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Trend

23.01.2014

Pioniere am Braukessel

Immer mehr bayerische Brauereien produzieren neue Biersorten. Dazu gehören teure Edelbiere genauso wie Kreationen nach ausländischen Rezepten.
Bild: Roland Weihrauch (dpa)

Immer mehr neue Biere kommen auf den Markt. Ihre Macher sind experimentierfreudig und weit gereist. Die Ideen kommen vor allem aus England, Belgien und den Vereinigten Staaten

Die Inspiration für sein neues bayerisches Bier bekam Karl Meyer im dänischen Kopenhagen. Als der 69-jährige Braumeister aus Nesselwang dort das Bier eines Kollegen probierte, war er überrascht von dessen starkem Hopfenaroma. Da habe er beschlossen, etwas Ähnliches auch in seiner heimischen Brau-Manufaktur auszuprobieren. Zusammen mit seinen Töchtern Stephanie und Kathrin entwickelte er zwei Kreationen, „Hopfen Royal“ und „Liberalitas Bavariae“. Diese dürften den herkömmlichen Biertrinker jedoch erst mal vor ein Rätsel stellen.

Da wäre zum einen die Aufmachung. Die 0,75-Liter-Flaschen haben einen Korken. In einem Heftchen ist die Flaschennummer sowie von Hand das Haltbarkeitsdatum vermerkt. Nicht nur die Aufmachung, auch der Preis von 12,50 Euro erinnert an edle Weine.

Immer mehr Brauer gehen eigene Wege

Und der Geschmack ist untypisch. Das Bier hat tatsächlich ein intensives Hopfenaroma. Wie der Däne erzielten die Nesselwanger es mit Kalthopfung. Das heißt: Nach der Hauptgärung wird dem Bier, während es im Kühlkeller lagert, nochmals Hopfen beigegeben. Der höhere Arbeitsaufwand und Rohstoffbedarf erkläre den Preis, sagt Meyer. Die Meyers sind kein Einzelfall. Laut Werner Gloßner, Sprecher des Vereins Private Brauereien Bayern, beschreiten immer mehr Brauer eigene Wege. Es gehe aber weniger darum, neue Biere zu kreieren, sondern die ganze Bandbreite der vom Reinheitsgebot zugelassenen Rohstoffe auszunutzen. Also aus rund 200 Hopfenarten, etlichen Malzen, Hefen und Wasser unterschiedlicher Quellen neue Biere zu schaffen. Dieser Trend, auch „craft brewing“ genannt, komme aus den USA.

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Dort lernte auch Sebastian Priller die Vielfalt des Bieres kennen. Der Weltmeister der Biersommeliers 2011 leitet zusammen mit seinem Vater die Brauerei Riegele in Augsburg. „Ich merkte, dass die Welt des Bieres, die ich kannte, nicht die Welt des Bieres ist“, sagt er. Mit Braumeister Frank Müller schuf er in drei Jahren acht Kreationen, die sich an amerikanischen, belgischen, urbayerischen und angelsächsischen Bieren orientieren. Kosten der 0,66-Liter-Flasche: 3,99 Euro.

Honig im Bier

Diese Erzeugnisse sind zunächst ebenfalls rätselhaft. Sie heißen etwa „Dulcis 12“ oder „Simco 3“. Dulcis, lateinisch für süß, steht in diesem Fall für die Zugabe von Honig bei der zwölfmonatigen zweiten Gärung. Das „Simco 3“ ist aus drei Hopfensorten gemacht, Hallertauer Perle, Hallertauer Opal und dem amerikanischen Simcoe Hopfen.

Die Beigabe von Honig zeigt: Nicht alle dieser Produkte sind nach dem Reinheitsgebot gebraut. Daher vertreibt Riegele seine Kreationen als Brauspezialitäten, nicht als Bier. Auch die Brau-Manufaktur in Nesselwang verkauft ein Kräuterbier mit Brennnessel, Holunder und der Heilpflanze Mädesüß als Bier-Mischgetränk.

Lothar Ebberts, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes, begrüßt solche Lösungen, verteidigt aber das Reinheitsgebot. „Es ist Braukunst, nur aus Hopfen, Malz, Wasser und Hefe Sorten zu kreieren“, sagt er. „Man sollte nicht für ein paar Hektoliter Kräutersud das Reinheitsgebot aufweichen.“

"Man kann unendlich viel machen"

Die Nesselwangerinnen Stephanie und Kathrin Meyer sind beide Biersommelièren. Sie haben bereits das erste Bier einer eigenen Serie entworfen, ein Pale Ale nach englischem Vorbild. Weitere sollen folgen. „Man kann unendlich viel machen, aber zu viel auf einmal geht nicht“, sagt die 34-jährige Stephanie. Sie wurde erst Braumeisterin, nachdem der eigentlich als Brauereierbe vorgesehene Bruder Medizin studierte. Die ein Jahr ältere Kathrin entdeckte ihre Faszination für Bier erst während ihres Studiums in England. „Die Vielfalt an Bieren dort hat mir stark imponiert.“

Etwa 5000 „Hopfen Royal“ und 2000 „Liberalitas Bavariae“ wurden seit der ersten Abfüllung im Frühjahr 2013 in Nesselwang verkorkt. Riegele produzierte im Dezember 2013 vom ersten Jahrgang seiner acht Sorten rund 120000 Flaschen. Fast alles sei verkauft, sagt Priller, der zweite Jahrgang im Entstehen.

Es gebe zwar Braumeister, die derartigen Neukreationen nur eine kurze Lebensdauer bescheinigen, sagt Werner Gloßner. Er glaubt jedoch, dass die neuen Biere in fünf bis acht Jahren einen Marktanteil von bis zu drei Prozent erreichen können. Bei Riegele oder in Nesselwang will man die alten Biersorten auch keinesfalls ablösen, sondern das Bewusstsein beim Bierkonsum ändern. Kathrin Meyer bringt es auf den Nenner: „Nicht nur trinken, sondern genießen.“

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