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Kempten

26.02.2015

Prozess um Schießerei im Zug: Was passierte wirklich?

Am Donnerstag hat der Prozess gegen Michael W. vor dem Kemptener Landgericht begonnen. Er soll mit seinem getöteten Komplizen für die Schießerei im Alex 2014 verantwortlich sein.
Bild: Ralf Lienert

Michael W. muss sich ab Donnerstag wegen Mordversuchs an drei Polizisten vor dem Landgericht Kempten verantworten. Beim ersten Prozesstag wurden Zeugen und Sachverständiger gehört.

Seit Donnerstag wird vor dem Landgericht Kempten die Schießerei verhandelt, die sich vor elf Monaten in einem Allgäuer Regionalzug abspielte. Als zwei Polizisten zwei Passagiere kontrollieren wollen, gehen diese sofort mit gezogener Waffe auf die Beamten los. Es folgt eine gegenseitige Verfolgungsjagd - Zug rauf, Zug runter. Dabei fallen zahlreiche Schüsse. Zum Schluss ist der eine Angreifer tot, der andere liegt im Koma. Ein Polizist ist niedergeschossen, der andere bewusstlos geprügelt - und 300 Fahrgäste sind schockiert und fliehen teilweise aus dem auf freier Strecke angehaltenen Zug.

Angeklagt ist der 45-Jährige, der die Schießerei überlebt hat. Er wird des dreifachen versuchten Mordes an den Polizisten sowie weiterer schwerer Straftaten beschuldigt. Zu Beginn des Prozesses schwieg der Mann. Vom Richter nach seinem Lebenslauf gefragt, antwortet der Mann lethargisch und wortkarg. Zu den Vorwürfen sagt der Angeklagte nichts.

Schießerei im Zug: Beim Prozess schweigt der Angeklagte

Dafür schilderten die drei beteiligten Polizisten lebhaft und teils sehr detailliert die dramatischen Minuten im Allgäu Express "Alex". Was demnach geschah: Als die beiden Bundespolizisten bei einer Routinekontrolle in einem Abteil des vorletzten Waggons feststellen, dass ein 20-Jähriger vom Amtsgericht Neuburg an der Donau zur Festnahme ausgeschrieben ist, zieht der Verdächtige eine Schusswaffe und feuert auf einen Beamten - später stellte sich heraus, dass es eine Gaspistole war.

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Gleichzeitig soll der Begleiter des jungen Mannes, der jetzt Angeklagte, den anderen Polizisten von hinten auf die Sitze des Abteils gestoßen haben. Zwischen beiden kommt es zum Kampf, der Polizist sprüht dem Angreifer sein Pfefferspray ins Gesicht - doch: Es habe überhaupt keine Wirkung gezeigt, meinte der 45 Jahre alte Beamte im Prozess. Möglicherweise war das Abwehrspray zu alt.

Der Angeklagte Michael W. wird mit Handschellen abgeführt.
Bild: Ralf Lienert

Sein 57 Jahre alter Kollege versucht unterdessen, seine Dienstwaffe zu ziehen, doch diese hat sich im Holster verklemmt. Dieser Polizist rennt dann den Zug entlang, verfolgt von beiden Verdächtigen. Die Männer holen den Beamten ein, der 20-Jährige schlägt ihn mit seiner Schreckschusswaffe nieder. Dann soll der 45-Jährige dem bewusstlosen Polizisten die Dienstwaffe gestohlen haben und auf den zweiten Bundespolizisten geschossen haben. Der Beamte wird im Bein getroffen, seine Schutzweste fängt einen Bauchschuss ab. Er selbst glaubt, dass ihn seine kugelsichere Weste sogar vor zwei Kugeln rettete. "Ich gehe von drei Treffern aus", sagt der Zeuge.

Beamter des LKA greift in Schießerei ein

Der niedergeschossene Polizist feuert achtmal zurück und trifft den Angeklagten laut Anklage zweimal. Schließlich sperrt sich der schwer verletzte Polizist in einer Toilette ein. Unterdessen greift ein Beamter des Bayerischen Landeskriminalamtes, der zivil als Passagier im Zug ist, ein. Zusammen mit dem anderen Bundespolizisten verfolgt er die beiden Männer durch den Zug. Die Beamten durchkämmen Abteil für Abteil und schicken die verängstigten Passagiere ans andere Zugende, ins Bistro. Schließlich treffen die Polizisten auf die Gesuchten - wieder fallen reihenweise Schüsse.

Der LKA-Mann trifft die Waffe des Angeklagten, die dadurch unbrauchbar wird. Dies soll den 45-jährigen Augsburger dazu bewogen haben, ebenso wie sein Bekannter zuvor schon aus dem etwa 90 Stundenkilometer schnellen Zug zu springen. Der Angeklagte wird dabei schwer verletzt und liegt zunächst wochenlang im Koma. Der 20-Jährige überlebt seinen Fluchtversuch nicht, er wird vom Regionalexpress erfasst und getötet.

Bei den Fahrgästen bricht angesichts der Schießerei Panik aus. "Frauen haben geweint, Kinder geschrien.", berichtete der im Prozess befragte Schaffner. Ein Passagier zieht die Notbremse, etliche Menschen rennen vom Zug in die Umgebung davon. Laut einer Zeugin soll jemand "Ich bring euch alle um!" gerufen haben. Der LKA-Polizist entscheidet dennoch, dass der Zug in den nächsten Bahnhof weiterfahren soll. "Wir standen mitten im Wald", begründet der 37-Jährige seine Entscheidung. Es habe noch nicht einmal Handy-Empfang gegeben.

Erster Prozesstag: Zeugen und Sachverständiger sagen aus

Im Prozess sagte neben den Zeugen zudem ein Sachverständiger aus. Der Waffeningenieur hat mehrere Gutachten zu denen im Fall relevanten Schusswaffen erstellt. Laut seinen Untersuchungen hatte der LKA-Beamte die Waffe, die der Angeklagte zuvor dem Bundespolizisten entwendet hat, mit einem Schuss getroffen. Auch der Angeklagte scheint getroffen worden zu sein.

Während des ersten Prozesstages waren neben rund 15 Medienvertretern bis zu 30 Besucher im Saal, die bei den Aussagen der Zeugen zuhörten. Gegen 15.30 Uhr war der Prozesstag beendet. Die Fortsetzung findet am kommenden Donnerstag, 5. März, statt. (dpa, cch, all-in.de)

Der Prozess im Überblick: Prozess um Schießerei im Zug: "Frauen haben geweint, Kinder geschrien"

Weitere Infos zu dem spektakulären Fall gibt es auf all-in.de

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