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Ermittlungen

23.01.2020

Seit Jahren steigt in Bayern die Zahl der Menschen, die vermisst werden

Seit Monaten werden eine Frau und ihre Tochter aus München vermisst. Taucher der Polizei suchten im vergangenen Sommer in einem Baggersee nach ihren Leichen. Bisher aber fehlt von den beiden jede Spur.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Plus Vermisstenmeldungen nehmen Jahr für Jahr zu. Warum die Zahlen steigen, wie viele Menschen wieder gefunden werden und welche Fälle der Polizei Rätsel aufgeben.

Der Tag, an dem Kadir Karabulut verschwindet, ist ein Montag. An jenem 4. März im Jahr 2013 besucht der Mann aus Dillingen Bekannte in Augsburg. Dann verliert sich seine Spur. Sein Auto taucht zwar Wochen später im Augsburger Stadtteil Lechhausen auf, die Ermittler tappen aber weiter im Dunkeln. Bis heute – fast sieben Jahre nach dem mysteriösen Verschwinden des Dillinger Pokerspielers.

2021 ungelöste Fälle sind beim bayerischen Landeskriminalamt (LKA) gelistet. Die Menschen verschwanden zwischen 1962 und 2018. Jedes Jahr gibt es zudem tausende neue Vermisstenmeldungen. 2019 etwa waren es 12.695. Davon tauchten 9889 Menschen innerhalb von drei Tagen wieder auf. Der Rest – 2806 Personen – war länger verschwunden – oder ist es noch immer. Die Zahl der Vermisstenmeldungen steige seit Jahren, berichtet Ludwig Waldinger, Erster Kriminalhauptkommissar beim LKA. Allein von 2018 auf 2019 gab es eine Zunahme um circa fünf Prozent.

Vermisstenmeldungen: Die Menschen sind sensibler geworden

Gründe dafür gibt es viele. Der wichtigste ist der: Die Menschen sind Waldinger zufolge sensibler geworden. „Früher hat man versucht, die Sache selbst aufzuklären. Jetzt rufen die Menschen schneller bei der Polizei an.“ Und es gibt noch eine Ursache für die gestiegenen Zahlen: Die Flüchtlingswelle von 2015. „Es kamen viele junge Männer nach Bayern. Sie wurden hier registriert, verschwanden dann aber aus ihren Einrichtungen und wurden als vermisst gemeldet“, berichtet Waldinger.

Seit Jahren steigt in Bayern die Zahl der Menschen, die vermisst werden

Die Zahlen, mit denen das LKA da hantiert, sind kompliziert. Denn es geht längst nicht nur um klassische Vermisstenfälle, sondern auch um Kindesentziehungen. Beispiel: Wenn sich ein Elternteil mit einem Kind ins Ausland absetzt, wird das als Vermisstenfall gewertet – auch wenn bekannt ist, wo sich das Kind aufhält. 144 Kinder waren im vergangenen Jahr länger als drei Tage vermisst gemeldet – in mehr als der Hälfte der Fälle handelte es sich um eine Kindesentziehung, meist im Rahmen eines Sorgerechtsstreits.

Am häufigsten verschwinden junge Männer

Auch Senioren verschwinden immer wieder, sie verlassen ihr Pflegeheim und finden einfach nicht mehr zurück. Auch diese Fälle haben dem LKA zufolge zugenommen. „Wir werden schließlich älter als früher, es gibt immer mehr Senioren“, sagt Waldinger.

Die größte Gruppe bilden aber weder Senioren noch Kinder. Die meisten, die länger als drei Tage vermisst werden, sind junge Männer, erklärt Waldinger. Junge Männer wie der 22-Jährige aus Augsburg, der Ende November 2019 plötzlich spurlos verschwindet. Am Abend verlässt er die Wohnung seiner Eltern und kehrt nicht mehr zurück. Seine Mutter hofft wochenlang, ihren Sohn lebend wieder zu sehen, Freunde hängen Plakate in der Stadt auf, der kleine Bruder des Verschwundenen fleht ihn in einer Handynachricht an, doch bitte wieder nach Haus zu kommen – alles vergebens. Anfang Januar entdeckt ein Mitarbeiter eines Wasserkraftwerks die Leiche des Mannes im Lech.

Zwei Frauen sind seit Monaten spurlos verschwunden

Dieser Vermisstenfall ist für die Beamten abgeschlossen. Viele andere indes sind es noch längst nicht. Etwa dieser: Im vergangenen Juli verlassen eine Frau und ihre 16-jährige Tochter ihre Wohnung in München. Sie wollen ins Einkaufszentrum. Doch seither sind sie wie vom Erdboden verschluckt. Der Ehemann der Frau und Stiefvater des Mädchens meldet die beiden als vermisst – doch kurz darauf gerät er selbst ins Visier der Ermittler und wird zum Tatverdächtigen in einem Mordfall. Das Problem an der Sache ist aber: Es gibt keine Leichen. Lediglich Blutspuren werden an einer Fußmatte und an einem Teppich entdeckt. Derzeit geht die Polizei davon aus, dass der Mann zuerst seine Frau und danach das Mädchen tötete, um die erste Tat zu verschleiern. Was genau passiert ist, wird aber vielleicht immer ein Rätsel bleiben.

Genauso wie das Verschwinden des Pokerspielers Kadir Karabulut im Jahr 2013. Einiges deutet darauf hin, dass er Opfer eines Verbrechens wurde. Denn Karabulut war offenbar in kriminelle Machenschaften involviert, soll in zum Teil illegalen Pokerrunden andere Spieler mit gezinkten Karten und versteckten Magnetstreifen über den Tisch gezogen haben. Gut möglich, dass er sich dabei gefährliche Feinde gemacht hat. Eine Gewissheit aber, die gibt nicht. Wie bei so vielen anderen Vermisstenfällen in Bayern.

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