Newsticker
Labordaten von Biontech: Booster nötig für Schutz vor Omikron
  1. Startseite
  2. Bayern
  3. Reportage: Wolf in Bayern: Wir begeben uns auf eine schwierige Spurensuche

Reportage
11.04.2014

Wolf in Bayern: Wir begeben uns auf eine schwierige Spurensuche

Diese Handyfotos beweisen: Der Wolf streunt weiter durch Bayern. Aber wo ist er jetzt?
Foto: privat

Eine tote Hirschkuh und ein paar unscharfe Fotos - das sind die Hinterlassenschaften des Wolfs in Bayern. Wir haben nach dem Tier gesucht, vor dem sich viele Bauern fürchten.

Im Märchen hat der Wolf stets die Rolle des Bösewichts inne. Er verschlingt kleine Mädchen mit roter Kappe samt der Oma. Oder ganze Geißenfamilien. Das musste der Kerl teuer bezahlen. Im 19. Jahrhundert hat ihn der Mensch in Deutschland fast vollständig ausgerottet.

„Irgendwo da drüben hat er die Hirschkuh gerissen“, sagt Thomas Schwaiger und zeigt mit dem Finger auf den Berghang. Der Landwirt sitzt auf einer Holzbank hinter dem Hof und blickt hinüber zum Riesenkopf. „Jetzt müssen wir wieder abwarten, wie letztes Mal.“ Schwaiger ist genervt. Er will wissen, wo der Wolf nun ist. Ob seine Kälber sicher sind, wenn er sie in ein paar Wochen auf die Bergweide bringt. Weit weg aus dem Sichtfeld des Bauern.

Tja, wo ist er, der Wolf, der vor gut zwei Wochen in Oberbayern eine Hirschkuh gerissen hat? Gleich hinter dem nächsten Baum? Längst über alle Berge? Tatsächlich 65 Kilometer Luftlinie entfernt im Raum Erding, wie es neuerdings heißt? Oder ist das ein ganz anderer?

Kein Platz für den Wolf

Die Spurensuche beginnt in Brannenburg, einem Luftkurort unweit der österreichischen Grenze. Die 7000-Seelen-Gemeinde im Inntal ist regelrecht umzingelt von den Gipfeln des Mangfallgebirges. Unendlich viel Wald. Die perfekte Versteckmöglichkeit für ein scheues Raubtier wie den Wolf.

Wir gehen ins Rathaus, 1. Stock. Bürgermeister Mathias Lederer sitzt in seinem schwarzen Bürostuhl. Immer wieder zieht er ein Taschentuch aus seinem Sakko. „Mich hat es erwischt“, entschuldigt er sich und putzt die Nase. Ob er sich etwa bei der Suche nach dem Wolf erkältet hat? Lederer muss lachen: „Natürlich nicht.“ Suchen würde auch keinen Sinn machen. Schließlich legten Wölfe in kürzester Zeit riesige Strecken zurück. Eine Hysterie, sagt er, sei in der Gemeinde auch nicht ausgebrochen, seit ein DNA-Test bestätigt hat, dass die Ende März auf einer entlegenen Wiese zwischen Brannenburg und Oberaudorf gefundene Hirschkuh von einem Wolfsmännchen gerissen wurde.

„Das bringt auch nicht viel“, sagt Lederer. Zum einen sei das Vieh noch gar nicht auf der Alm, zum anderen sehe es momentan so aus, als wäre der Wolf weitergezogen. „Hoffen wir mal, dass es dabei bleibt“, schiebt Lederer hinterher. Denn zum Wolf in seiner Gegend hat er eine klare Meinung: „Wir haben hier keinen Platz für Wölfe. Wir sind ein Tourismusort.“ Und dieser lebe von bewirtschafteten Almen. „Das ist unser Kapital.“

Lederer schickt uns weiter. Zu Thomas Schwaiger, einem der rund zehn Landwirte in Brannenburg, die Tiere den Sommer über auf der Alm halten. 2010, als der Wolf schon einmal durch Oberbayern streifte, hat Schwaiger Spuren in der Nähe seines Hofes entdeckt. Es geht bergauf. Recht abgeschieden, direkt am Waldrand, liegt sein Bauernhof. Wir werden schwanzwedelnd von der sechs Monate jungen Hündin Bella begrüßt. War der Wolf schon hier? Soll Bella den Hof nun beschützen? Schwaiger streichelt seiner Hündin liebevoll über den Kopf und antwortet schmunzelnd: „Wer weiß?“

Die Kälber müssen raus. Ihm ist schon ganz mulmig

Galgenhumor. Eigentlich ist dem 52-Jährigen nicht nach Scherzen. Er will im Mai seine Kälber auf die Alm schicken. Wenn Schwaiger daran denkt, wird ihm ganz mulmig. „Wer eine Hirschkuh reißt, der reißt auch Kälber.“

Er erinnert sich noch gut an 2010. An die toten Tiere aus der Schafherde seines Nachbarn. „Wenn der Wolf ein Tier reißt, dann hat er einen Blutrausch“, sagt der Bauer. „Wir Landwirte wollen nicht, dass der Wolf hier einheimisch wird und Rudel bildet“, bringt es Schwaiger auf den Punkt. Als Vorstand der Jagdgenossenschaft setzt er auf Waldbewohner wie das Rotwild. Mit ihnen sei ein Zusammenleben möglich. Mit dem Wolf nicht.

Zur gleichen Zeit lädt der Bund Naturschutz in München zur Pressekonferenz. Später macht Kai Frobel, zuständig für den Artenschutz, noch einmal den Standpunkt des Verbandes deutlich. „Wir sehen Bayern als Wolfsland“, sagt er im persönlichen Gespräch. Schließlich sei der Wolf ein „Urbayer“. Es freue ihn, dass das Tier erste zaghafte Versuche unternehme, in Bayern wieder Fuß zu fassen.

Allerdings habe er auch Verständnis für die Bauern, sagt Frobel. Freilaufende Schafe hätten hierzulande eine lange Tradition. Um den Wolf in ein solches Gebiet zu integrieren, bedürfe es eines besseren Herdenschutzes, findet Frobel. „Was wir brauchen, sind gelenkte Beweidungssysteme“, so der Fachmann. Also Hirten oder auch Herdenschutzhunde, die das Vieh rund um die Uhr bewachen. So etwas funktioniere bereits gut in Sachsen und auch in der Schweiz.

Bauern fühlen sich machtlos

In Brannenburg wiederum kann sich Thomas Schwaiger beim Thema Herdenschutzmaßnahmen ein Lachen nicht verkneifen. „Die kommen mit demselben Schmarrn an wie das letzte Mal.“ Wolfssichere Elektrozäune, die sich die Bauern kostenlos ausleihen können, seien in Hanglage ungeeignet. Außerdem würden die Herden am Zugang zu natürlichen Wasserquellen gehindert. Den Wolf abzuschießen, ist verboten. Er steht unter Artenschutz. „Wir Bauern dürfen nichts tun. Nur dasitzen und zuschauen, wie der Wolf unser Vieh reißt.“

Aber ist er überhaupt noch im Kreis Rosenheim unterwegs? Wir wollen näher heran an die Stelle, an der der Wolf den ersten Beweis seiner Existenz zurückgelassen hat. Es geht Richtung Oberaudorf. Die Tatzelwurmstraße entlang, hinein in die Berge. Hier, in knapp 1000 Metern Höhe, warten die 25 Schafe und zehn Ziegen von Josef Kern darauf, sich das saftige Gras auf der Bergwiese schmecken zu lassen.

Der 51-Jährige steht in seinem kleinen Stall und blickt durch die Fenster auf die angrenzende Wiese. „Ich wollte abwarten, ob es noch mal einen Riss gibt. Jetzt kann ich aber nicht mehr länger warten. Die Tiere müssen raus“, sagt der Schäfer, während er sich seinen Filzhut zurechtrückt. Zunächst sollen sie auf die Wiese, direkt neben dem Hof. Doch in ein paar Wochen bringt Kern das Vieh auf die Alm. Nur sechs Kilometer vom Fundort der toten Hirschkuh entfernt.

Auf die Lämmchen ist der Schäfer besonders stolz. Die Rasse gehört zu einer aussterbenden Art. „Wenn der Wolf die reißt, ist meine ganze Züchtung dahin“, sagt Kern. Das könne auch eine finanzielle Entschädigung nicht in Ordnung bringen. „Hoffentlich ist er über alle Berge.“

Eine Mahlzeit hat er hier noch nicht hinterlassen

Wenn man das nur wüsste. Es kann ja keiner sagen, ob er wirklich weg ist, eben schon in der Nähe von Erding. Oder ob sich dort ein ganz anderer Wolf gezeigt hat. Die Überreste einer Mahlzeit sind bislang jedenfalls nicht entdeckt worden. Es gibt also auch keine DNA-Spur.

Ein neuer Versuch. Er beginnt in Lengdorf, etwa 15 Kilometer östlich von Erding, fernab der Berge. Knapp 3000 Einwohner hat die kleine Gemeinde. Doch außer einer Koppel mit Pferden sind hier weit und breit keine Kälber oder Schafe zu sehen, die auf der Weide grasen. Haben die Landwirte hier vorsichtshalber schon mal ihr Vieh in den schützenden Stall gebracht?

Bei einem Hühnerhof fragen wir nach Bauern aus der Gegend, die ihre Nutztiere im Freien halten. Eine Frau Mitte dreißig öffnet im ersten Stock ihr Fenster. Landwirte gebe es hier einige, sagt sie. Allerdings kaum welche, die ihr Vieh auf die Weide lassen. Aber ein kleines Stückchen weiter sei ein großer Bauernhof. Da sollen wir es versuchen. Also wieder raus aus Lengdorf in Richtung Walpertskirchen.

Beim Blick nach draußen dann so etwas wie ein Déjà-vu: Wiese, Acker, Wald. An einigen Stellen sieht es hier genauso aus wie auf den Bildern der drei Frauen, die am Sonntag einen Wolf, vielleicht sogar den aus Brannenburg, fotografiert haben. Der gesuchte Bauernhof liegt auf einer kleinen Anhöhe, zu der nur ein schmaler Feldweg führt. Eine alte Dame mit Gehhilfe öffnet die Tür. Sie reagiert leicht verwirrt. „Der Wolf war doch nicht hier“, ist sie überzeugt. In den Medien wäre die Rede von Dorfen gewesen, einer Stadt, die zehn Kilometer entfernt liegt. Sekunden später ist die Tür hinter ihr auch schon wieder zu.

Zurück auf der Hauptstraße taucht ein kurzes Stück weiter die nächste Landwirtschaft auf einer Anhöhe auf. Wir versuchen es erneut. Die Bäuerin kommt gerade aus dem Stall. Als das Stichwort Wolf fällt, muss sie lachen. Ja, davon habe sie schon gehört. Auch, dass er in der unmittelbaren Umgebung von Lengdorf aufgetaucht sei. „Wir machen uns aber keine Sorgen“, sagt sie. Schafhalter gebe es hier so gut wie keine. Die meisten Landwirte mit Kühen in der Gegend würden ihr Vieh sowieso im Stall halten. Außerdem weisen Experten immer wieder darauf hin, dass das scheue Tier für den Menschen im Grunde ungefährlich ist.

Wo ist der Wolf jetzt hin?

Wir machen uns wieder auf den Rückweg. Auf einer Weide werden wir fündig. Da steht natürlich nicht der Wolf, dafür ist die Wahrscheinlichkeit einfach zu gering. Aber wenigstens eine Handvoll braun-weißer Mutterkühe und deren Kälbchen. Daneben grasen Pferde auf einer Koppel. Daran wiederum grenzt ein gut zwei Meter hoher Zaun, hinter dem Hühner gackern.

Die Tiere gehören Familie Bauschmid. Bauschmid senior in Arbeitskleidung – „bloß kein Vorname“ – öffnet die Tür. „Es ist das erste Mal überhaupt, dass bei uns ein Wolf auftaucht“, erzählt er. Sonst gebe es hier ja nur jede Menge Füchse. Ob er Sicherheitsmaßnahmen gegen den Wolf getroffen hat? „Nein“, kommt wie aus der Pistole geschossen. „Die Kühe werden sowieso schon mit einem Elektrozaun geschützt.“ Ansonsten gebe es da noch seine zwei großen Hofhunde. Außerdem, glaubt Bauschmid, sei der Wolf doch längst weitergezogen.

Liegt er damit richtig? Und wenn das hier wirklich der Wolf aus Brannenburg war, wo will er jetzt hin? Von den Südwestalpen, aus Italien, der Schweiz oder Frankreich kommend, durch Bayern in Richtung Sachsen oder Thüringen? Die Suche geht weiter.

Im Märchen gibt es für Wölfe nie ein Happy End. Das musste auch der Streuner erfahren, der 2006 Bayern erkundete. Er kam unter die Räder eines Autos. Vielleicht verschwindet der jetzige Kerl auch auf Nimmerwiedersehen, wie sein Vorgänger 2011. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch heute. Irgendwo.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.