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Verkehr

05.07.2019

Sind Fahrverbote wie in Tirol auch in der Region denkbar?

Stau Nummer eins: Am Autobahnende bei Füssen ist häufig Blockabfertigung. Mit der Folge, dass viele Autofahrer die A7 verlassen und sich einen anderen Weg suchen.
Bild: Matthias Becker

Plus Bei Stau auf der Autobahn weichen Fahrer gerne auf Landstraßen aus, um die Schlange zu umgehen. Wie Dörfer auch hierzulande unter Ausweichstrecken leiden.

An Tagen wie diesen ist Odelzhausen ein idyllisches Fleckchen Erde. Auf dem großen Dorfplatz der 4200-Einwohner-Gemeinde im westlichen Landkreis Dachau verlieren sich ein paar wenige Menschen. Ein kleiner Brunnen plätschert vor sich hin. Auf dem Bänkchen nebenan genießt eine junge Frau den Sonnenschein, während sie in einem Roman blättert. Und den nahen Kreisverkehr verlässt auch nur hin und wieder ein Auto, um hierher ins Ortszentrum zu fahren. Mittagsruhe in Oberbayern. Im Berufsverkehr frühmorgens und abends sieht es schon anders aus. Und wehe, es kracht drüben auf der A8. Dann ist es mit der Ruhe in Odelzhausen ganz schnell vorbei.

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So wie vergangene Woche, als ein Lastwagen nach einem Unfall in Brand geriet und die Autobahn in Richtung Stuttgart stundenlang gesperrt war. Stau auf mehr als 20 Kilometern Länge. An diesem Tag war Odelzhausen alles andere als ein idyllischer Ort. Tausende Autos und Lastwagen schoben sich durch die Gemeinde und legten diese quasi lahm. Ausweichverkehr nennt man das. Mancher Bürger blickte da neidisch nach Tirol, wo die Landesregierung neuerdings an den Wochenenden Autofahrer daran hindert, die verstopfte Autobahn zu verlassen, um auf „Schleichwegen“ durch die anliegenden Dörfer zu fahren.

Nun ist die gewaltige Lärm- und Abgasbelastung im Inntal mit der abseits der Grenzgebiete nicht zu vergleichen. Und doch sei der Ausweichverkehr auch für die Anwohner hier ein großes Problem, sagt Hans Löster in Odelzhausen. Der lebensfrohe Rentner schlendert gerade mit seinem Australian Shepherd an der Leine von der Metzgerei herüber. Am Morgen noch habe er als ehrenamtlicher Schülerlotse die Kinder über die Straße begleitet, erzählt er. Dabei lässt er den Blick über den gepflasterten Platz zur 100 Meter entfernten Hauptstraße schweifen. Heute, sagt er, sei verhältnismäßig wenig Verkehr gewesen. Bei Unfällen auf der Autobahn aber „geht hier nix mehr voran“, sagt der 77-Jährige.

Sind Fahrverbote wie in Tirol auch in der Region denkbar?

Einkaufen? Je nach Wohnlage müsse man für die Fahrstrecke ins Gewerbegebiet bis zu 20 Minuten einplanen. Sonst sind es drei. Einfädeln in den Kreisverkehr? Eine Geduldsprobe. Und ohne Ampeln könnte die Straße gar nicht mehr überquert werden. Hinzu kommt der Lärm der Lastwagen, deren Fahrer sich die Maut oder Zeit sparen wollen, wie Löster vermutet. Von seinem Wintergarten aus sieht er sich regelmäßig das „zweckentfremdete Autokino“ an, wie er es nennt. Mittlerweile habe er sich daran gewöhnt. „Wir leiden da schon lange genug drunter“, sagt Löster.

Die Tiroler haben ihre Fahrverbote jetzt sogar ausgeweitet

Dabei geht es eben auch anders. Das beweisen in diesen Wochen die Nachbarn aus Tirol. Sie haben dem ständigen Ausweichverkehr durch ihre Gemeinden, den verstopften Straßen, dem Lärm und den Abgasen den Kampf angesagt. Mit drastischen Maßnahmen: vermehrte Blockabfertigung für Lastwagen an den bayerisch-österreichischen Grenzübergängen, Fahrverbote für „Stau- und Mautflüchtlinge“ auf Tiroler Landstraßen. Von diesem Wochenende an auch rund um Reutte, im Grenzgebiet zum Allgäu.

Ziel sei es, den Transitverkehr zu reduzieren und die Bevölkerung zu entlasten, betont Tirols Landeshauptmann Günther Platter gebetsmühlenartig. Mit seiner Entscheidung hat er enormen Ärger auf sich gezogen, speziell aus Bayern. Hier sind die Folgen der Tiroler Maßnahmen besonders spürbar. Wenn sich der Stau an der Grenze nach Süden wieder bis weit in den Freistaat hinein zieht. Oder Urlauber auf dem Nachhauseweg in den Stau gezwungen werden, weil sie nicht mehr von der österreichischen Autobahn abfahren dürfen.

Die scharfe Kritik von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer („zutiefst diskriminierend“) und seinem bayerischen Pendant Hans Reichhart („Gängelung“) sowie die Ankündigung einer Klage ließen die Tiroler bislang kalt. „Der bayerische Löwe brüllt, der Tiroler Adler lässt sich jedoch nicht beeindrucken“, sagte Platter diese Woche. Zuvor hatte sich EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc als Schlichterin eingeschaltet und zumindest die häufigen Blockabfertigungen der Österreicher an ihren Grenzen als „unverhältnismäßig“ kritisiert.

Stau Nummer zwei: Und das kommt dann dabei heraus, wenn man den Stau auf der A7 umfährt und durch Füssen hindurch will.
Bild: Ralf Lienert

Deren Folgen bekommt auch Wera Schneider regelmäßig zu spüren. In Füssen hat es sich die 25-Jährige auf ihrer Terrasse bequem gemacht – hinter hohen Hecken, die sie vom Lärm der Augsburger Straße vor ihrem Haus etwas abschirmen. Seit ihrer Geburt wohnt Schneider an dieser Hauptstraße, auf der vor allem im Sommer oft Stillstand herrscht. Dann reihen sich neben Einheimischen, Urlaubern und den vielen Besuchern der Königsschlösser auch noch diejenigen Auto- und Lastwagenfahrer ein, die die Blockabfertigung am Grenztunnel und damit den Stau auf der A7 vermeiden wollen.

Wobei auch auf deutscher Seite viele sagen, dass es zur Blockabfertigung oft keine Alternative gebe. Vor dem Tunnel endet die Autobahn, die Fahrbahn wird einspurig. Und es beginnt das Nadelöhr.

Und plötzlich steht mitten in Füssen der Verkehr

„Ich merke es besonders, wenn ich aus der Arbeit nach Hause komme“, sagt Wera Schneider. Dann stehe sie regelmäßig im Stau, versuche, so gut es geht, auf Nebenstrecken auszuweichen „oder gleich mit dem Roller oder dem Fahrrad zu fahren“. Doch trotz des beinahe täglichen Ärgers: Straßensperrungen wie die in Tirol hält sie „für ein bisschen lächerlich“. Die Stadt Füssen lebe ja auch davon, dass viele Menschen kommen und den Tourismus ankurbeln. Sie habe sich deswegen mit der Situation arrangiert. Und sitze weiterhin gerne auf ihrer Terrasse – hinter den hohen Hecken.

Ein paar Meter weiter bleibt Rosemarie Falck nicht so gelassen. „Das ist furchtbar hier“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Seit 25 Jahre wohnt sie mit ihrem Mann in dem Einfamilienhaus an der Augsburger Straße, und die Verkehrsbelastung sei seither immer schlimmer geworden. Spätestens am Mittag versuchen die beiden rauszukommen und die Ruhe in der Umgebung zu genießen, „weil wir es hier nicht aushalten“. Da bringe der schönste Garten nichts, sagt Rosemarie Falck. Sie verbringt dort viel Zeit. Aber: „Der hat keinen Erholungswert.“ Ihre Terrasse, die Falck mit bunten Blumen bepflanzt hat, liegt etwa fünf Meter von der Hauptstraße weg. Eine große Buche, die sie und ihr Mann vor etlichen Jahren gepflanzt haben, dient einerseits als Sichtschutz, andererseits „soll sie die Luft ein bisschen filtern“.

Füssens Bürgermeister Paul Iacob ist sich der Problematik bewusst. Er wohnt selbst an besagter Straße. „Das ist natürlich keine angenehme Situation. Wenn ich auf der Terrasse sitze, habe ich immer eine gewisse Geräuschkulisse“, sagt er. Schon vor etlichen Jahren ist über eine Umgehungsstraße diskutiert, die Idee aber wieder verworfen worden. Dabei wäre das für Iacob die einzige Lösung. Denn von Straßensperrungen seien immer auch die Einheimischen betroffen – und das könne auch keiner wollen.

Beim ADAC sieht man das ganz ähnlich. So groß das Verständnis für genervte und belastete Anwohner auch sei, Fahrverbote seien das falsche Mittel, um den Verkehr zu lenken, sagt Bernd Emmrich. Er ist Stauberater beim ADAC in Südbayern. Während sich „normale“ Autofahrer darum bemühen, nicht in einen Stau zu geraten, ist genau das sein Job. Mit dem Motorrad fährt der 48-Jährige dorthin, wo gerade nichts mehr geht, hilft Liegengebliebenen, informiert über die aktuelle Verkehrslage und gibt Tipps für mögliche Ausweichrouten.

Der ADAC rät, auf der Autobahn zu bleiben

„Seit es Navis gibt, werden wir dafür nicht mehr so häufig benötigt“, sagt Emmrich – dabei hätte er oft einen anderen Rat parat als die digitalen Helferlein: „In den wenigsten Fällen lohnt es sich, wegen eines Staus von der Autobahn abzufahren. Die Nebenstrecken kommen meist sehr schnell an ihre Kapazitätsgrenzen, und dann geht auch dort nichts mehr.“ Von Fahrverboten wie in Tirol hält er nichts. Die müssten aufwendig kontrolliert werden und Polizisten auf der Straße mit Autofahrern diskutieren, ob diese denn nun von der Autobahn abfahren dürfen, weil sie einen triftigen Grund haben. Oder eben nicht, wenn sie einen Stau umgehen wollen. „Das kann doch nicht die Lösung sein“, meint Emmrich.

"Es ist eine Katastrophe": Josef und Rosi Knittel finden den Verkehr in ihrem Wohnort Heimertingen unerträglich, wenn Stau auf der Autobahn ist und viele die Ausweichroute nehmen.
Bild: Anna Reinwand

Wegziehen. Das wäre auch eine Lösung. Darüber hat Josef Knittel, 69, schon öfter nachgedacht – den Gedanken aber genausoft wieder verworfen. Zu verwurzelt sei er mit seiner Heimat, sagt er. Gemeinsam mit Ehefrau Rosi wohnt er in Heimertingen im Kreis Unterallgäu an der B300, die direkt durch den Ort führt. An normalen Tagen rollen etwa 15000 Fahrzeuge hier vorbei. „Das ist vor allem der Berufsverkehr“, sagt die 61-Jährige. „An den haben wir uns aber schon gewöhnt.“

Zu einem richtigen Problem werde die Situation jedoch, wenn Stau ist auf der nahe gelegenen A7, die bei Memmingen auch noch auf die A96 trifft. Denn dann ist die B300 eine äußerst beliebte Ausweichstrecke, und durch Heimertingen rollt eine regelrechte Blechlawine.

„An Ostern war es dieses Jahr wieder ganz schlimm“, erzählt Rosi Knittel. „Da haben sich die Autos im ganzen Ort gestaut, Stoßstange an Stoßstange.“ Das gehe oft stundenlang so. Im Schritttempo schiebe sich die Auto-Kolonne an ihrem Haus vorbei. Dass man hier dann schneller vorankomme als auf der Autobahn, können sie sich nicht vorstellen, sagen die Knittels.

Eine Bewohnerin sagt: Es ist eine Katastrophe

Das Ehepaar empfindet die Situation als belastend. „Es ist eine Katastrophe. Da willst du gar nicht mehr rausgehen“, sagt Rosi Knittel. Die Fenster müsse sie geschlossen halten. „Sonst habe ich den ganzen Abgasgestank im Haus. Und man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, weil es so laut ist.“ Außerdem blockiere der ständige Stau vor der Haustür die Ausfahrt. „Wir kommen mit dem Auto manchmal gar nicht mehr aus dem Hof raus“, klagt Josef Knittel.

In solchen Momenten wären Fahrverbote wie in Tirol „die reinste Erholung“, sagt seine Frau Rosi. „Gerade jetzt zu den Sommerferien wäre das toll.“

Doch so weit wird es in Bayern erst mal nicht kommen. Das betont Verkehrsminister Hans Reichhart im Gespräch mit unserer Redaktion: „Ich halte von derartigen Fahrverboten nichts und finde es unzumutbar, Familien in der prallen Sonne auf der Autobahn einzusperren. Das ist nicht die Art von Verkehrspolitik, die ich betreiben will.“ Er sieht den Ausbau von Autobahnen oder den Bau von Umgehungsstraßen als geeignetere Maßnahmen, um für Entlastung zu sorgen.

In Odelzhausen schüttelt Hans Löster den Kopf. Über eine Umgehungsstraße sei in der Vergangenheit schon mehrfach diskutiert worden. Passiert sei nichts. „Da hoffen alle drauf. Aber ich werde das nicht mehr erleben.“ Nach all den Jahren scheint sich Resignation breitgemacht zu haben auf diesem meist so idyllischen Fleckchen Erde.

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Die Diskussion ist geschlossen.

05.07.2019

Durchaus sinnvoll, die B10 durch Ulm wird gerne als Abkürzung zwischen A7 und A8 genommen.

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05.07.2019

Da werden mit zig-Millionen neue Autobahnen gebaut und bestehende erweitert. Dass man da dann weiterdenkt und beim Bau/Ausbau intelligente Verkehrsleitsysteme mit einbaut wird meist "vergessen" und dann nachträglich mit hohem Aufwand nachgerüstet (siehe B17/A8). Meist ist es doch auch so, dass, wenn Stau in einer Richtung ist, in der Gegenrichtung meist nur wenig Verkehr ist. Wenn man da alle 5 oder 10 km im Mittelstreifen eine Überleitung mit einplant, könnte man bei größeren und längeren Staus, bzw. bei Sperrung der Autobahn, zumindest einen Fahrstreifen auf der Gegenfahrbahn mitbenutzen.

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