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Interview mit Christian Weisner

13.02.2013

"Ratzinger war eine Enttäuschung"

Bei den Messen des Papstes waren tausende Menschen anwesend. Viele sind aber auch enttäuscht von dem scheidenden Papst.
Bild: Wolfgang Radtke dpa

Christian Weisner von der Bewegung "Wir sind Kirche" hofft, dass der neue Papst den Mut zu Reformen aufbringen wird. Die Kirche muss wieder bodenständig werden, sagt er.

Kritiker werfen Benedikt XVI. vor, Reformen eher behindert zu haben. Nach seinem Rücktritt wünscht sich der Münchner Christian Weisner von der Laienbewegung „Wir sind Kirche“ einen neuen Papst, der in der römischen Kurie aufräumt und eine liberalere Lehre als der bayerische Theologieprofessor vertritt.

Der Schweizer Theologe Hans Küng behauptet, der Katholizismus krankt am eigenen System. Stimmen Sie zu?

Christian Weisner: Auf jeden Fall. Ob die Vatileaks-Affäre oder das Finanzgebaren des Vatikans – es gibt neben den Missbrauchsfällen viele Dinge, die nicht rund laufen in der Kirchenleitung. Rom hat unter den letzten beiden Päpsten zu viel Macht an sich gezogen – bis hin, dass die Lieder im Gotteslob dort genehmigt werden mussten.

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Jetzt merkt man, dass der Papst unter der Verantwortung zusammenbricht. Insofern wird es nicht ausreichen, nur einen kraftvolleren, jüngeren Nachfolger zu finden. Wir müssen sehen, dass dieses System, das in der Renaissance vielleicht einmal modern war, für eine Weltkirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern nicht tragbar ist.

Der neue Papst muss sich durchsetzen können

Was müsste sich ändern? Es gibt renommierte Fachleute, die behaupten, zunächst müsste in der römischen Kurie, der manche mafiöse Tendenzen unterstellen, aufgeräumt werden?

Weisner: Genau das muss geschehen. Da war Ratzinger für viele eine Enttäuschung. Man dachte sich, er war Jahrzehnte Präfekt der Glaubenskongregation und kennt das System in Rom. Aber auch ihm ist es nicht gelungen, die römische Kurie zu reformieren. Das scheint eine Herkulesaufgabe zu sein.

Aber diese Intransparenz in diesem Hofstaat muss ein Ende haben. Ein Weiter so darf es im Sinne der Kirche nicht mehr geben.

Welche Eigenschaften sollte der neue Pontifex mitbringen?

Weisner: Er muss durchsetzungskräftig sein und offen für die Welt. Der neue Papst hat die Aufgabe, die Flügel der Kirche wieder zusammenzubringen: auf der einen Seite die Traditionalisten, auf der anderen die reformbereiten Kräfte. Wir müssen die Polarisierungen überwinden. Ein Bayer auf dem Petrusstuhl

Die Kirche muss wieder glaubwürdig werden

Die Kirche benötigt Veränderung?

Weisner: Ja. Im Grunde müssten nur die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils von vor 50 Jahren fortgeführt und umgesetzt werden. Sie beinhalten bereits das Werkzeug für eine Kirche des dritten Jahrtausends – sprich: mehr Dialog, mehr Dezentralisierung. Sie sind der Schlüssel für die Zukunft der Kirche. Doch der wurde bisher von rechten Kräften eingesperrt.

Was sind die dringlichsten Themen?

Weisner: Klar, die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt muss in jedem Fall fortgeführt werden. Aber es geht um viel mehr. Ratzinger war zu sehr auf die binnenkirchlichen Fragen konzentriert. Es geht aber darum, die katholische Kirche wieder zu einer glaubwürdigen Stimme zu machen, die Orientierung bietet.

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Bild: Daniel Dal Zennaro

Das ist wichtig, gerade in Zeiten von Finanzkrisen, Umweltzerstörung und wirtschaftlicher Ausbeutung. Ich meine, dass unser Glaube eine starke Botschaft hat. Unsere Kirche ist ja mehr als ein Schifflein Petri, wie Ratzinger es formulierte. Sie ist ein großer Dampfer, der nicht dahindümpeln darf, er muss Kurs halten – in Richtung Gerechtigkeit.

Auch in Deutschland gibt es viel zu tun

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Weisner: Wir haben eine besondere Pflicht, die Kirchenspaltung zu überwinden. Die Menschen erwarten mehr, als bisher geschehen ist.

Sie meinen mehr Ökumene und zum Beispiel ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Lutheranern?

Weisner: Da muss sich etwas tun. Auch bei der Anerkennung von Homosexuellen und geschiedenen Wiederverheirateten. Jesus hat ja auch nicht mit den Mächtigen gespeist, sondern mit den Ausgegrenzten. Er hat seine Botschaft nicht Rabbinern anvertraut, sondern einfachen Fischern.

Diese Bodenständigkeit, die muss der Katholizismus wieder gewinnen. Derzeit ist die Kirche in ihren eigenen Dogmen gefangen. Aber Jesus hat ja auch am Sabbat verbotenerweise Kranke geheilt. Ich glaube, es ist ein Irrweg, wenn die Kirche die Gnade Gottes nur vom Wohlverhalten des Menschen abhängig macht.

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