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Landwirtschaft

06.10.2019

Schlechte Stimmung bei den Bauern: "Nur noch Misstrauen"

Die beiden Landwirte Michael Haußer (links) und Andreas Schmid haben im Ostallgäu grüne Kreuze aufgestellt – als Protest gegen steigende Auflagen und den öffentlichen Druck.
Bild: Mathias Wild

Plus Die Stimmung unter den Bauern ist so schlecht wie vielleicht noch nie. Aber woran liegt das? Und wie will die bayerische Regierung das ändern?

Andreas Schmid hat das Kreuz neben dem Stall, der Platz für 80 Milchkühe bietet, aufgestellt. Aber nah genug an der Straße, dass jeder, der an seinem Betrieb im Jengener Ortsteil Weicht vorbeifährt, es sehen kann. Zwei aufeinandergeschraubte Bretter, grün angesprüht, darauf ein Blatt Papier mit einer klaren Botschaft. „Respektiere die Arbeit der Landwirte!“, ist da zu lesen.

Seit vier Wochen steht das grüne Kreuz da – es war das erste im Ostallgäu. Es gehe ihm nicht darum, gegen etwas zu demonstrieren, sagt der 43-Jährige. „Aber die Leute müssen endlich die Probleme in der Landwirtschaft sehen.“ Und die, erklärt sein Kollege Michael Haußer, 34, werden immer mehr. Die verschärfte Düngeverordnung. Das Bienen-Volksbegehren und die damit einhergehenden Gesetze. Die ständigen Diskussionen über Verschärfungen bei Nitratwerten und beim Tierwohl. Das zuletzt beschlossene Agrarumweltpaket. Schmid sagt: „Wir haben nur noch Auflagen, Auflagen, Auflagen. Und ständig neue Gesetze. Das hält doch keiner mehr aus.“

Und dann ist da der öffentliche Druck, den die Bauern beklagen. Sie fühlen sich an den Pranger gestellt. „Wir Landwirte sollen plötzlich an allem Schuld sein – am Klimawandel, an der Gewässerverschmutzung, sogar an den Feinstaubtoten“, schimpft Haußer. „Man erntet doch als Landwirt nur noch Misstrauen.“

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Der Frust der Bauern ist überall zu spüren

Den Frust unter den Bauern, man spürt ihn allerorten. Das war im Sommer in Dietmannsried im Oberallgäu so, als Agrarministerin Michaela Kaniber das Artenschutzpaket vorstellte. Und das ist bei Versammlungen oder Gesprächen mit Landwirten so – auch jetzt zu Erntedank. „Die Gemütslage in der Land- und Forstwirtschaft ist mies und frustriert“, meint Stefanie Härtel, Sprecherin des Bayerischen Bauernverbands. Alfred Enderle ist seit 2012 Bezirkspräsident, er hat viele Krisen erlebt. „Aber so schlecht war die Stimmung nie.“

Auf dem Dorf hätten die meisten schon noch Verständnis für die Bauern, meint Michael Haußer. In sozialen Netzwerken aber entlade sich der Hass gegen Landwirte. Die Anfeindungen und die Vorurteile hätten sich massiv verstärkt – seit dem Volksbegehren, vor allem aber, seit der Tierschutzskandal in Bad Grönenbach öffentlich wurde. Haußer sagt: „Als Landwirt steht man inzwischen automatisch unter Generalverdacht.“ Andreas Schmid steht neben ihm, die Arme vor der Brust verschränkt, und ärgert sich über die Besserwisser. „Da sagen uns Leute, wie wir unsere Arbeit zu tun haben. Und die wohnen wahrscheinlich im vierten Stock und kennen Kühe nur aus der Werbung.“

„Bauer Willi“ hat seinem Ärger schon vor Jahren Luft gemacht – mit einer Wutrede über die Billigkultur und die Doppelmoral der Verbraucher. Nun geht der Agrar-Blogger aus Nordrhein-Westfalen neue Wege. Anfang September hat Willi Kremer-Schilling die ersten beiden grün angestrichenen Holzkreuze auf seinen Feldern in den Boden gerammt. Das Agrarumweltpaket, das die Bundesregierung verabschiedet hat und das unter anderem ein Glyphosat-Verbot, ein Insektenschutzprogramm und ein staatliches Tierwohlkennzeichen beinhaltet, brachte für ihn das Fass zum Überlaufen. „Das Agrarpaket ist so eng geschnürt, dass es vielen Betrieben die Luft zum Atmen nimmt“, kritisiert Kremer-Schilling. Den Landwirten gingen durch die Neuregelung erhebliche Flächen verloren, ein angemessener finanzieller Ausgleich fehle. Und Siegel gebe es schon genug am Markt.

Der stille Protest zu dem „Bauer Willi“ , zusammen mit anderen Agrarbloggern aufgerufen hat, hat viele Nachahmer gefunden. Von einer „Graswurzelbewegung“ ist die Rede. Bundesweit wurden nach Angaben des Agrar-Bloggers bereits 20.000 der Mahnmale aufgestellt. Sie stehen neben Ställen, wie bei Andreas Schmid in Weicht. Michael Haußer hat eines an seinem Hof im Nachbardorf Weinhausen platziert und zwei neben der B12. Anderswo stehen sie auf Feldern, Wiesen oder neben Wegen. Damit nicht genug: Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl und sein Stellvertreter Günther Felßner haben eines vor die Staatskanzlei in München gebracht. Mitte September postierten sich Bauern mit grünen Kreuzen vor Kloster Banz, wo sich CSU und Freie Wähler zur Herbstklausur trafen. „Unsere Landwirte sehen sich mit ihren Sorgen von den Regierungsverantwortlichen nicht mehr ernst genommen“, betonte Heidl.

Bauern klagen: Das plant die Staatsregierung

In der Staatsregierung scheint man den Ernst der Lage erkannt zu haben. Agrarministerin Kaniber erklärte in dieser Woche, dass sie Stadt und Land wieder näher zusammenbringen will. Geplant ist eine groß angelegte Image- und Informationskampagne, die vor allem die Menschen in den Städten für die Sorgen der bäuerlichen Familien sensibilisieren soll, ein Schaubauernhof in München und mehr Werbung für regionale Lebensmittel. Fünf Millionen Euro will sich die Staatsregierung das kosten lassen. Für Kaniber ist das eine „vertrauensbildende Maßnahme, dass die Bauernschaft sieht, dass wir hinter ihnen stehen“.

Alfred Enderle hat da seine Zweifel, ob dieses Programm reichen wird. „Das allein löst doch die Probleme nicht“, sagt der schwäbische Bauernpräsident – auch, wenn er es für wichtig hält, für die Landwirtschaft zu werben. Aber was die Bauern im Moment noch dringender bräuchten, ist Planungssicherheit. Vorschriften, auf die sie sich verlassen könnten, ob beim Pflanzenschutz, der Ferkelkastration, der Gülleausbringung oder beim Stallneubau. Vorschriften, die auch in ein paar Jahren noch Bestand haben. Im Moment, sagt Enderle, traue sich etwa kaum ein Betrieb, einen Stall zu bauen – weil verlässliche Vorgaben in puncto Tierwohl fehlten und die Fachberater überfragt seien. „Wenn jemand jetzt Millionen investiert und der Stall in fünf Jahren nicht mehr passt, dann ist das eine Katastrophe.“

Schmid und Haußer dagegen berichten von Landwirten, die nicht mehr in ihre Betriebe investieren. Von Kollegen, die lieber ein paar Jahre früher aufhören, als sich Vorwürfen auszusetzen. Und von denen, die ihren Kindern raten, einen anderen Beruf zu ergreifen. An den Landwirtschaftsschulen lässt sich dieser Trend noch nicht ablesen, allerdings fehlen die Zahlen für das Wintersemester noch.

Schmids ältere Tochter ist ausgebildete Landwirtin, die jüngere fängt jetzt mit der Fachschule an. „Wenn das so weitergeht“, sagt sich Schmid oft, „dann schmeiß ich hin.“ Doch es geht ihm um die Zukunft seiner Töchter. Außerdem, erklärt er, „bin ich Landwirt mit Leib und Seele. Wenn mein Stall irgendwann leer steht, wäre das für mich schlimm.“

Lesen Sie zum Thema auch den Kommentar: Die Gesellschaft hat zu wenig Verständnis für die Arbeit der Landwirte

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