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Asbach-Bäumenheim

28.07.2014

Polizisten töten Polizisten: Forscher kritisiert die Beamten

Polizeieinsatz nach Schüssen
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Nachdem ein um sich schießender Polizist in Asbach-Bäumenheim seine Kollegen stundenlang in Atem gehalten hatte, wurde er beim Zugriff getötet.
Bild: Stefan Puchner (dpa)

Einen psychisch labilen Kollegen getötet haben Polizisten in Asbach-Bäumenheim, weil er eine Waffe auf die Beamten richtete. Doch war der Zugriff der Spezialkräfte wirklich nötig?

Es war ein Nervenkrieg. Nachdem Nachbarn die Polizei alarmiert hatten, weil ein Polizist in seinem Haus in Asbach-Bäumenheim um sich schoss, rückte ein Großaufgebot von Spezialkräften an. Den ganzen Tag über versuchten sie, den Kollegen zum Aufgeben zu bewegen. Vergebens.

Gut zwei Wochen ist es jetzt her, dass SEK-Beamte den 46-jährigen Polizisten bei ihrem Zugriff töteten, weil er auf einen Diensthund schoss und seine Waffe auf SEK-Beamte richtete. Bei dem Schusswechsel schlug eine Kugel in ein Nachbarhaus ein. Dass es überhaupt zu dem Zugriff kommen musste, hält der Kriminalitäts-Forscher Christian Pfeiffer nach den ihm bislang verfügbaren Informationen jedoch für vermeidbar.

Der renommierte Experte des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und ehemalige Justizminister des Bundeslands versteht nicht, warum die Polizisten nicht mehr Geduld hatten, um den Kollegen zur Aufgabe zu bewegen. "Er hat niemanden außer sich selbst gefährdet", sagt Pfeiffer im Gespräch mit der Augsburger Allgemeinen. "Da haben sie alle Zeit der Welt - erst recht, wenn es um ein Menschenleben geht. Doch sie haben ihr eigenes und das Leben ihres Kollegen riskiert, weil sie ungeduldig geworden sind."

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Auch versteht der Experte nicht, dass die Beamten nicht versucht hätten, den Kollegen kampfunfähig zu machen. Dazu wäre es nach seinen Worten möglich gewesen, beim Zugriff eine Blendgranate, Tränen- oder Betäubungsgas einzusetzen, damit sich der Mann nicht mehr orientieren und wehren konnte.

Pfeiffer: Polizei hätten warten müssen, bis Kollege müde wird

Pfeiffer hält sehr viel von der bayerischen Polizei, wie er sagt. Doch warum sie in diesem Fall nicht anders gearbeitet hat, kann er nicht verstehen. Gerade weil der 46-jährige Polizist signalisiert hat, sich in einer Krise zu befinden, hätten die Spezialkräfte sensibler vorgehen müssen. "Warum hat man keine Angehörigen geholt, die ihn vielleicht hätten beruhigen können?", fragt Pfeiffer, den auch das bayerische Landeskriminalamt als Experten empfiehlt.

Die Polizei hingegen erklärte schon nach dem Tod des Kollegen, alles gute Zureden habe nichts genutzt. Sein Gemütszustand habe immer wieder zu kippen gedroht. Auch habe er durchblicken lassen, dass er seinen und notfalls den Tod anderer in Kauf nehme. Letztlich sei der Befehl für den Zugriff auch deshalb gefallen, weil die Spezialkräfte fürchteten, in der anbrechenden Dunkelheit den Überblick zu verlieren und dass sich der Kollege in seinem Haus verschanzen könnte.

Genau das ist für den Kriminal-Forscher Pfeiffer aber nicht nachvollziehbar. "Die Polizei kann das Grundstück ausleuchten", sagt der 70-Jährige. "Auch konnte der Mann nicht fliehen, soweit ich das beurteilen kann. Man hätte einfach darauf warten müssen, dass er müde wird." Dann hätte das SEK eingreifen können. Als der 46-Jährige schließlich auf die SEK-Beamten zielte, hätten sie in dieser Notwehrsituation aber nicht mehr anders handeln können, als selbst zu schießen, sagt Pfeiffer.

In Asbach-Bäumenheim hat sich ein 46-Jähriger Polizist in seinem Haus verschanzt. Er hat keine Geiseln aber mehrere Waffe. Das Gelände ist weitläufig von der Polizei umstellt.

Polizei hält die Kritik für nicht seriös

Zu den Einzelheiten des Einsatzes und der Taktik äußert sich das Polizeipräsidium Schwaben-Nord in Augsburg auf Anfrage unserer Zeitung zwar nicht, weil der Hergang derzeit untersucht wird. Der Leiter des Präsidialbüros, Polizeirat Bernd Waitzmann, hält die Kritik von Pfeiffer allerdings für nicht seriös - eben weil noch keine Details bekannt sind. Außerdem gehe der Forscher von falschen Voraussetzungen aus. So dürfe die Polizei in Deutschland beispielsweise kein Betäubungsgas verwenden.

Die Beamten hätten den inzwischen gestorbenen Diensthund ganz bewusst eingesetzt, weil er für solche Situationen ausgebildet worden sei. So sollte der 46-Jährige bei dem Zugriff, der auf dem Grundstück und nicht im Haus erfolgte, mit Hilfe des Tiers entwaffnet werden. Waitzmann weiter: "Ohne ausreichend konkrete und valide Kenntnisse" könnten Aussagen zu den Örtlichkeiten und dem Zustand einer Person dazu beitragen, "Abläufe und Handlungen unzutreffend zu interpretieren".

Tod durch Polizisten wird nur selten bewusst provoziert

Ob der Einsatz nach den Vorschriften abgelaufen ist und warum es zu dem tödlichen Schuss kommen musste, klärt jetzt im Auftrag der Staatsanwaltschaft das Landeskriminalamt. Nach der Tat wurde bereits spekuliert, dass der Polizist absichtlich auf die Kollegen zielte, damit sie ihn töten. Schon vor einem Jahr war ein Mann in Merching (Kreis Aichach-Friedberg) von Beamten erschossen worden, nachdem er zuerst gefeuert hatte.

Später stellte sich heraus, dass er den Einsatz bewusst provoziert und selbst den Notruf gewählt hatte. Seiner Freundin schickte er zuvor eine Nachricht auf ihr Handy: "Ich rufe die Bullen und lasse mich erschießen." Solche Fälle des "Suicide by Cop", des Selbstmords durch Polizisten, gibt es im Gegensatz zu den USA nach Christian Pfeiffers Worten in Deutschland aber nur äußerst selten.

Alkohol und Problem in der Familie können Situation eskalieren lassen

Sie zu verhindern und im Voraus zu erkennen, ist sehr schwierig, sagt die Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirkskrankenhaus Günzburg, Manuela Dudeck. Im Affekt könne grundsätzlich auch ein gesunder Mensch etwas tun, was ihm selbst oder anderen schadet.

Gibt es dazu einen Konflikt in der Familie wie eine Trennung - darüber wurde im Fall Asbach-Bäumenheim spekuliert - oder der Verlust eines Kindes, kann sich das Verhalten radikal ändern. Erst recht, wenn jemand impulsiv und emotional instabil ist sowie Konflikte schwierig selbst lösen kann. Kommen noch Alkohol - auch das war der Fall - oder Drogen und Waffen ins Spiel, könne es leicht zu einer Eskalation kommen.

Gewalt sehen die Betroffenen oft als den letzten Ausweg

Auch wenn Spezialisten wie die geschulten Polizisten versuchen zu schlichten, helfe das nicht immer. Denn ist jemand erst einmal in einer für ihn ausweglosen Situation, funktioniere das Gehirn ganz anders. "Dann stehen einem Lösungen, die sonst selbstverständlich wären, nicht mehr zur Verfügung", erklärt Dudeck im Gespräch mit unserer Zeitung. "Das ist wie beim Prüfungsstress: Auch wer vorher gut gelernt hat, kann in dieser Situation alles vergessen."

Die Gewalt gegen sich oder andere sehen die verzweifelten Betroffenen dann oft als einzigen Ausweg. Wer dann bei einem Suizid gestört wird, versuche häufig, diesen Störer zu beseitigen. Dann sei es aber durchaus möglich, dass dem kranken Menschen die Kraft fehlt, sich noch selbst etwas anzutun, so Dudeck.

Zwar behaupteten Angehörige nach einem Suizid oft, vorher etwas von den Problemen gemerkt zu haben. "Doch es ist schwierig, die Warnzeichen zu erkennen und auch, eine Erklärung zu finden." Vor allem, weil sich die kranken Menschen oft ganz normal benehmen, um nicht aufgehalten zu werden. Und wenn sie doch zeigen, was in ihnen vorgeht, ist es oft zu spät. (mit wwi)

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