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Prozess in Augsburg

09.12.2009

So herrscht die Russen-Mafia im Gefängnis

Die Sicherheitsvorkehrungen sind extrem: Zwei mutmaßliche führende Mitglieder der so genannten Russen-Mafia müssen sich in Augsburg wegen räuberischer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung und Drogenhandels verantworten. Von Klaus Utzni

Vor dem Richterzimmer steht ein Beamter eines Spezialkommandos mit einer Maschinenpistole. Durch die Gerichtsflure patrouillieren Hundeführer, der durch Jalousien gegen Einblicke von außen abgedunkelte Sitzungssaal ist hermetisch von Polizisten abgeriegelt.

Jeder Besucher wird mit Metallsuchgeräten abgetastet. Die extrem starken Sicherheitsvorkehrungen im Augsburger Strafjustizzentrum gelten einem spektakulären Prozess vor der 3. Strafkammer beim Landgericht, wo sich zwei mutmaßliche führende Mitglieder der so genannten Russen-Mafia wegen räuberischer Erpressung, gefährlicher Körperverletzung und Drogenhandels verantworten müssen.

Die beiden zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Angeklagten sollen in der Justizvollzugsanstalt Kaisheim als "Statthalter" des so genannten "Abtschak"-Systems - einer Art Sozialkasse - von russischstämmigen Mithäftlingen Schutzgelder erpresst, damit den Handel mit Heroin und Haschisch im Knast finanziert und Gefangene, die sich widersetzten, verprügelt und mit dem Tode bedroht haben.

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Das Gericht unter Vorsitz von Karl-Heinz Haeusler stuft Waldemar E. (44) und den gleichaltrigen Mitangeklagten Andreas B. offenbar als hoch gefährlich ein. Beiden sind Handschellen angelegt, Waldemar E. trägt auch Fußfesseln. Andreas B. (Verteidiger: Dirk Pegelow) werden Kontakte zu einem ganz großen "Fisch" nachgesagt, zu Alexander Bor, der vor Jahren in München wegen Mordes zu 13 Jahren Haft verurteilt worden war, dann aber bald nach Russland abgeschoben wurde, wo er jetzt angeblich 30 Banden der "Russen-Mafia" befehligt.

Die Justiz hält nicht nur Flucht- oder Befreiungsversuche der beiden Angeklagten für denkbar. Auch eine erst am Montag angedrohte Geiselnahme eines in Aserbaidschan lebenden Ex-Häftlings, der als "Verräter" gilt und heute nach Deutschland zur Aussage einfliegen soll, kommt zur Sprache, als ein Beamter des für die Bekämpfung organisierter Kriminalität zuständigen Kripokommissariats über seine Ermittlungen berichtet. Die Arme der so genannten "Russen-Mafia" reichen offenbar weit. So erzählt der Kripobeamte, dass russische Männer in den Wohnorten inzwischen entlassener "Verräter" aufgetaucht sind, um nach ihnen zu suchen. Das Ziel der unangemeldeten Besuche: Die Zeugen sollen ihre Aussagen vor Gericht zurücknehmen, andernfalls wird mit "Killern" gedroht.

Etliche der Russlanddeutschen, die sich zur Aussage entschlossen hatten, leben unter dem Zeugenschutzprogramm der Polizei an unbekannten Orten. Trotz all dieser Schutzmaßnahmen kann die Polizei für die Sicherheit der Zeugen nicht garantieren: "Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht", bedauert der Beamte. Er ist überzeugt, dass das so genannte "Abtschak"-System in allen deutschen Gefängnissen, in denen Russlanddeutsche einsitzen, funktioniert.

Von 20 Mitgefangenen im Keller verprügelt

Am ersten von drei geplanten Prozesstagen wollen die Angeklagten, die miteinander nicht russisch reden dürfen, keine Angaben zu den Vorwürfen von Staatsanwalt Dr. Christian Engelsberger machen. Konkret wirft dieser den Häftlingen zwei Vorfälle im Jahre 2006 in der JVA Kaisheim vor: Einmal soll ein Mithäftling, der sich weigerte, Schutzgeld zu zahlen, von 20 Mitgefangenen im Keller des Gefängnisses verprügelt worden sein. Von einem anderen Landsmann sollen die Angeklagten 5000 Euro gefordert und gedroht haben, ihn andernfalls zu vergewaltigen und zu töten.

Waldemar E. liegt weiter zur Last, aus dem Gefängnis heraus einen schwunghaften Handel mit Heroin und Haschisch organisiert zu haben. Die Drogen sollen dann mit Hilfe von Freigängern in den Knast eingeschmuggelt, dort verkauft und konsumiert worden sein. Die Kripo hatte monatelang verdeckt in der Haftanstalt ermittelt und dabei auch ein Handy abgehört, mit dem Waldemar E. (Verteidiger: Peter Schweizer) telefonierte. Dieses soll angeblich von einem JVA-Bediensteten gegen Bestechungsgeld von 1000 Euro in die Zelle des Häftlings geschmuggelt worden sein. Klaus Utzni

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