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Augsburg

22.06.2017

Schwaben: Um die Bezirks-Chronik ist ein Streit entbrannt

Der Historiker Paul Hoser verfasste eine Chronik über den Bezirk Schwaben.
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Der Historiker Paul Hoser verfasste eine Chronik über den Bezirk Schwaben.
Bild: Paul Hoser

Ein Wissenschaftler setzt sich kritisch mit der Historie des Bezirks Schwaben auseinander, dazu äußert er sich in einem Interview. Nun darf er bei der Buchvorstellung nicht reden.

Erheblichen Ärger gibt es derzeit beim Bezirk Schwaben: Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert hat den Münchner Historiker Dr. Paul Hoser, der ein 800-Seiten-Buch über die Geschichte des Bezirkes geschrieben hatte, von der Rednerliste der Buchpräsentation gestrichen. Diese findet heute Abend in Augsburg statt. Der Grund: Reichert passte ein Interview Hosers in unserer Zeitung nicht, in dem sich der Historiker kritisch über die Bezirke geäußert hatte.

Hoser selbst will an der Präsentation deshalb nicht teilnehmen: „Ich lasse mich doch nicht öffentlich abbürsten – und darf dann noch nicht einmal etwas darauf erwidern.“ Hoser besteht darauf, als unabhängiger Wissenschaftler sagen zu dürfen, was er meint. „Ich bin nicht nicht die Werbeagentur für den Bezirk“. Und er wirft Reichert nun undemokratisches Denken vor. Der Bezirkstagspräsident hingegen ist der Meinung, dass Teile der Antworten in dem Interview einseitig und falsch sind.

Bezirkstagspräsident ärgert sich über Passagen aus dem Interview

Eineinhalb Jahre hat Hoser an dem dicken Buch gearbeitet – im Auftrag des Bezirks. 20.000 Euro hat er nach eigener Aussage dafür bekommen. Das sei für die viele Arbeit sicherlich nicht viel Honorar, sagt der 70-Jährige. Er sei aber finanziell unabhängig und nicht auf solche Aufträge angewiesen. „Ich habe es halt gemacht, weil es mich interessiert hat.“ Er habe zahlreiche Quellen ausgewertet – und sei als Forscher verpflichtet, nach wissenschaftlichen Kriterien zu arbeiten.

Reichert hatte sich beispielsweise über zwei Passagen in dem Interview Hosers in unserer Zeitung geärgert. Zum einen hatte Hoser gesagt, dass der bayerische CSU-Innenminister Bruno Merk in den 1960er Jahren die Existenz der Bezirke als überflüssig ansah. Der Politiker sei der Ansicht gewesen, dass aber die CSU die Bezirke wolle, um lokale Funktionäre in der Politik mit Mandaten als Bezirksräte versorgen zu können. „Der Akzent, der von Ihnen durch das Zitieren einer Aussage Bruno Merks gesetzt wird, ist politisch mehr als ärgerlich und wirft ein negatives Bild auf die verdienstvolle und wichtige Arbeit der Bezirke in der Gegenwart“, schreibt Reichert daraufhin in einem Brief an Hoser, der unserer Zeitung vorliegt.

Die zweite Antwort, die Reichert nicht gefiel, war eine Antwort Hosers zum Thema Psychiatrie. Dieser hatte gesagt, dass es ein Glücksfall für die Bezirke gewesen sei, dass sie kaum jemand kenne. Deshalb sei der Fall Gustl Mollath in der Öffentlichkeit nicht den Bezirkskliniken angelastet worden. Mollath war wegen eines möglichen Justizirrtums jahrelang in der Bezirksklinik Bayreuth eingesperrt gewesen, obwohl das vielleicht gar nicht nötig gewesen wäre. Dazu schrieb Reichert in dem Brief an Hoser: „Es zeugt nicht von wahrer Kenntnis der Materie, den Fall Mollath in Zusammenhang mit der Arbeit der Bezirkskliniken anzuführen.“ Die Aussage Hosers beschädige stattdessen die Arbeit der Angestellten, die in den Bezirkskliniken tätig sind.

Hoser kritisiert "merkwürdiges Verständnis von Meinungsfreiheit"

Hoser betonte noch einmal, dass er hinter allen Passagen des Interviews stehe. Zumal die Inhalte alle – natürlich in ausführlicher Form – in dem Buch stünden. „Historiker sind keine Jubelperser“, sagt Hoser.

Er habe einen ersten Brief des Bezirks, in dem ihm der Unmut Reicherts mitgeteilt wurde, ignoriert, weil er kein Öl ins Feuer habe gießen wollen. Nun kam ein erneuter Brief, mit dem Hinweis, dass Hoser zwar heute Abend zur Buchpräsentation kommen, aber nicht mehr ans Rednerpult dürfe. Und dass Reichert sich an eben diesem Rednerpult kritisch mit dem Interview Hosers auseinandersetzen werde. „Das ist für mich ein merkwürdiges Verständnis von Demokratie und Meinungsfreiheit“, sagt Hoser. Reichert wollte zu dem Thema gegenüber unserer Zeitung nicht Stellung nehmen.

Hier lesen Sie das betreffende Interview:

Herr Hoser, was um Himmels willen ist der Bezirk Schwaben? 

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