1. Startseite
  2. Bayern
  3. Rollerkoller: Wie München und Augsburg unter den E-Scootern ächzen

E-Tretroller

19.08.2019

Rollerkoller: Wie München und Augsburg unter den E-Scootern ächzen

Viele Fahrer von E-Scootern halten sich nicht an die Verkehrsregeln. Städte wie München und Augsburg stellt das vor große Probleme.
Bild:  Sven Hoppe, dpa

Plus Die einen sind begeistert von den E-Scootern. Die anderen ärgern sich über die Gefährte, die in der Gegend herumliegen. Wie soll man da bitte Ordnung schaffen?

Recht sicher wirkt der Mann, wie er auf seinem E-Scooter steht, an die rote Ampel fährt und abbremst. Ein Stück hinter halb rollt seine Begleiterin. Langsamer, etwas wackeliger, den Blick starr auf die Fahrbahn gerichtet und die Hände fest an den Lenker des elektrischen Rollers gekrallt. Er deutet quer über die Kreuzung hin zu den Pinakotheken in München, zieht mit seinem Arm Kreise durch die Luft, als würde er ihr den Weg erklären. Sie folgt der Bewegung und nickt mehrmals.

Gegenüber der Alten Pinakothek stellen die beiden ihre E-Scooter ab und parken sie neben einem Fahrradständer. „Das ist meine Kollegin aus den USA“, stellt der Mann seine Begleiterin vor, die gerade erst in München angekommen ist. „Ich zeige ihr jetzt auf dem E-Scooter ein bisschen was von der Stadt.“ Gefahren ist die Amerikanerin so ein Ding noch nie. Sie sagt auf Englisch: „Das Fahren mit den Scootern macht richtig Spaß, auch wenn ich nicht genau weiß, welche Regeln ich beachten muss.“ „Ich schon“, platzt der Mann dazwischen, „ich habe mich extra vorher in der Zeitung informiert, was erlaubt ist und was nicht.“

Nicht alle Fahrer von E-Scootern kennen die Regeln

So genau wie die beiden nehmen es in München längst nicht alle. Man muss sich nur umschauen, um brenzlige Situationen zu entdecken. Am Stachus, wo ein junger Mann auf seinem E-Scooter über den Gehweg heizt, sich an den Fußgängern vorbeischlängelt und mit vollem Tempo direkt in die Fußgängerzone brettert. Oder einige Straßen weiter in der Nähe vom Friedensengel, wo zwei Freundinnen im Teenageralter zu zweit auf einem Gefährt stehen. Das vordere Mädchen hat ihre Einkaufstüte am Lenker befestigt, das hintere hält sich mit beiden Händen an ihrer Freundin fest. Es wird Grün, die Mädchen stoßen sich ab und brausen zu zweit auf dem elektrischen Roller über die Kreuzung. Ob sie wissen, dass das verboten ist?

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Wer in der Münchner Innenstadt zwischen Hauptbahnhof und Isar, Sendlinger Tor und Englischem Garten unterwegs ist, der muss nicht lange warten, bis er ähnliche Szenen beobachten kann. Die elektrischen Roller sind bei Männern und Frauen, bei Einheimischen und Touristen begehrt. 3000 E-Scooter gibt es derzeit, die im Stadtgebiet ausgeliehen werden können. Doch so beliebt sie auch sind, so viele Probleme machen sie auch.

Seit 15. Juni sind E-Scooter in Deutschland offiziell zugelassen – mit genauen Vorschriften, wie sie genutzt werden dürfen. In dieser Zeit hat die Münchner Polizei eine „enorme Anzahl an Verstößen und Straftaten mit E-Scootern vermerkt“, berichtet ein Sprecher. Der aktuelle Stand lautet: 25 Verkehrsunfälle, davon 14 mit Personenschaden und drei Alkoholunfälle. Insgesamt gab es 436 Alkoholfahrten, das sind im Schnitt sieben Verstöße pro Tag. Davon waren 175 E-Scooter-Fahrer mit mehr als 1,1 Promille unterwegs – und das bei etwa 20 Kilometer pro Stunde. „Das ist schon eine heftige Entwicklung, die wir da beobachten. Viele wissen einfach nicht, was erlaubt ist und was nicht“, sagt der Sprecher.

E-Scooter soweit man schaut. Wenn sie nur immer so ordentlich aufgereiht wären.
Bild: Oliver Berg, dpa

Doch es geht noch schlimmer als in München. In Berlin zum Beispiel: kreuz und quer geparkte E-Roller, betrunkene Fahrer, Unfälle. Die Stadt greift jetzt durch und erklärt das Brandenburger Tor samt Pariser Platz und Holocaust-Mahnmal zur Tabuzone. Zudem ist geplant, dass E-Scooter künftig nicht mehr auf dem Gehweg abgestellt werden dürfen. Stattdessen sollen am Straßenrand eigene Flächen geschaffen werden. Auch Autoparkplätze sollen dafür hergenommen werden.

In Köln hat die Stadt mit den Anbietern jetzt eine Vereinbarung getroffen. Darin sind Verbotszonen wie um den Kölner Dom und an Teilen der Rheinpromenade ausgewiesen. Die Nutzer dürfen zwar in der Zone mit E-Scootern fahren, dort aber nicht parken.

Bundesweit passieren immer öfter schwere Unfälle mit den elektrischen Rollern, im Ausland kamen bereits Menschen ums Leben. In Frankreich gab es Tote. In London starb Mitte Juli eine bekannte Youtuberin bei einer Kollision mit einem Lastwagen.

Auch in Wertingen und Nördlingen gibt es Probleme mit E-Scootern

Und sogar in der Region berichtet man von Vorfällen. In Wertingen zum Beispiel erwischte die Polizei einen 32-Jährigen auf einem E-Scooter, der Alkohol und Drogen konsumiert hatte. In Bad Wörishofen stellten die Beamten einen 69-jährigen Mann, der für seinen E-Scooter weder eine Betriebserlaubnis noch eine Versicherung hatte. In Nördlingen war ein 53-Jähriger mit nahezu 40 Kilometer pro Stunde unterwegs – fast doppelt so schnell wie erlaubt. In Augsburg stoppte die Polizei einen Mann mit 1,2 Promille auf dem E-Scooter. Und in Dillingen soll ein Mann bei einer Fahrkartenkontrolle im Zug versucht haben, auf den Kontrolleur mit dem Roller einzuschlagen.

Dass es auch außerhalb der bayerischen Großstädte vermehrt zu Problemen mit E-Scootern kommt, ist für Alexander Kreipl vom ADAC Südbayern keine Überraschung. Er sagt: „Die Verstöße kommen natürlich öfter in Städten wie München, Nürnberg und Augsburg vor, weil es unter anderem dort die Verleihsysteme gibt.“ Für den Privatbesitz hätten sich die Roller in den ersten beiden Monaten noch nicht etabliert. „Aber ich bin mir sicher: Je beliebter E-Scooter werden, desto mehr werden sich die Schwierigkeiten auch in kleinere Städte verlagern.“

ADAC-Sprecher Kreipl ist selbst schon damit gefahren und ist begeistert.„Aber bei E-Scootern geht es nicht nur um Spaß. Ich habe den Eindruck, dass viele die Regeln nicht so genau kennen und nicht wissen, wo sie fahren dürfen.“ Eine Einschätzung, die auch Petra Husemann-Roew, Landesgeschäftsführerin des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Bayern, teilt. Sie sagt: „Für viele Menschen ist ein E-Scooter eher ein ,Fun-Gerät‘ und wird mehr in der Freizeit genutzt, wo man es dann auch mal eher locker nimmt und sich über die Gefahren nicht so viele Gedanken macht.“ Viele würden einfach vergessen, dass ein Roller ein Verkehrsmittel ist und dabei dieselben Regeln gelten wie beim Autofahren. ADAC-Mann Kreipl sagt: „Sie unterschätzen eindeutig das Risiko.“

Deswegen müssten auch andere Verkehrsteilnehmer aufmerksamer sein. ADFC-Sprecherin Husemann-Roew: „Das Verhalten von E-Scootern ist schwer einschätzbar. Sie starten viel schneller, rauschen leise heran und sind plötzlich vor oder neben einem.“

Viele Fahrer unterschätzen die Geschwindigkeit von E-Scootern

Viele Nutzer stehen außerdem unsicher auf dem Trittbrett. Aus eigener Erfahrung weiß ADAC-Sprecher Kreipl, dass man auch erst ein wenig Übung braucht. „Es gehört viel mehr dazu, als sich nur draufzustellen.“ Das brauche etwas Zeit. „Denn bei Unebenheiten reagieren die Roller viel sensibler und viele Fahrer unterschätzen die Bremswege.“ Das wissen auch die Anbieter – und bieten mittlerweile Fahrtrainings an. In Frankfurt am Main etwa lernen E-Scooter-Neulinge, wie sie beim Abbiegen richtig Handzeichen geben. Mit nur einer Hand am Lenker fährt es sich nämlich ziemlich wackelig mit dem Roller. Deshalb der Tipp: Statt Arm lieber das Bein rausstrecken.

Und dann ist da noch ein Problem, mit dem viele Städte zu kämpfen haben: Die Frage, wo die E-Scooter abgestellt werden sollen. In München stehen am Altstadtring an jeder Ecke mindestens einer, meistens aber gleich mehrere E-Scooter. Direkt am Stachus findet man auf Anhieb sieben Stück an einem Fleck, 50 Schritte weiter wieder zwei. 13 Schritte, wieder einer. Der nächste kommt nach 26 Schritten, drei Stück nach 78 Schritten – und so weiter.

Das liegt auch daran, dass es vier verschiedene Verleihsysteme in der Landeshauptstadt gibt – Tier, Lime, Voi und Circ. Man erkennt sie an den unterschiedlichen Farben: Türkis mit Blau, Grün und Weiß, Rot und Orange mit Schwarz. Manche sind fein säuberlich aufgereiht am Gehwegrand, andere lehnen an Hauswänden neben Fahrrädern. Doch immer wieder steht einer mitten auf dem Gehweg, liegt auf dem Boden, blockiert den Radweg. Besonders auf schmalen Gehsteigen wird das schnell zum Problem.

So wie an diesem Nachmittag unweit des Stachus. Ein Senior kämpft sich in seinem elektrisch betriebenen Rollstuhl an zwei wild geparkten E-Scootern vorbei. Erst als ein Passant die beiden Roller aus dem Weg schiebt, hat er genug Platz, um weiterzufahren.

In Augsburg gibt es zwar lediglich 50 Roller vom Anbieter Voi, das reicht aber, um die Gehwege zu blockieren. Schlimm ist es zum Beispiel am Rathausplatz oder an der Hochzoller Lechbrücke. Die Nutzer stellen ihre Gefährte dort immer wieder so ab, dass Passanten nur im Slalom vorbeikommen.

Auf dem Augsburger Plärrer sind E-Tretroller verboten

Für den Augsburger Herbstplärrer, der in wenigen Tagen beginnt, steht deshalb fest: E-Scooter sind auf dem Festgelände tabu, per Satzung wurde die Mitnahme der elektrischen Roller untersagt. Auch Fahrräder haben dort nichts verloren. In München wird es für das Oktoberfest ähnliche Regeln geben. Auf der Theresienwiese sind die Roller verboten, für die Straßen rundherum soll es spezielle Regeln geben. Die Stadt, die Polizei und die Anbieter sind gerade dabei, die genauen Regelungen zum Oktoberfest zu besprechen.

Darüber hinaus will die Polizei in München ab sofort daran arbeiten, das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen. Ein Sprecher sagt: „Wir werden die Verleihfirmen stärker dazu auffordern, die Nutzer darauf hinzuweisen, was erlaubt ist und was nicht.“ Außerdem sollen die Münchner Streifenpolizisten noch mehr für die Probleme mit E-Scootern sensibilisiert werden. „Und wir werden in Zukunft verstärkt Schwerpunktkontrollen von E-Scooter-Fahrern durchführen.“

Ob solche Maßnahmen Wirkung zeigen? Mit einer Einschätzung will ADAC-Sprecher Kreipl noch abwarten. „Es sind ja gerade erst zwei Monate, wir stehen ja noch am Anfang.“ Er ist stattdessen auf eine ganz andere Entwicklung gespannt: „Ich frage mich, wie sich das E-Scooter-Thema im Herbst und Winter entwickeln wird.“ Wie viele Roller werden die Anbieter dann noch im Angebot haben? Wie lange hält die Batterie bei der Kälte? Und wie viele Menschen steigen bei Wind, Regen und Schnee doch lieber auf Bus und Tram um? „Vielleicht werden sich manche Probleme dann auch von allein lösen.“

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den repräsentativen Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

19.08.2019

Die sharingindustrie nutzt die populär-linke Idee des Kollektiveigentums; da wird Kritik zum politischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Man muss nur mal nachlesen, wie hier im linksliberalen Zentralorgan argumentiert wurde:

https://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/wie-gelangen-wir-endlich-zur-e-scooter-gerechten-stadt-kolumne-a-1277730.html

>> Wir stehen am Beginn der Mikromobilität, und das Geschimpfe der Leute, das mediale Getöse, die politischen Wirren um E-Scooter sind nichts als Gewohnheitsposen der Gegenwehr. <<

Da steht man gleich neben den Klimaleugnern und Rechtspopulisten - als winkt man den Mist halt durch.

>> Jeder Meter, der mit E-Scootern oder Fahrrädern zurückgelegt wird, erhöht den Druck auf das Transportsystem "eigenes Auto" <<

Also bitte, da ist nun jeder Widerstand gebrochen - Druck auf das System Auto - was will man mehr?

Verkehrsminister Scheuer war einfach zu doof die ideologischen und funktionellen Mängel der E-Scooter zu erkennen und abzufangen.

Permalink
19.08.2019

Tja, so viele Problem und das, obwohl man die zulässige Benutzung von Gehwegen von auf 12 km/-h gedrosselten E-Scootern gerade noch abwenden konnte. So weiß man wenigstens, dass der Scooter, der einen als Fußgänger beinahe über den Haufen gefahren hätte, da gar nicht fahren darf, sonst hätte man es nur vermuten können. Ist doch eine wesentliche Verbesserung, oder? ;-)

Der Scooter wurde uns aufgeschwatzt als ein Fahrzeug, das helfen würde, Autofahrer zum Umsteigen auf den ÖPNV zu animieren. Tatsächlich entpuppt er sich, wie von Pessimisten stets geunkt, als Fun-Fahrzeug, mit dem man mal ein wenig Spaß haben kann (oft und gerne in angetrunkenem Zustand, wenn das Laufen noch mühsamer wird als sonst), als Touristenfortbewegungsmittel, was für diese sicher eine deutliche Erleichterung darstellt, für die Einnahmenseite des ÖPNV aber eher negativ sein dürfte und für Leute, die in der Innenstadt wohnen und nun statt ein paar Schritte zu Fuß zu gehen, so einen hippen Roller ausleihen. Wo man die Kosten für kurze Fahrten bei Straßenbahn und Bus stets beklagt, scheinen diese für die Leih-Scooter kein Problem darzustellen.

Was mir aufstößt: Warum müssen diese Dinger nicht über Blinker verfügen - diese wären am Rand der Griffe und hinten neben dem Kennzeichen durchaus möglich? Warum hat man sich nicht im Vorfeld Gedanken zu den Abstellmöglichkeiten der Fahrzeuge gemacht und wie sie ohnehin benachteiligten Personengruppen (Blinde, Schwerbehinderte, Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren) nicht das Leben zusätzlich schwer machen? Warum gelten die Abstellregeln analog zum Fahrradverkehr, wenn die Scooter doch Fahrzeuge sind? Warum wurde nicht wenigstens für Miet-Scooter, die regelmäßig nicht in Bus und Tram transportiert werden, Mindestgrößen für die Räder vorgeschrieben, so dass das Fahrverhalten insgesamt sicherer würde?

Fragen über Fragen.

Dass über Winter ein paar Probleme auf Eis gelegt werden ist gut möglich aber kurzsichtig. Es wird ja wieder Frühjahr und Sommer und Klimawandel ist auch noch.

Permalink
Das könnte Sie auch interessieren