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Prozess in Kempten
30.11.2020

Pflegebedürftiger getötet: Angeklagter sieht sich als Opfer

Weil er einen schwer kranken und fast blinden Mann gefesselt, geknebelt, ausgeraubt und getötet haben soll, muss sich seit Montag ein 29-Jähriger vor dem Landgericht verantworten.
Foto: Martina Diemand

Der Prozess um einen getöteten Pflegebedürftigen ist am Montag am Landgericht Kempten eröffnet worden. Worum es in dem spektakulären Fall geht.

Weil er einen schwer herzkranken, fast blinden und körperlich stark eingeschränkten Mann gefesselt, geknebelt, ausgeraubt und dabei getötet haben soll, muss sich seit heute ein 29-Jähriger vor dem Kemptener Landgericht verantworten. Ein weiterer Tatverdächtiger, der den Raub laut Staatsanwaltschaft organisiert haben soll, hat sich im Sommer in Untersuchungshaft umgebracht. Die Tat selbst ereignete sich im März diesen Jahres in Kaufbeuren.

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Die Anklageschrift liest sich wie das Drehbuch eines Krimis. Der mittlerweile Verstorbene hat das Opfer demnach über die Nachbarschaftshilfe kennengelernt. Mehrmals in der Woche hat er ihm Gesellschaft geleitest und ihn bei seinen täglichen Verrichtungen unterstützt. Daher wusste er auch, dass der ältere Herr mehrere Tausend Euro Zuhause hatte.

Das Opfer war bisexuell, der mutmaßliche Drahtzieher hat ihm wohl auch immer wieder geholfen, Sexdates zu organisieren. Daher legte er bei einer Online-Dating Plattform einen falschen Account an, über den ein Freund von ihm ein Treffen mit dem späteren Opfer ausmachte. Der Komplize war dann laut Anklage auch derjenige, der den Pflegebedürftigen fesselte, knebelte und ausraubte, nachdem der arglose Mann ihn in seine Wohnung gelassen hatte.

Letztlich erstickte das Opfer an seiner eigenen Zahnprothese. Der Räuber soll seinen im Auto vor der Tür wartenden Freund angerufen und gesagt haben, dass der Mann sich nicht mehr rühre. Trotzdem soll er weiter nach Beute gesucht und das Opfer dann hilflos zurück gelassen haben.

Erst am nächsten Morgen, nachdem dem Pflegedienst die Tür nicht geöffnet wurde, wurde die Leiche des Mannes schließlich gefunden.

Verstorbener Tatverdächtiger wohl schockiert über brutales Vorgehen des Komplizen

Der mutmaßliche Drahtzieher wurde zunächst als Zeuge befragt, über die Auswertung von Handydaten und Browserverläufen kamen die Ermittler dann aber auf die Spur der Täter. Laut eines Polizeibeamten habe der mittlerweile Verstorbene dann auch gestanden, er habe ein Redebedürfnis gehabt und viel von der Tat erzählt. Er sei geschockt gewesen, wie brutal sein Komplize vorgegangen ist. Auch soll er gehofft haben, dass der Pflegebedürftige bis zum nächsten Tag durchhält. Die Staatsanwaltschaft schließt in ihrer Anklage nicht aus, dass der Organisator den Tod des Opfers nicht geplant hatte.

Sein Komplize stellt die Ausgangslage vor Gericht nun vor Gericht gänzlich anders dar. Er habe lediglich zugestimmt, mit dem Opfer ein Treffen über die Dating-Plattform auszumachen, einen persönlichen Kontakt habe er nie gewollt. Sein Freund habe ihn und seine Familie bedroht und ihn so gezwungen, ihm zu helfen. "Er hat mich benutzt und ausgenutzt", sagte der 29-Jährige.

Er habe den Pflegebedürftigen auch nicht ausgeraubt oder sei in seiner Wohnung gewesen. Der mittlerweile Verstorbene habe das getan. Auf Rückfrage des Richters, wie dann Spuren seiner DNA in die Wohnung gelangt seien gab der 29-Jährige an, sein Freund habe seine Handschuhe getragen und ein Tuch mit seiner DNA dabei gehabt. Außerdem habe der Drahtzieher die Handys vertauscht und so falsche Spuren gelegt.

Am Mittwoch werden mehrere Zeugen gehört, ein Urteil wird erst in den kommenden Tagen erwartet. Als Motiv vermuten die Ermittler Geldnot. Ebenfalls Angeklagt ist der Bruder des 29-Jährigen, er soll die Beute bei sich versteckt haben. Er legte zu Beginn der Verhandlung ein Geständnis über seinen Anwalt ab.

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