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Pläne für Kempten

16.05.2019

Sind Seilbahnen die Verkehrsmittel der Zukunft?

An der Kemptener Residenz könnte bald eine Seilbahn vorbeischweben. Die Aussicht wäre sicher spektakulär – die Befürworter erhoffen sich aber noch mehr: nämlich, dass der Verkehr in der Stadt beruhigt wird.
Bild: Matthias Becker/Montage: Peter Schiess

Immer mehr Städte denken darüber nach, mit Gondeln dem Verkehrschaos Herr zu werden. Wie das funktionieren soll und was Kritiker zu bemängeln haben.

Nur mal angenommen, man könnte in die Zukunft blicken. Was würde uns wohl erwarten? Wie sähen unsere Städte aus? Hätte er uns längst kalt erwischt, der Verkehrskollaps, der ja immer wieder beschworen wird? Oder hätten wir ihm ein Schnippchen geschlagen, wären ihm einfach davongefahren – irgendwo weit droben, in einer Gondel, bequem und leise dahinschwebend? Schon heute ist das mehr als nur ein Zukunftshirngespinst. Denn in Bayern gibt es immer mehr Städte, die genau diese Idee verfolgen: Seilbahn statt Straße. Gondel statt genervtes Gehupe.

Kempten will eine Stadt-Seilbahn bauen

Ein Beispiel dafür ist Kempten. Die 70.000-Einwohner-Stadt im Allgäu will bis 2025 eine Stadt-Seilbahn bauen. Die Pläne hat die CSU-Stadtratsfraktion vor wenigen Tagen vorgestellt. Die Seilbahn-Idee ist Teil eines ÖPNV-Konzeptes, das die CSU in einem Antrag zusammengefasst hat. Mit sieben zu vier Stimmen wurde beschlossen, dass die Stadt das Thema in die entsprechenden Ausschüsse einbringen soll. Mit der Ausgestaltung soll dann ein Planungsbüro beauftragt werden.

Thomas Kreuzer, CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag und Stadtrat in Kempten, stellt sich hinter das Projekt: „Eine Stadtseilbahn in Kempten bietet interessante Möglichkeiten: Da die Gondeln dauerhaft verkehren, gibt es keine Wartezeiten an den Stationen.“ Eine urbane Seilbahn sei außerdem emissionsfrei und es könnten bis zu 1000 Busfahrten pro Tag eingespart werden.

Nicht nur in Kempten wird über eine Seilbahn nachgedacht. Viele bayerischen Städte beschäftigen sich mit dem Thema. In München etwa wird schon seit längerem darüber diskutiert, wie sinnvoll eine 4,5 Kilometer lange Seilbahnverbindung entlang des Frankfurter Rings wäre. In rund 60 Metern Höhe könnten bis zu 4000 Fahrgäste pro Stunde transportiert werden. 50 Millionen Euro könnte die ganze Sache kosten – wenn sie denn tatsächlich Realität wird. Ob sich der Aufwand lohnt, das soll in einer Machbarkeitsstudie untersucht werden.

So könnte die Seilbahn in München aussehen.
Bild: Bauchplan/Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, dpa

Und es gibt noch mehr Beispiele für Städte, in denen die Bürger irgendwann durch die Stadt gondeln könnten: Ingolstadt etwa – wo auch bald Flugtaxis unterwegs sein sollen –, Nürnberg, Würzburg oder Passau.

Verkehrsminister Hans Reichhart wünscht sich kreative Ideen

Die frühere Verkehrsministerin Ilse Aigner hatte das Thema vehement vorangetrieben, Fördergelder versprochen und an Kommunen appelliert, in diese Richtung zu denken. Und ihr Nachfolger? Verkehrsminister Hans Reichhart sieht die Sache ähnlich: „Wir müssen beim Nahverkehr kreativer denken. Ich freue mich über alle innovativen Ideen, die den Verkehr gerade in den Innenstädten entzerren. So können wir Stau und Feinstaub vermeiden.“ Eine Sprecherin seines Ministeriums fügt hinzu: „Seilbahnen können im städtischen Nahverkehr eine bislang in Bayern nicht genutzte Ergänzungsfunktion übernehmen. Die Seilbahn kann bauliche und topografische Hindernisse auf geradem Weg überwinden, wo sonst Umwege oder Eingriffe in die Landschaft notwendig wären.“

Während einige Städte mit einer Seilbahn liebäugeln, favorisiert der Landesverband des Verkehrsclubs VCD die Straßenbahn. „Wir haben momentan das Gefühl, dass die Seilbahn gehypt wird und genutzt wird, um den Bau von neuen Straßenbahnen zu behindern, weil die Straßenbahn Platz vom Autoverkehr wegnimmt“, sagt der bayerische Landesvorstand des VCD, Christian Loos. In München etwa blieben auf dem Frankfurter Ring sechs Fahrspuren bestehen, wenn es eine Seilbahn geben würde. Das würde den Umstieg auf den öffentlichen Verkehr nicht gerade fördern, sagt Loos. Dabei biete die Straßenbahn „eine attraktive Reisegeschwindigkeit und ist durch viele Haltestellen für die potenziellen Nutzer sehr gut zu erreichen.“ Bei einer Tram könne man etwa alle 300 bis 600 Meter eine Haltestelle bauen. Eine Seilbahn hingegen sei technisch auf wenige Stationen ausgelegt.

Auch das Karlsruher Institut für Technologie hat sich mit Seilbahn-Modellen beschäftigt und eine Analyse erstellt. Die Wissenschaftler kommen darin unter anderem zu diesem Schluss: Urbane Seilbahnen seien „kein Allheilmittel für die Lösung urbaner Verkehrsprobleme“. (mit jan, dpa)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Nur Gondeln reichen nicht gegen den Verkehrskollaps

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