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Prozess in Kempten
06.08.2018

Einbrecher töten Senior - für ein paar Flaschen Alkohol

In diesem Haus bei Lindau wurde im März 2017 ein Rentner brutal ermordet - danach wurde das Haus in Brand gesteckt.
Foto: Caroline Mittermeier

Ein 76-Jähriger trifft in seinem Haus auf Einbrecher. Kurz darauf ist der Lindauer tot, das Gebäude brennt lichterloh. Nun stehen zwei Männer aus Rumänen vor Gericht.

Man kann nur mutmaßen, was sich in jenen Stunden in dem Haus im Lindauer Stadtteil Zech abgespielt hat. Vielleicht ist es ein Geräusch, das den 76-jährigen Bewohner aus dem Schlaf gerissen hat. Vielleicht will er nur nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Schließlich ist er allein und das junge Paar, das mit im Haus wohnt, im Urlaub. Vermutlich ist der Rentner deswegen aufgestanden – und trifft plötzlich auf einen Eindringling. In einer Situation, die so niemand erleben will.

Einbrecher tötet Senior: Was genau ist passiert?

Wie es genau war in jener Nacht zum 9. März 2017? Es wird sich wohl nie mehr ganz rekonstruieren lassen. Fest steht nur: Kurz nachdem der Hausbesitzer die Einbrecher überrascht hat, ist der Mann tot und das Haus an der Grenze zwischen Lindau und Österreich brennt lichterloh. Als gegen ein Uhr nachts der Feueralarm durch die Stadt dröhnt, ahnt noch niemand, dass dieser Brand nur die letzte Eskalationsstufe eines schrecklichen Verbrechens sein wird.

Die Löscharbeiten gestalten sich schwierig, weil das Gebäude nah an den Bahngleisen steht. Im Haus finden Feuerwehrmänner schließlich den leblosen Körper des 76-Jährigen. Er liegt entkleidet in der Dusche. Gegen drei Uhr morgens trifft die Lindauer Kriminalpolizei ein. Im Haus bemerken die Beamten, dass Wasser aus der Dusche die Treppenstufen hinunterläuft. Für die Ermittler deutet vieles auf Brandstiftung hin. Doch bis sie dieses Rätsel lösen kann, wird es noch dauern.

Seit Juli müssen sich zwei mutmaßliche Täter vor dem Kemptener Landgericht verantworten. Alles spricht dafür, dass die beiden Männer Mitglieder einer rumänischen Bettlergruppe sind, die regelmäßig und organisiert in Häuser zwischen Lindau und Ulm einsteigen. Einer der Angeklagten könnte der Kopf der Bande sein, deren Strukturen an die Mafia erinnern.

Für den Tod des Mannes macht die Kemptener Staatsanwaltschaft Alber-Remusz M. verantwortlich. Der 37-Jährige soll im Haus gewesen sein und den Rentner erst verprügelt, dann erwürgt und in die Dusche gelegt haben. Später soll er das Haus in Brand gesteckt haben. Auch ein Gerichtsmediziner ist sich sicher, dass der Hausbesitzer zu dieser Zeit schon tot war. „In seinen Atemwegen war kein Ruß.“ Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf versuchten schweren Bandendiebstahl, schwere Brandstiftung und Mord. „Es ist Mord, weil es eine Verdeckungstat war. Er hat einen Menschen getötet, um eine Straftat zu vertuschen“, sagt Bernhard Menzel, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

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Waren die Täter Mitglieder in einer Einbrecherbande?

Mit angeklagt ist Zsombor T., der Cousin von Alber-Remusz M. Der 27-Jährige soll das Fluchtauto gefahren haben und muss sich wegen versuchten schweren Bandendiebstahls verantworten. Während der ersten Verhandlungstage spielt Zsombor T. lediglich eine Nebenrolle. Nun kristallisiert sich aber immer mehr heraus: Er könnte der eigentliche Kopf der Bande sein.

Das legt zumindest die Aussage der ehemaligen Vermieterin aus dem Kreis Ravensburg nahe. Die Frau vermietete schon seit längerem Betten an Mitglieder osteuropäischer Bettlergruppen. Am 7. März 2017 sei eine Gruppe Erwachsener mit einem Kleinkind vor ihrer Tür gestanden und habe um ein Zimmer gebeten – darunter auch die beiden Angeklagten. Die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden Männer am 8. März von dort aus nach Lindau gelangten. Zsombor T. soll an diesem Tag noch andere Mitglieder der Gruppe gefahren haben – zum Betteln, vielleicht auch zum Stehlen. „Er ist eine Art Mafia-Boss“, ist sich die Frau sicher. „Er nimmt den anderen die Pässe ab und hält sie wie Sklaven.“ Erzählt habe ihr das ein 15-jähriges rumänisches Mädchen, das ebenfalls bei ihr wohnte.

Dazu passt der Eindruck, den die „Sonderkommission Eichwald“, die im Fall des Rentnermords ermittelte, gewonnen hat. Mehrere Male befragten Kriminalpolizisten die Bewohner des Hauses, in dem zeitweise zwischen 25 und 30 Osteuropäer untergebracht waren. Ein Kripo-Beamter sagt vor Gericht aus, dass sich die Rumänen eine Geschichte ausgedacht hätten, um Zsombor T. zu schützen. Einige von ihnen behaupteten, Alber-Remusz M. sei allein am Bahnwärterhäuschen gewesen und nach der Tat drei Tage verschwunden.

Zsombor T. hingegen sei in der Tatnacht zu Hause gewesen. „Die Familie hat sich permanent in Widersprüche verwickelt. Warum sollte sie das tun, wenn es ein Alleingang gewesen wäre?“, sagt der Ermittler. Hinzu kommen die Telefonate, die die Polizei abgehört hat. Darin stimmten Mitglieder der Bettlergruppe ihre Aussagen ab. Und es ging darum, dass Alber-Remusz M. ruhig für immer im Gefängnis bleiben solle. Zsombor T. aber müsse man aus der Sache heraushalten.

Für eine professionelle Organisation der Bettlergruppe spricht auch, dass das ehemalige Bahnwärterhäuschen vor dem Einbruch wohl markiert wurde. Der junge Mann, der mit seiner Freundin ebenfalls in dem Gebäude wohnte, hatte Monate vor dem Brand zwei Kerben in der Fassade bemerkt. Womöglich versteckten sich die Rumänen bereits Stunden vor der Tat im Keller des Hauses. Die Tochter des getöteten 76-Jährigen jedenfalls war an diesem Nachmittag zu Besuch und erinnert sich an merkwürdige Geräusche. Vor Gericht sagt sie: „Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht im Keller nachgeschaut habe.“

Wenn Hausbewohner den Einbrechern begegnen

Dabei ist es für viele Menschen die Horrorvorstellung schlechthin: dass man etwas Verdächtiges hört, nach dem Rechten sehen will – und dann einem Einbrecher gegenübersteht. Zugegeben, solche Begegnungen sind selten. Und doch sind es genau diese Fälle, die durch die Medien gehen: Die Bluttat von Höfen in Oberbayern etwa, wo im Februar 2017 eine Gruppe in ein Haus eindringt und drei Senioren niederschlägt. Tage später werden eine 76-Jährige und ein 81-Jähriger tot aufgefunden. Die Hausbesitzerin überlebt schwer verletzt. Bis heute leidet sie unter körperlichen und seelischen Folgen des Überfalls. Seit Juni stehen die polnische Ex-Pflegerin der Frau, deren Bruder, Sohn und ein Bekannter in München vor Gericht.

Oder, ein anderes Beispiel: der brutale Überfall am Dreikönigstag dieses Jahr in Ulm. Zwei Täter brechen über eine Garage in eine Wohnung ein, schlagen einen 59-jährigen Mann nieder, fesseln und knebeln ihn. Stunden später stirbt er. Seine 91-jährige Mutter wird leicht verletzt. Auch Fridolin Waschhauser wird das, was ihm in der Nacht zum 16. Dezember 2015 in seinem Haus in Kötz im Kreis Günzburg passiert ist, wohl nie vergessen.

Gegen Mitternacht weckt ihn seine Schwiegermutter, sie hat Geräusche aus dem Büro im Erdgeschoss gehört. Waschhauser geht hinunter, reißt die Tür auf. Ein Vermummter steht ihm gegenüber. Sekunden später geht der Hausbesitzer auf den Eindringling los, dieser sticht zu und verschwindet. Waschhauser muss in jener Nacht notoperiert werden, ein Stich hat die Leber getroffen, wurde aber von einer Rippe aufgehalten. Er hatte großes Glück.

Im Jahr 2017 hat die Polizei deutlich weniger Wohnungseinbrüche registriert. 6045 waren es in Bayern, 763 davon in Schwaben. In diesem Jahr sind die Zahlen im Südwesten Schwabens wieder leicht gestiegen – auf bislang 237 Fälle. Wie oft Einbrecher und Bewohner dabei aufeinandertreffen, sagt die Statistik aber nicht. Experten der Polizei gehen davon aus, dass es weniger als ein Prozent ist. „In der Regel suchen sich die Täter Zeiten aus, in denen niemand zu Hause ist, häufig werden die Objekte auch ausgespäht“, sagt Florian Wallner, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Schließlich wollten sie meist unerkannt bleiben.

Der 37 Jahre alte Mann soll laut Anklage in das Haus eines Rentners eingebrochen sein und den 76-Jährigen umgebracht haben.
Foto: Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Im Lindauer Fall gelingt das zunächst auch. Wenige Tage nach dem Brand sind die beiden Angeklagten offenbar weitergezogen – nach Ulm, wo sie zuvor schon auf Betteltour waren. Ein Teil der Gruppe aber bleibt im Haus im Kreis Ravensburg. „Der ganze Clan war ständig übers Handy in Kontakt miteinander“, erzählt die ehemalige Vermieterin. Auf die Spur der Rumänen bringt die Ermittler ein Kapuzenpulli, der am Tatort gefunden wird – darauf sind DNA-Spuren des Opfers und, wie sich herausstellen sollte, von Alber-Remusz M. „Es war das Shirt einer Abschlussklasse aus Rißtissen. Darauf stand der Name eines Schülers“, erklärt ein Kripobeamter vor Gericht. Dieser sagt aus, sein Vater habe den Pullover zwei Männern geschenkt, die mit einem Kinderwagen unterwegs gewesen waren und um Kleidung bettelten.

So kam die Polizei den Tatverdächtigen auf die Schliche

Eine groß angelegte Befragung in Rißtissen, einem Stadtteil von Ehingen im Alb-Donau-Kreis, bringt den Durchbruch: Eine Frau gibt an, dass ein Mitglied der Bettlergruppe Interesse am Auto ihres Sohnes zeigte. Der Mann hat ihr seine Handy-nummer und seinen Namen hinterlassen. Ein Name, der den Lindauer Schleierfahndern bestens bekannt ist: Sie hat die Familie bereits mehrere Male an der Grenze zu Österreich kontrolliert. Zudem kann die Frau das Auto der Gruppe als jenes beschreiben, das in der Tatnacht am Haus des Rentners gesehen wurde.

Dank einer Telefonüberwachung stellen die Beamten schließlich fest, dass sich Alber-Remusz M. in Ulm aufhält. Ein Sondereinsatzkommando nimmt ihn wenige Wochen nach der Tat auf dem Parkplatz eines Supermarkts fest. Erst Monate später, am 4. Juli, wird Zsombor T. gefasst, der mutmaßliche Fahrer des Fluchtfahrzeugs. „Er hat eingeräumt, dass er den Angeklagten in der Nähe des Tatorts aussteigen lassen hat. Was er danach gemacht hat, da hat er uns keinen reinen Wein eingeschenkt“, erklärt ein Kripo-Beamter vor Gericht. Der 27-Jährige bestreitet nach wie vor, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein.

Vor dem Kemptener Landgericht sagt keiner der beiden Angeklagten aus. Staatsanwalt Martin Slach hat bereits angekündigt, dass er im Fall von Alber-Remusz M. neben einer Freiheitsstrafe eine Sicherungsverwahrung in Betracht ziehe. Am Dienstag wird wieder verhandelt, ein Urteil könnte noch in dieser Woche fallen. Und Zsombor T.? Die Ermittler sind überzeugt, dass er am Tatort gewartet hat und weggefahren ist, als er das brennende Haus gesehen hat. Seinen Cousin hat er offenbar zurückgelassen. Ebenso wie die magere Beute: ein paar Flaschen Alkohol, Werkzeug und Taschen.

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