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Bildung

24.02.2018

Probleme beim Lesen bringen Probleme im Leben

Jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen.
Bild: Patrick Pleul, dpa (Symbolbild)

Jeder fünfte Viertklässler versteht Texte nicht richtig. Kein Wunder, wenn das Handy das Buch ersetzt? Bildungsforscher sehen eine andere Hauptursache.

Ananas, Birne, Pflaume: Früchte, die viele Kinder gerne essen. Aber auch Wörter, die viele Kinder nicht richtig lesen können. Rektor Christoph Dietsche erlebt das jeden Tag. "Die Defizite beim Lesen sind enorm. Wir stellen seit Jahren fest, dass immer mehr Schüler in ihrer Lesekompetenz gefördert werden müssen", sagt der Schulleiter der Centerville-Grund- und Mittelschule in Augsburg. "Manchen Kindern fehlen einfachste Begriffe. Wenn sie zum Beispiel ein Rezept vorlesen, stocken sie, bringen die weithin bekannten Obst- und Gemüsesorten nicht über die Lippen."

Denn jeder fünfte Viertklässler in Deutschland kann nicht richtig lesen, wie die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) kürzlich bestätigt hat. Bayern schneidet noch am besten ab: Im Freistaat hat "nur" jeder zehnte Viertklässler seine Schwierigkeiten mit den Buchstaben.

Probleme beim Lesen werden oft zu Problemen im Leben: Es sei davon auszugehen, dass betroffene Kinder "erhebliche Schwierigkeiten" in weiterführenden Schulen bekommen, schreiben die IGLU-Forscher. Das setzt sich fort: 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland kämpfen sich heute durch ihren Alltag, weil sie Briefe, Gebrauchsanweisungen und andere Schriftstücke nur mit größter Mühe entziffern können. Die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von funktionalem Analphabetismus.

Ist das Smartphone die Ursache für Leseprobleme?

Dass leseschwache Schüler aber automatisch die Mittelschule besuchen, verneint Rektor Dietsche: "Selbst wenn ein Kind den Übertritt an eine weiterführende Schule durch eine sehr gute Note in einem Sachfach erreicht, heißt das nicht, dass es auch über eine entsprechende Lesekompetenz verfügt." Kurz: Kinder mit einer Eins im Heimat- und Sachunterricht können sich mit dem Apfel und der Ananas im Lesebuch trotzdem schwertun. Noch dazu sei die Alltagssprache der jungen Generation oft "sehr weit weg von unserem Schriftdeutsch" in einer Zeit, in der sogar Kinder in Werbespots fragen: "Mama, kann ich mal die Wurst?"

Auf der Suche nach der Ursache für das Schwinden der Kulturtechnik Lesen liegen für den Laien zwei Tatsachen auf der Hand. Erstens: Ein Drittel der Sechs- bis 13-Jährigen hat ein Smartphone, sieht sich damit Videos auf Youtube an, nutzt Messengerdienste, bei denen ein Emoji oft einen ganzen Satz ersetzt. Zweitens: Rund jeder dritte Grundschüler hat einen Migrationshintergrund, Lesen und Schreiben womöglich nicht auf Deutsch gelernt. Kinder, bei denen beide Eltern im Ausland geboren sind, liegen im Schnitt beim Lesen ein Schuljahr zurück. Insgesamt aber haben sie sich in den vergangenen 15 Jahren verbessert.

Schüler aus niedrigen sozialen Schichten tun sich schwerer

Mit vorschnellen Schlüssen muss man sehr vorsichtig sein. Denn die Leseprobleme sind kein neues Phänomen. Die aktuellen Ergebnisse unterscheiden sich nur um wenige Prozentpunkte von denen der ersten IGLU-Analyse im Jahr 2001. Heute wie damals gilt: Schüler aus niedrigen sozialen Schichten tun sich schwerer als ihre Schulkameraden aus einer bessergestellten Familie. Die Forscher haben nachgezählt: Kinder aus einem Elternhaus mit mehr als 100 Büchern lesen "signifikant besser" als die mit weniger Werken. Noch größer ist der Unterschied im europäischen Vergleich nur in Ungarn. Und die soziale Schere öffnet sich immer weiter.

Die Sprachwissenschaftlerin Petra Schönweiss nimmt die Eltern zumindest ein Stück weit in Schutz. Sie ist überzeugt: Auch Kinder aus Arbeiterfamilien können gutes Lesen lernen. "Meine Mutter hat auch keine höhere Bildung, aber sie kann ausgezeichnet Schreiben und Lesen." Es kommt darauf an, wie sehr Eltern ihre Kinder unterstützen. "Viele würden gern helfen. Sie wissen nur nicht so genau, wie." Schönweiss verantwortet den "Lernserver" der Universität Münster, ein Angebot zur Rechtschreib- und Leseförderung. Sie und ihr Team haben fast 500.000 Kinder und Erwachsene getestet und Lernmaterialien entwickelt. Ihrer Meinung nach sind "viele Probleme von den Schulen hausgemacht". Sie prangert vor allem die Methode "Lesen durch Schreiben" an: Grundschüler bringen Wörter dabei so aufs Papier, wie sie sie beim Vorlesen hören. Das sieht dann so aus: "Mama ferschtekt Kschenke." Oder: "Leo ist in Efa ferliebt." Für die Kinder sei die Methode nur verwirrend, sagt Sprachwissenschaftlerin Schönweiss. In Bayern wurde das Schreiben nach Gehör nie gelehrt – anders als in Baden-Württemberg. Dem Land, das neben dem Freistaat lange der Überflieger sämtlicher Bildungsstudien war. 2016 kam der Praxisschock: In keinem anderen Bundesland waren die Leistungen der Viertklässler derart abgesackt. Als eine der ersten Konsequenzen daraus schaffte Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU) "Lesen durch Schreiben" ab.

Eine aktivere Leseförderung könnte helfen

Die Lehrer der Augsburger Centerville-Schule haben auch etwas getan. Vor neun Jahren schon begannen sie, ein schuleigenes Lesekonzept zu entwickeln. Sie stockten die Schulbücherei auf, schicken Kinder auch während des Unterrichts dorthin, damit sie mit einem Lexikon aus Papier recherchieren lernen. Lesepaten – oft ältere Schüler oder Ehrenamtliche – holen regelmäßig Schüler aus dem Klassenzimmer, um gezielt Texte mit ihnen zu erarbeiten, die sie nicht verstehen. "Im Klassenverband fehlt oft die Zeit dafür", erklärt Schulleiter Christoph Dietsche.

Aber bringen all die Ideen den erwünschten Erfolg? "Es ist mühsam, aber sie tragen Früchte", sagt er. "Wir hatten schon Schüler, die es auf die Realschule oder das Gymnasium geschafft haben und bei denen wir sagten: Das hätten sie nie erreicht ohne Leseförderung." Und eins hat den Rektor kürzlich besonders gefreut. "Eine Mitarbeiterin unserer Bibliothek hat gefragt, ob wir neue Bände spezieller Kinderbuchreihen anschaffen können." Die Schüler wollten weiterlesen.

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