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Internet-Kriminalität

05.02.2020

So funktioniert die Jagd auf Kinderschänder-Plattformen

Eine Szene aus dem "Tatort" vom vergangenen Sonntag: Das kleine Mädchen wird in einer Waldhütte gefangen gehalten. Ein Mann hat das Kind im Internet ersteigert, um es zu missbrauchen.
Bild: WDR/Thomas Kost

Plus Im Internet tauschen Pädophile abertausende Kinderpornos aus, auf einzelnen Plattformen sind zehntausende Nutzer aktiv. Eine bayerische Spezialeinheit kämpft dagegen.

Das Mädchen mit den langen dunkelblonden Haaren hält einen Plüsch-Pandabären im Arm. Die Kleine drückt das schwarz-weiße Stofftier fest an sich, blickt mit großen traurigen Augen in das kahle Zimmer der Waldhütte, in dem sie gefangen gehalten wird. Später, irgendwann in der Nacht, soll ein Mann vorbeikommen. Er hat das Mädchen im Internet ersteigert, um es sexuell zu missbrauchen.

Nun ist diese Geschichte nicht real. Sondern erfunden. Von den Drehbuchautoren des "Tatort", den am vergangenen Sonntag mehr als acht Millionen Menschen im Fernsehen sahen. "Monster" lautet der Titel der Episode, die wohl viele Zuschauer entsetzt zurückgelassen hat. Vor allem, weil man ja weiß: Derlei Grausamkeiten sind längst nicht nur fiktional. Kriminelle, die Kinder vergewaltigen und die Videos davon ins Internet stellen, sind traurige Realität. Es gibt sie überall.

Die Kinderporno-Plattformen haben Zehntausende Mitglieder

Einer, der Jagd auf diese Verbrecher macht, ist Christian Schorr von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg. Der stellvertretende Pressesprecher der Zentralstelle Cybercrime Bayern leitet dort eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Missbrauch von Kindern und der Verbreitung von Kinderpornografie im Internet befasst. Im vergangenen Jahr behandelte die Arbeitsgruppe 636 sogenannte "kinderpornografische Vorgänge", also Fälle, in denen Videos und Bilder von missbrauchten Kindern im Internet verbreitet wurden. Hinzu kamen noch etwa 40 Fälle, bei denen auch der Verdacht eines tatsächlichen sexuellen Missbrauchs im Raum stand. Schorr hat in seiner Arbeit viel gesehen. Er sagt: "Da gibt es schon menschliche Abgründe. Man kann nichts ausschließen, selbst wenn man sich im Vorfeld niemals hätte vorstellen können, dass es so etwas gibt."

So funktioniert die Jagd auf Kinderschänder-Plattformen

Die Plattformen, auf denen die Dateien ausgetauscht werden, sind riesig. Bei einigen Portalen sind Zehntausende Nutzer angemeldet, bei "Elysium" etwa waren es mehr als 90.000 Menschen. In der griechischen Mythologie ist "Elysium" die "Insel der Seligen" – für viele Kinder aber bedeutete die Seite, die 2017 abgeschaltet wurde, die Hölle.

Das Netzwerk war im Darknet angesiedelt, einem geheimen Teil des Internets, quasi ein virtueller Untergrund. Die Mitglieder tauschten nicht nur in dieser Online-Anonymität Fotos und Videos aus, sondern verabredeten sich auch zu realen Treffen – manche Eltern boten dabei ihre eigenen Kinder zum Missbrauch an. Die Taten wurden gefilmt und ins Portal hochgeladen. Vier Männer waren für "Elysium" verantwortlich darunter auch ein damals 62 Jahre alter Mann aus Landsberg am Lech, der zwei Kinder im Alter von vier und sechs Jahre sexuell missbraucht hatte. Alle Strippenzieher des Netzwerks wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

Kampf gegen Kinderpornographie: Künftig wird die Arbeit der Ermittler erleichtert

Bislang war es für Polizei und Staatsanwaltschaft extrem schwierig, solche Plattformen ausfindig zu machen und die Täter zu erwischen. Denn die Sache funktioniert so: Nur wer selbst kinderpornografische Bilder hochlädt, bekommt auch Zugang. Die Ermittler durften das bisher allerdings nicht – Mitte Januar wurde dieses Verbot nun aber aufgehoben. Mit computergenerierten Fotos können sich die Ermittler bald Zugang zu Pädophilen-Netzwerken schaffen.

Oberstaatsanwalt Schorr aus Bamberg wertet das als positiven Schritt: "In die Bereiche, die für uns interessant sind, konnten wir bisher nicht vordringen. Wir gehen davon aus, dass unsere Arbeit durch die Gesetzesänderung erleichtert wird." In diese gesicherten Bereiche zu gelangen, sei deshalb so wichtig, weil man dort auf die Produzenten der Filme und Bilder treffe, also auch auf diejenigen, die die Kinder vergewaltigen. "Und genau an die wollen wir ran", sagt Schorr. Der Ermittler hofft außerdem, dass die neue Regelung abschreckend wirkt. "Die User haben das mitbekommen und dadurch wird möglicherweise eine Verunsicherung bei ihnen erreicht." Die Menschen, die sich in solchen Darknet-Portalen tummeln, stammten aus allen Altersklassen und allen sozialen Schichten, sagt Schorr. Eines aber eine sie: Fast alle sind Männer.

Bald beginnt der Prozess gegen den Würzburger Logopäden

Wie die Täter an die Kinder oder an Videos gelangen, ist unterschiedlich. Viele geben sich selbst als Jugendliche aus und überreden Minderjährige dazu, Nacktfotos von sich zu schicken, manche missbrauchen ihre eigenen Söhne oder Töchter, andere bezahlen für eine Live-Übertragung einer Vergewaltigung und wieder andere vergehen sich an Kindern, auf die sie leicht zugreifen können. Wie etwa ein Logopäde aus Würzburg. Der Fall sorgte im vergangenen Jahr für Schlagzeilen. Dem Mann wird vorgeworfen, kleine Buben in Praxen und Kindertagesstätten missbraucht zu haben. Davon soll er Fotos und Videos im Internet verbreitet haben. Bald beginnt der Prozess gegen den 37-Jährigen.

Als die Ermittler im vergangenen März zuschlugen, saß der Mann gerade an seinem Rechner. "Das war der perfekte Zeitpunkt", sagt Schorr, der in den Fall involviert war. "Es ist wichtig, einen Täter aktiv am Computer zu erwischen. Denn oft sind sonst keine Spuren zu finden, wenn sich alles im Darknet abspielt." Nicht alle Kriminellen sind aber so schlau. Manche tauschen Kinderpornografie über ganz normalen Chat-Programme aus.

Schorr und seine Kollegen müssen sich diese Dateien anschauen. Tausende Fotos von missbrauchten Kindern, die manchmal noch nicht einmal ein Jahr alt sind. "Wenn man sich den ganzen Tag nur mit Kinderpornografie beschäftigt, dann kriegt man das nicht mehr aus dem Kopf. Deswegen arbeiten wir auch an Fällen, die mit allgemeiner Internetkriminalität zu tun haben", sagt Schorr und fügt hinzu: "Man darf die Dinge nicht zu sehr an sich ranlassen. Auch wenn das manchmal schwer fällt."

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