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Gesundheit

18.12.2017

Psychische Krankheit trifft die ganze Familie

Nicht immer tritt eine Heilung ein.
Bild: Peter Steffen, dpa (Symbolbild)

Wenn jemand seelisch schwer erkrankt, leidet oft das ganze Umfeld mit. Wie in Schwabens Bezirkskliniken die Rolle der nächsten Angehörigen gestärkt werden soll.

Von einem eisernen Vorhang spricht Karl Heinz Möhrmann. Er senke sich oft erst bei der Entlassung aus der Psychiatrie, erzählt der Vorsitzende des Landesverbandes Bayern der Angehörigen psychisch Kranker. Und dann stünden viele Patienten und ihre Familien allein da. Mit Diagnosen, die sie im Detail nicht verstehen. Mit Wartelisten in der ambulanten Versorgung. Mit vielen Fragen und Ungewissheiten. Doch wenn beispielsweise der Übergang von der stationären in die ambulante Versorgung bei psychisch kranken Menschen nicht funktioniert, droht ein Rückfall – und nicht selten die Wiedereinweisung in die Klinik. Ein Teufelskreis, den niemand will. Daher möchten die Bezirkskliniken Schwaben Angehörige von Anfang an stärker einbinden.

Ein Kooperationsvertrag mit dem Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker wurde bereits unterzeichnet. Denn die Entlassung ist nur eine Schwachstelle. „Angehörige müssten auch nach der Einweisung zeitnah ein Gespräch mit dem zuständigen Arzt bekommen“, fordert Möhrmann, dessen Frau seit 49 Jahren mit einer bipolaren Störung kämpft, also immer wieder unter starken manischen und depressiven Stimmungsschwankungen leidet. Auch während des Klinikaufenthalts müssen seiner Ansicht nach Angehörige mit Ärzten und Pflegern besser ins Gespräch kommen. Denn eine schwere psychische Erkrankung trifft auch das soziale Umfeld des Patienten. Möhrmann und seine Kollegen im Verein sind ständig mit Fragen von Angehörigen konfrontiert, die immer wieder zeigen, wie wenig Aufklärung und Hilfe die Menschen in den Kliniken erfahren. Denn bei psychischen Erkrankungen, seien es nun Angststörungen, Psychosen, Depressionen, Suchtstörungen oder Schizophrenie, herrsche viel Unwissen und Unsicherheit. „Für Angehörige ist es oft eine fremde Welt.“

Hinzu komme, dass es sich nach wie vor um sehr stigmatisierende Krankheiten handelt. Um Krankheiten, die im Freundes-, Bekannten- und Kollegenkreis nicht gerne offenbart werden, was die Isolation der Betroffenen und ihrer Angehörigen verstärke. „Sitzt jemand im Rollstuhl, kann man darüber reden“, sagt Möhrmann, „sitzt die Seele im Rollstuhl, wird es schwierig.“ Und es handelt sich um Krankheiten, die bei vielen Angehörigen Schuldgefühle auslösen und das Alltagsleben extrem belasten.

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Auch Angehörige müssen lernen, mit der Erkrankung zu leben

Dass Angehörige in der Vergangenheit zu häufig außen vor geblieben sind, weiß Professor Thomas Becker, Ärztlicher Direktor für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Bezirkskrankenhaus Günzburg. Das habe sich aber in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten schon deutlich geändert. Und soll sich weiter ändern. Denn die Einbeziehung in die Behandlung sei nicht nur „ein selbstverständlicher Anspruch, eine Verpflichtung unsererseits“. Seiner Einschätzung nach ist sie aus ärztlicher Sicht unverzichtbar. Denn Angehörige können, wenn der Patient einverstanden ist, gut ergänzend berichten, wie sich der Betroffene in Alltagssituationen verhält, ob es frühere psychische Erkrankungsphasen oder Krisen gegeben hat, welche Situationen diese ausgelöst haben, welche eine Entspannung ermöglichen, welche Spannungsfelder es in den Familien oder im Umfeld gibt.

Und es sind natürlich auch die Angehörigen, die wie die Patienten selbst lernen müssen, mit der Erkrankung zu leben. Denn Becker und Möhrmann wissen, dass Heilung nicht immer eintritt. „Eine Heilung ist in vielen Fällen möglich“, sagt Becker. „Es gibt einmalige psychische Krisen. Es gibt Verläufe mit wiederholter Erkrankung und einer Gesundung zwischen den Krisen – und auch fortdauernde Erkrankungen.“ Dann müssten alle Beteiligten lernen, eine gute Lebensqualität zu erreichen. Und Becker betont, wie wichtig für den Patienten „ein positives Familienklima mit Toleranz für die Erkrankung“ ist.

"Wir haben ein Problem"

Professor Becker sieht die Lücken in der Praxis. Er weiß aber auch, unter welchem Zeitdruck seine Mitarbeiter stehen. „Wir ringen um die Qualität“, gibt er offen zu. Die finanziellen Budgets seien gestiegen. Die Gehaltssteigerungen der Mitarbeiter hätten aber damit nicht Schritt gehalten. Zudem nehme die Begeisterung junger Menschen, als Arzt oder Pflegekraft in der Psychiatrie zu arbeiten, ab. „Wir haben ein Problem“, betont Becker. Dennoch will er konkrete Maßnahmen umsetzen, die Angehörige berücksichtigen. So arbeite man auf einer Station, in der Menschen mit Psychosen behandelt werden, sehr gut mit einer festen Angehörigengruppe zusammen, die sich regelmäßig trifft. Solche Gruppen bauen auch andere Stationen auf. Becker kann sich vorstellen, dass Stationen Listen mit festen Terminen führen, in denen sich Angehörige für Visiten eintragen können, um den Stand der Behandlung zu erfahren.

Möhrmann wünscht sich, dass die Einbeziehung von Angehörigen ein festes Qualitätsmerkmal wird und immer wieder abgefragt wird. Er weiß aber auch, dass es Angehörige gibt, die zu fordernd in den Kliniken auftreten: „Ich muss nicht gleich nach der Einweisung den Oberarzt oder den Chefarzt sprechen.“ Und Angehörige hätten auch die Pflicht, sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen, sich kundig zu machen. So gebe es nicht nur für Betroffene Selbsthilfegruppen, sondern auch für Angehörige. Gesprächsrunden, die nicht nur psychisch die Menschen stützen, weil sie erfahren, dass sie mit ihrer Situation nicht allein sind. In diesen Runden erfährt man viel über die jeweilige Erkrankung.

Der Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker informiert im Internet unter der Adresse: www.lvbayern-apk.de; Telefon 089/ 51 08 63 25.

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