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Amberg

23.01.2019

Prügelnde Flüchtlinge: Amberg kämpft um seinen Ruf

Die Innenstadt von Amberg Anfang Januar. Dort hatten vier Asylbewerber am 29. Dezember wahllos Passanten geschlagen und damit eine Debatte über Gewalt von Flüchtlingen ausgelöst.
Bild: Armin Weigel, dpa

Plus Prügelnde Flüchtlinge haben Amberg in die Schlagzeilen katapultiert. Bundesweite Debatten folgten. Wie lebt man in einer Stadt, die abgestempelt ist?

Ja, die 80-Jährige hat Angst. Große Angst sogar. Vor allem, wenn sie durch die Unterführung am Bahnhof muss. „Scheußlich ist das.“ Vor ein paar Wochen sei das noch kein Problem für sie gewesen. Jetzt schon. Jetzt schaut sie jedes Mal, ob Polizisten in der Nähe sind. Dann fühlt sie sich sicherer. Die zierliche Dame, die in Richtung Bahnhof unterwegs ist, lebt seit Jahren in Amberg. In der Stadt, die nach einer Prügelattacke von vier Asylbewerbern am letzten Dezemberwochenende in die Schlagzeilen geraten ist.

An jenem Samstag, an dem die betrunkenen Flüchtlinge am Bahnhof und in der Altstadt auf Passanten eingeschlagen haben, war auch die 80-Jährige mit dem Zug unterwegs. Sie hätte also eines der zwölf Opfer sein können, die von den Jugendlichen verletzt wurden, erzählt sie. Eine solche Tat hätte sie sich in ihrem Amberg gar nicht vorstellen können.

Michael Cerny geht es genauso. Der Oberbürgermeister war von einem Tag auf den anderen einer der gefragtesten Interviewpartner in Deutschland. Heute spricht er von einem „Tsunami“, der da über ihn und seine Mitbürger hereingebrochen ist. Das Medienecho auf die Prügelattacke sei „too much“ gewesen, „völlig überdimensioniert“.

Dass hier Flüchtlinge wie wild um sich prügeln, passt nicht ins Bild

Michael Cerny sitzt in seinem Büro im zweiten Stock der Stadtverwaltung an einem langen Besprechungstisch. Die Fenster geben den Blick auf den schönen Marktplatz frei. Dort sind viele Menschen an diesem Mittag unterwegs. Es wird geplaudert. Eingekauft. Etliche Marktleute bieten ihre Waren an. Wild aus der Heimat. Bio-Backwaren. Feinkost. Obst aus Franken. Beschaulich geht es zu im Zentrum von Amberg. Eine Atmosphäre, die prägt, sagt Cerny, der mit seiner Frau und den drei Kindern nur acht Radminuten entfernt wohnt.

Eine Atmosphäre, die viele, die von auswärts kommen, schnell spürten und zu schätzen wüssten. Lebenswert sei die Stadt, sagt Cerny. Liebenswert. Dass hier Flüchtlinge wie wild um sich prügeln, passt überhaupt nicht ins Bild.

Genau das ist Cernys Problem. So gelassen der Oberbürgermeister auch wirkt in seinem lichtdurchfluteten Büro mit den farbenfrohen Bildern an den Wänden, er kämpft. Er will seine Heimatstadt voranbringen – und dann kommt so etwas. Ausgerechnet hier. In Amberg. Wo man um positive Aufmerksamkeit so ringen muss. Wo man ein bisschen im Schatten steht – zwischen der Metropole Nürnberg mit seiner berühmten Burg und Regensburg mit seiner zum Weltkulturerbe gekürten Altstadt. Wo man den Wettbewerb der Städte spürt, wie Cerny erklärt. Zum Beispiel an den Fachkräften, die in Amberg fehlen: Ärzte, Erzieher, Pflegekräfte.

Die Flüchtlinge lebten gar nicht in Amberg - aber das spielt kaum eine Rolle

„Das Image einer Stadt ist etwas sehr Wichtiges“, sagt Cerny. Nur gemütlich und hübsch reiche nicht. Was nötig ist, sei ein Alleinstellungsmerkmal. Vor allem ein positives. Und der gelernte Informatiker weiß, dass längst das Internet den Ausschlag gibt. Dort, bei Google, muss Schönes kommen, wenn man Amberg eingibt. Was jetzt aber mit der Stadt verbunden wird, sind alkoholisierte Asylbewerber, die auf Passanten einschlagen – dass die 17- bis 19-Jährigen gar nicht hier lebten, spielt dabei kaum eine Rolle.

Cerny hält dagegen. Betont, wie viel Amberg zu bieten hat. „Wir haben beispielsweise eine starke Kreativität in der Stadt.“ Man denke nur an das einzigartige Luftmuseum. Eine Schau, die in der Tat witzig und originell mit dem Thema Luft umgeht und moderne Kunst zeigt. Aber auch die „Glaskathedrale“ von Bauhaus-Gründer Walter Gropius ist so ein Highlight, das gerade jetzt, im Jubiläumsjahr der erfolgreichen Kunstschule, präsentiert werden soll. Mit solchen Themen will Cerny auf Amberg aufmerksam machen. Gut kann er sich noch erinnern, was für einen Auftrieb es damals gab, als Kanzlerin Angela Merkel in die Stadt kam, Siemens besucht hat und die Industrie 4.0 lobte. 2015 war das. So etwas wäre nun wieder gut.

Dabei macht er deutlich, dass der Besuch des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann unmittelbar nach der Prügelei für ihn in Ordnung war. Mit dem CSU-Minister, dessen Vater in Amberg lebte, pflege er einen guten Kontakt. Man versuchte, zu deeskalieren. Anders verhält es sich mit der Reaktion von Bundesinnenminister Horst Seehofer. Der CSU-Politiker nahm bekanntlich die Angriffe in Amberg zum Anlass, um eine Verschärfung des Asylrechts zu fordern. Cerny kritisierte daraufhin Seehofer. Auch im Gespräch ist zu spüren, dass er das Agieren Seehofers mit Sorge beobachtet. Auch, wenn er es nicht so deutlich sagt, für Cerny hat Seehofer, „der einmal eine bombastisch gute Politik gemacht hat“, den idealen Zeitpunkt für einen Rückzug verpasst. Der Amberger Oberbürgermeister ist selbst CSU-Mitglied.

Der Bürgermeister war plötzlich der Verharmloser, der Gutmensch

Wo steht er also in dem Streit um ein angemessenes Asylrecht? Ist eine Verschärfung nötig? Cerny wägt seine Worte genau. Er hat gelernt, welche Wucht Worte entfalten können – gerade in sozialen Medien. Nach dem Angriff betonte Cerny, dass ihm wichtig sei, nicht alle Asylbewerber unter Generalverdacht zu stellen. Sofort sei er „der Verharmloser, der Gutmensch“ gewesen.

Wer mit Cerny spricht, erkennt aber schnell, dass hier jemand einfach realistisch ist. Kein Hardliner. Für die Asylpolitik von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder findet er trotzdem lobende Worte. Der habe mit seinem „Dreiklang Humanismus, Integration, Rechtsstaatlichkeit“ gute Leitplanken gesetzt.

Eine Verschärfung der Asylgesetze ist für Cerny nicht das Gebot der Stunde. Weil das Problem seiner Ansicht nach in der Justiz liegt. Dort fehle Personal. Dort blieben die Widersprüche zu den Asylbescheiden zu lange liegen, was für alle Beteiligten zu Schwierigkeiten führt.

Und plötzlich war er der "Verharmloser": der Amberger Oberbürgermeister Michael Cerny.
Bild: Armin Weigel, dpa (Archiv)

Von den 43.000 Einwohnern Ambergs sind etwa elf Prozent Migranten. Rund 1000 anerkannte Flüchtlinge leben in der Stadt. Viele von ihnen ärgern sich über die Straftaten der Asylbewerber, sagt Cerny. Denn sie müssten es jetzt oft ausbaden. Erhalten wieder skeptische Blicke, werden verstärkt gemieden. Dabei war man mit der Integration seiner Einschätzung nach auf einem guten Weg. Einem Weg, den er nach dem Vorfall weiter gehen will.

Die vier Flüchtlinge – drei Afghanen und ein Iraner – sitzen derzeit in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung. Bis sie vor Gericht stehen, wird es dauern.

Innenminister Herrmann hat nach der Prügelattacke schnell reagiert und deutlich mehr Polizisten in der Stadt versprochen. Und Cerny lobt die Polizei: „Die haben einen guten Job gemacht.“ Doch so dankbar die Amberger dafür waren und sind, es sei vielen mit der Zeit zu viel geworden. Immer öfter seien Polizisten freundlich in der Stadt von Bürgern angesprochen worden, ob es jetzt nicht reiche mit der hohen Präsenz. Auch bei Cerny im Büro standen Bürger und baten, das Polizeiaufgebot etwas zu verringern. Man habe ansonsten das Gefühl, stets in großer Gefahr zu sein.

Cerny weiß, „den Amberger“ gibt es nicht. Manche fühlen sich sicherer, wenn viel Polizei vor Ort ist – wie die Seniorin. Vielen aber geht es wie der jungen Mutter, die ihre sechs Monate alten Zwillinge im Kinderwagen über den Marktplatz schiebt. Die 31-Jährige ist regelmäßig in der Stadt, da die Kinder dann gut schlafen. Die viele Polizei war unmittelbar nach der Tat sehr wichtig. Aber allmählich sei es zu viel geworden. Ob sie denn keine Angst habe? „Nein“, Angst habe sie keine, „ich fühle mich hier sicher“.

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