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Psychologie

16.10.2020

Schuldgefühle, Mobbing, Quarantäne: Kinder leiden bei Corona-Infektion auch seelisch

Gegenüber Kindern sollte man beim Thema Corona besonders einfühlsam sein: Hier testet eine italienische Krankenschwester ein Mädchen als Prinzessin verkleidet.
Bild: Andrew Medichini, dpa

Plus Infiziert sich ein Kind mit dem Coronavirus, muss oft die ganze Klasse in Quarantäne. Auch gegenüber älteren Verwandten können Schulgefühle auftreten.

Der Ulmer Professor Jörg Fegert sieht die Gefahr, dass mit dem Coronavirus infizierte Schüler in ihrer Klasse als Sündenböcke abgestempelt werden. Eine solche Stigmatisierung könne zu einer erheblichen psychischen Belastung durch Scham und Ausgrenzung führen. Berichte über ein derartiges Corona-Mobbing gibt es nicht. Allerdings waren manche Schüler in der Region nach Informationen unserer Redaktion angesichts von Quarantäne-Anordnungen teils stark verunsichert.

Corona-Pandemie: Kinder sollten gegen Mobbing wegen Corona einstehen

Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Uniklinikums Ulm. Er empfiehlt Schulen, Eltern und Kinder möglichst nicht erst im Ernstfall über das Vorgehen im Fall von Corona-Infektionen zu informieren. Lehrer könnten in Gesprächen deutlich machen, dass Schüler, die aus einer Quarantäne zurückkehren, ganz normal und ohne Schuldzuweisung in der Klasse aufgenommen werden müssen. Falls es zu Mobbing-Fällen komme, hätten Mitschüler einen größeren Einfluss als Lehrer und könnten gegen die Herabsetzung einstehen.

Wenn Schüler angesichts der Corona-Krise psychische Probleme bekämen, sei das für Lehrer schwer zu erkennen. Kinder und Jugendlichen könnten sich unter dem Vorwand von Erkältungssymptomen leicht vor dem Schulbesuch drücken. Es sei wichtig, die Häufigkeit von Fehltagen im Auge zu behalten.

Zu Beginn des Lockdowns, berichtet Fegert, hätten manche Kinder und Jugendliche den Besuch in der Klinik aus Angst vor einer Ansteckung verschleppt – auch trotz zunehmender Lebensmüdigkeit. Inzwischen beobachte er auch, dass das Infektionsrisiko Teil paranoider Vorstellungen werde. Etwa in Zwangsvorstellungen in Bezug auf Händewaschen.

Kinder in der Coronakrise: Für Deutschland gibt es noch keine Studien

Fegert kennt nach eigenen Angaben keine Studie, die einen Anstieg von Diagnosen wie Belastungsstörungen oder Traumafolgestörungen im Zusammenhang mit Corona für Deutschland zeigt. Durch seine internationale Vernetzung bekomme er aber auch andere Einblicke: „Ein Freund und Kollege von mir arbeitet zum Beispiel als Professor in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Turin und war in seinem Bereich sehr nahe an der katastrophalen Situation in Italien dran“, berichtet er. Viele Kinder dort hätten Schuldgefühle gehabt, ihre später verstorbenen Großeltern womöglich bei Besuchen infiziert zu haben. „Das sind dann ganz dramatische Entwicklungen, die wir glücklicherweise so in Deutschland nicht fachlich begleiten mussten“, so Fegert.

Die UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, Najat Maalla M’jid, habe deutlich gemacht, dass sich die Gefährdung vieler Kinder durch Corona in vielen Ländern der Dritten Welt erhöht habe. In Deutschland gebe es momentan noch wenig direkte psychische Auswirkungen, das könne sich aber schnell ändern. „Wir sollten die jetzige Situation nicht dramatisieren, gleichwohl aber aufmerksam auf Kinder und Jugendliche und ihre Bedürfnisse achten“, folgert Fegert.

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