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Flughafen Memmingen

17.01.2020

Rekordzahlen trotz Klima-Debatte am Allgäu-Airport

Der Flughafen Memmingen zählt Ryanair zu seine erfolgreichsten Kunden.
Bild: Matthias Becker

Plus Weltweit demonstrieren Menschen für Klimaschutz. Doch der Allgäu Airport verzeichnet Rekorde. Denn der kleine Flughafen bedient eine ganz eigene Nische.

Alle zwei Monate besucht Nataliya Drexler ihre Familie in der Ukraine. Gerade ist die Frau mit dem feinen, blassen Gesicht und den dunklen Locken wieder aus der Maschine aus Lemberg gestiegen, wurde mit dutzenden anderen Passagieren vom Wind in die Eingangshalle geweht. Sie lebt schon lange in Stuttgart, der Heimat ihres Mannes. Wie immer holt er sie ab, vor der Fahrt nach Hause gönnen sie sich noch Käsekuchen und Cappuccino im Flughafen-Café. Das ist längst ein Ritual. „Ich fliege immer von Memmingen. Es ist einfach praktisch. Es gibt eine Direktverbindung, die Wege sind kurz“, sagt Nataliya Drexler. Sie ist das Musterbild eines Passagiers am Allgäu Airport. Fast jeder zweite Fluggast hier fliegt zu Freunden oder Verwandten. Und die Hälfte aller Passagiere nutzt eine Verbindung nach Osteuropa.

Flughafen Memmingen hat harte Zeiten hinter sich

Leute wie Nataliya Drexler haben dem Flughafen 2019 Rekordzahlen beschert. 1,72 Millionen Passagiere zählten Geschäftsführer Ralf Schmid und sein Team – 15 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Summe wuchsen die Passagierzahlen deutscher Flughäfen nach Angaben der Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen 2019 um zwei Prozentpunkte.

Ralf Schmid leitet den Airport seit 18 Jahren.
Bild: Matthias Becker

Vor zwei Jahren kannte niemand den Begriff Flugscham, geschweige denn das dazugehörige Gefühl. Heute ist das Wort im Lexikon gelandet. Doch die Deutschen hält es nicht am Boden, vor allem nicht die Nutzer des Allgäu Airport – und auch nicht die des Münchner Franz-Josef-Strauß-Flughafens. Der stellte auch einen Passagierrekord auf: 48 Millionen waren es 2019 – 1,7 Millionen mehr als ein Jahr zuvor.

 

Flugscham und die Lust am Fliegen, wie passt das zusammen? Oder anders gefragt: Der Bayer, ein Klimasünder?

Ein Blick durchs Panorama-Fenster im lichtdurchfluteten Memminger Flughafen-Gebäude: Hinter dem Glas zieht sich die kürzlich erst verbreiterte Startbahn schnurgerade durch die grünen Hügel. 55 Ziele in Europa, Asien und Afrika steuern die Flugzeuge an. Drinnen ist die Stimmung sonnig, Flughafenchef Schmid strahlt. Seit 18 Jahren leitet Schmid den Flughafen. Seine Söhne haben auf dem Rollfeld Radfahren gelernt. Ohne Blessuren schafft es niemand – das gilt fürs Radeln und für den Start eines neuen Flughafens. Schmid denkt an das Jahr 2011, als Tuifly die innerdeutschen Flüge einstellte. Oder 2014, als der Krieg in der Ukraine die Flüge dorthin um 70 Prozent einbrechen ließ. Damals hatte der Flughafen 17 Millionen Euro Schulden. Investoren retteten ihn, seitdem geht es himmelwärts.

Im Herbst wurde die Startbahn von 30 auf 45 Meter Breite ausgebaut.
Bild: Matthias Becker

Heute zieht Schmid seine Bilanz mit einem Lächeln, das alles zwischen erleichtert und triumphierend bedeuten kann: „Wir waren schon immer etwas anders als die anderen – und antizyklisch unterwegs.“ Antizyklisch, also losgelöst von vermeintlichen Gesetzen des Luftfahrt-Marktes. Schmid erklärt das vor allem mit den Verbindungen nach Osteuropa. „Wir bewegen uns da in einer Nische, die nach wie vor wächst.“ Ein klassischer „Urlaubsflughafen“ sei Memmingen nämlich nicht. Passagiere, die ihre Verwandten besuchen – im englischen Flughafenvokabular Kunden mit dem Stempel „Visit friends and relatives“ – würden einen großen Teil des Erfolges begründen. „Die meisten kommen aus Osteuropa. Aber wir registrieren auch viele Portugiesen, die in den 60er Jahren hierher übergesiedelt sind“, sagt er. Aus demselben Grund seien auch Flüge nach Griechenland selbst im Winter gut ausgelastet. „Welcher Urlauber flöge schon im Winter nach Thessaloniki?“

Ryanair startet in Memmingen - und ist die erfolgreichste Fluglinie

Wie erfolgreich ein Flughafen sein kann, hängt sehr an den Airlines, die von dort fliegen. Am Allgäuer Regionalflughafen sind die größten Kunden die ungarische Billigfluglinie Wizzair und die irische Ryanair. Keine europäische Fluglinie hat 2019 mehr Fluggäste befördert als letztere – nicht einmal die altehrwürdige Lufthansa.

„Wir haben zwei der gesündesten Airlines“, sagt Schmid. Das ist essenziell. Wenn eine Fluglinie kriselt oder ihre Pläne ändert, sei auch ein Flughafen „schnell krank“. Man sieht das in Nürnberg, wo – um im Bild zu bleiben – man sich noch nicht annähernd von einer Grippe erholt hat und schon die nächste Erkältung droht. In Franken steht der einzige bayerische Verkehrsflughafen mit Minuszahlen. Nach der Insolvenz der Fluggesellschaft Germania brachen die Passagierzahlen 2019 um acht Prozent ein. Zum Sommer zieht Ryanair zwei Maschinen von dort ab. Gute Nachrichten für den Allgäu Airport.

Dessen Einzugsgebiet wächst, schon jetzt steigen auch Franken in die Memminger Flieger – Yuliia Yatskiv und ihr Freund Viktor Halfinger aus Würzburg zum Beispiel. Sie sind gerade mit der Maschine aus Lemberg gelandet, nippen am ersten Kaffee auf deutschem Boden. Zweimal haben sie dieses Jahr Weihnachten gefeiert, erst mit seinen Eltern, am 7. Januar mit ihren in der Ukraine. „Ich mag, dass der Flughafen so klein ist“, sagt die Studentin. „Es ist alles verständlich erklärt – und wenn man fliegt, sieht man die Alpen. So schön.“ Etwa viermal im Jahr besucht sie ihre Familie. Auf dem Hinweg hat sie diesmal den Bus ausprobiert. „Die Fahrt hat 25 Stunden gedauert, alles war so kompliziert.“ Sie senkt den Blick in die leere Kaffeetasse. Am Ende sei sie eben doch wieder geflogen – wenn auch mit „schlechtem Gewissen“. Da ist sie, eine Spur von Flugscham.

Bequemlichkeit schlägt Klimabewusstsein

Dass Bequemlichkeit im Zweifel Klimabewusstsein schlägt, bestätigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag unserer Redaktion. „Würden Sie auf Flugreisen verzichten, um das Klima zu schützen?“ So gefragt, antworten 42 Prozent der Deutschen mit „Ja“ oder „eher ja“.

Gleichzeitig gestehen aber fast 71 Prozent, bisher noch nie aus Verantwortung für das Klima ein anderes Verkehrsmittel gewählt zu haben.

Tourismusforscher Martin Lohmann von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) liest seit Jahren im Janusgesicht deutscher Urlauber. „Wir sehen nicht nur im Tourismus Unterschiede zwischen der Einstellung der Menschen und ihrem Verhalten – oft tun Leute etwas, was sie eigentlich nicht als richtig und gut empfinden“, sagte Lohmann kürzlich. „Die Mehrheit der Touristen macht eine Reise nicht, um die Natur zu schützen oder Fürsorge für Arbeitskräfte im Tourismus wirksam werden zu lassen. Die Leute reisen, um schöne Ferien zu machen.“

Ganz unbelastet von (Klima-)Sünde scheinen sich viele Touristen sich nicht zu fühlen. Mehr denn je kompensieren den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß ihres Flugs, indem sie in Umweltschutzprojekte investieren. Modernen Ablasshandel, nennen Kritiker das. Klimabewusstes Reiseverhalten, sagt der größte deutsche Anbieter solcher Kompensationsprojekte, Atmosfair in Berlin. Sprecherin Julia Zhu: „Wir sehen, dass mehr Menschen ihr Handeln reflektieren und dafür auch Verantwortung übernehmen.“ 2019 habe Atmosfair 20 Millionen Euro angesammelt – doppelt so viel wie im Vorjahr. Für Julia Zhu ist das eine Arbeitsplatzgarantie. Trotzdem sagt sie: „Für das Klima wäre es am besten, wenn man gar nicht fliegt. Die Kompensation ist nur die zweitbeste Möglichkeit.“

Nataliya Drexler, die Passagierin aus Stuttgart, hat ihren Kuchen fast aufgegessen. Ob sie ihren Flug kompensiert habe? Ihr Blick ist fest. „Ich investiere mein Geld lieber woanders.“ Umweltproteste kennt sie vom Bahnprojekt Stuttgart 21. „Die Leute haben monatelang demonstriert. Am Ende wurden die Bäume trotzdem abgerissen.“

Bürgerinitiative gegen den Allgäu Airport Memmingen

Anderswo will man nicht aufgeben. Es gibt sie noch, die Bürgerinitiative, die seit Mitte der Nullerjahre gegen den Memminger Flughafen mobilisiert, demonstriert, prozessiert. Dieter Buchberger ist das entschlossene Gesicht dieser Menschen. Es sind Leute, denen jeden Tag die Flugzeuge über die Köpfe donnern, Umweltaktivisten. Der Stadtrat der Memminger Grünen und Professor an der Fakultät für Produktionstechnik der Hochschule Ulm holt kaum Luft, wenn er am Telefon über den Flughafen spricht. „Moralisch verwerflich“ sei, was dort geschehe. „Am schlimmsten finde ich die Lockvogelangebote, denn sie machen die Menschen zu Junkies der Luftfahrt.“

Buchberger bezieht sich auf Studien des Umweltbundesamtes, wonach gerade Regionalflughäfen Menschen zu unnötigen Flügen verleiten. „Der Kegelclub macht sich keinen schönen Nachmittag mehr in Oberstdorf, sondern fliegt um unwesentlich mehr Geld nach Malle.“ Geburtstagsfeiern oder Jungessellenabschiede seien heute „Kurztrips nach Danzig oder Stockholm“. Als Stadtrat weiß er: „Memmingen hat große Not an Gewerbeflächen und plant, etwa 100 Hektar Wiesen und Äcker zu planieren. Am Allgäu Airport wären über 200 Hektar landschaftlich wenig wertvolles Gebiet zur Verfügung gestanden.“ Dass sich Flughäfen immer breiter machen, kritisiert auch das Umweltbundesamt: Mittlerweile sei die Fläche aller deutschen Verkehrs- und Regionalflughäfen so groß wie die Stadt Potsdam. Buchbergers Berechnungen zufolge macht es der Allgäu Airport unmöglich, dass das Allgäu seinen Anteil an den Pariser Klimazielen einhält.

Keine Angst vor dem Greta-Thunberg-Effekt

Dass ein Flughafenchef kein Klima-Aktivist sein kann, ist klar. Ralf Schmid bezeichnet die Diskussion wenig überraschend als „In-Thema“. Sie gehe hauptsächlich „von einigen westlichen Ländern aus, in denen auch die Jugend einen sehr hohen Lebensstandard hat“. Und keine anderen Probleme, meint man herauszuhören. Am Co2-Ausstoß der Flugzeuge können die rund 100 Mitarbeiter des Flughafens nichts ändern. Schmid verweist stattdessen auf den Nachhaltigkeitsbericht des Airports, auf Shuttlebusse mit Erdgas-Antrieb, auf das Fernheizwerk mit Biogasanteil und auf den Gebührenkatalog für Airlines, der künftig Schadstoffschleudern stärker ahnden soll. Klar ist aber auch: Den Ausstoß der Flugzeuge wird das niemals kompensieren.

Dass der Greta-Thunberg-Effekt bei den Urlaubern mit einigen Jahren Verzögerung eintritt, wie es mancher Tourismusforscher prognostiziert, beunruhigt Ralf Schmid nicht. „Wenn der klassische deutsche Mallorca-Urlauber nur noch einmal statt zweimal pro Jahr fliegt, dann schadet uns das nicht.“ Das könne man kompensieren. „Andere Länder sind hungrig nach Wirtschaftswachstum, hungrig zu reisen.“ Er erklärt es an einem Beispiel: Eine Flug von Memmingen führt nach Gjumri in Armenien. „Dort gab es noch nie Flüge außerhalb des eigenen Landes. Die Leute haben zum ersten Mal die Möglichkeit, nach Deutschland zu fliegen. Für die ist das eine Sensation.“

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