarf der Patienten festmacht. Im Schnitt betreut in Deutschland aber tagsüber eine Pflegekraft 13 Patienten.

Sie fordern mehr Personal. Müsste nicht auch die Bezahlung verbessert werden?

Fritz: Eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen steht, wenn man mit Pflegekräften spricht, als Wunsch an oberster Stelle. Aber Sie haben recht: Mehr Geld für Menschen, die so viel Verantwortung für kranke Menschen tragen, wäre wichtig. Nach 38 Berufsjahren gehe ich beispielsweise mit im Schnitt 2500 Euro netto im Monat nach Hause. Da lacht mich jeder Industriearbeiter aus.

Viele Krankenhäuser kämpfen schon jetzt mit ihren Kosten. Bei der Forderung nach mehr Personal stellt sich immer die Frage nach der Finanzierung.

Fritz: Natürlich kostet mehr Personal mehr Geld. Aber ich bitte Sie: Deutschland ist ein reiches Land. Ist es da kein Armutszeugnis, dass ausgerechnet bei der Pflege gespart wird? Eine Personalbemessung muss vollständig für die Träger der Krankenhäuser refinanziert werden, und wir können uns dies als Gesellschaft leisten.

Was meinen Sie konkret?

Fritz: Erstens müssten endlich alle Bürger einzahlen. Zweitens hätten Krankenhäuser nie privatisiert werden dürfen, sodass sie, wie Konzerne, in erster Linie nach Gewinn streben. Wir wissen doch auch längst, dass in Krankenhäusern vor allem die Therapien und Eingriffe vorgenommen werden, die das meiste Geld bringen. Ob das immer dem Patienten nützt, steht nicht an erster Stelle. Das kann doch nicht im Interesse der Menschen sein. Für ausreichende Hygiene haben wir Krankenschwestern oft längst keine Zeit mehr. Da stimmt doch etwas nicht.

Sie sind Betriebsrätin – aber haben Sie wegen Ihres Einsatzes für das Volksbegehren und Ihrer Kritik am Pflegesystem keine Angst vor Repressalien an Ihrem Arbeitsplatz?

Fritz: Ich bin in Rumänien aufgewachsen und habe schon gegen Ceausescu demonstriert – ich habe keine Angst vor Repressalien. Ich hätte allerdings auch nie gedacht, dass ich nach 28 Jahren, die ich schon in Deutschland bin und hier arbeite, ausgerechnet in diesem gelobten Land wieder gegen schlechte Pflegebedingungen kämpfen muss.

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