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Terrorismus
21.03.2016

Salah Abdeslams Festnahme wirft Fragen auf - auch in Ulm

Der 26 Jahre alte Salah Abdeslam wurde bei einem Großeinsatz in Brüssel festgenommen.
Foto: Belgian Federal Police (dpa)

Trotz der Festnahme von Salah Abdeslam kommt Brüssel nicht zur Ruhe. Wie konnte sich der Terrorist unbemerkt im Stadtteil Molenbeek aufhalten? Auch in Ulm gibt der Fall Rätsel auf.

Der Witz ist den meisten im Hals stecken geblieben. „Wie? Sie haben Salah Abdeslam nicht gesehen? Der stand doch letzte Woche noch an der Pommes-Bude am Place Jourdan.“ Monatelang haben sich die Menschen in Brüssel den Spruch über den mutmaßlichen Terroristen erzählt, der eine Schlüsselrolle bei den Pariser Anschlägen vom 13. November gespielt haben soll. Menschen, die wie die Programmiererin Anne Makers, 35, den „ganzen Firlefanz“ um die mehrtägige höchste Terrorwarnstufe vier im Dezember für ein „aufgeblasenes Getue“ der Regierung hielten.

Doch seit dem Auftritt von Außenminister Didier Reynders am Wochenende sind solche Gags verstummt. „Wir haben viele Waffen, schwere Waffen gefunden“, berichtete der liberale Politiker einer geschockten Öffentlichkeit. Und dann fügte er die Worte hinzu, die der Stadt den Atem nahmen: Salah Abdeslam, der 26-jährige Top-Terrorist aus der Gemeinde Molenbeek, habe „weitere Anschläge“ vorbereitet, darunter „auch etwas in Brüssel“. Stand dazu möglicherweise etwas auf dem Zettel, der Abdeslam aus dem Hosenbein rutschte, als er am Freitagnachmittag aus dem Haus Nummer 79 in der Rue du Quatre-Vents in Molenbeek stürmte, ehe ihn eine Polizeikugel am Bein verletzte und er endlich dingfest gemacht werden konnte? 126 Tage nach den Attentaten in Paris. Vier Häuser neben dem Gebäude, in dem er geboren und aufgewachsen ist.

„Ich wusste nicht, dass er hier lebt“, sagt Omar, ein Metzger, dessen Geschäft an der Ecke der Straße liegt. Die 24-jährige Amae wohnt gleich nebenan. „Das ist wirklich ironisch“, findet sie. „Wir haben ihn irgendwo in Deutschland, der Türkei oder Syrien vermutet.“ Keiner will etwas gesehen haben, obwohl der belgische Generalstaatsanwalt Frédérick Van Leeuw und sein französischer Amtskollege François Molins am Montag Indizien nicht widersprechen, dass sich Abdeslam sehr wohl aus seinem Keller herausgetraut haben soll. Es gibt so viele Widersprüche, die noch niemand wirklich erklären kann.

Warum war Salah Abdeslam in Ulm?

Fest steht, dass Salah Abdeslam in den Monaten vor dem Pariser Terror durch Deutschland, Österreich, Griechenland, Italien, Ungarn und die Niederlande gereist ist, um Gleichgesinnte zu suchen. Wohl auch in Ulm. Dass er in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober, sechs Wochen vor den Anschlägen, mit einem Mietwagen von Brüssel an die Donau gefahren ist, sich kurz dort aufhielt und gleich wieder zurückfuhr, gilt als gesichert. Aber was er dort genau gemacht hat, ist unklar. Angeblich sind die Sicherheitsbehörden vor Ort in die Ermittlungen nicht eingebunden. Die Fäden laufen beim Generalbundesanwalt zusammen, bei der auf dem Gebiet des Staatsschutzes obersten Strafverfolgungsbehörde im Land. Deren Sprecherin sagt gestern auf Anfrage unserer Zeitung nur: „Es besteht der Verdacht, dass Abdeslam Anfang Oktober in Ulm war.“ Zu Einzelheiten wolle sie mit Rücksicht auf die Ermittlungen nichts sagen.

Am Wochenende berichtete der Südwestrundfunk, Abdeslam habe in besagter Nacht etwa eine Stunde vor einer Ulmer Flüchtlingsunterkunft gehalten. Am nächsten Tag habe sich bei einer Anwesenheitskontrolle in der Unterkunft herausgestellt, dass drei syrische Männer fehlten. Sind sie mit Abdeslam zurück nach Belgien gefahren und möglicherweise sogar in die Pariser Anschläge verwickelt?

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Die Bundesanwaltschaft äußert sich auch nicht zu möglichen Kontakten zu Männern aus der islamistischen Szene, sogenannten Schläfern, die nach Angaben aus Sicherheitskreisen im Raum Ulm/Neu-Ulm leben. Die Region galt über Jahre als Hochburg islamistischer Umtriebe. Denkbar ist allerdings auch, dass Ulm nur zufällig eine Rolle spielt, dass den drei Männern – wenn es sie wirklich gibt – als (getarnte) Flüchtlinge die Ulmer Unterkunft zugewiesen wurde und Abdeslam deshalb hierherfuhr. Eine Verbindung zur Islamisten-Szene vor Ort gäbe es dann vielleicht gar nicht. Aber auch das ist bislang reine Spekulation.

Abdeslam legte seinen Sprengstoffgürtel ab

Auf rund 30 Personen schätzen belgische und französische Staatsanwaltschaft inzwischen den Kreis der Helfer und Unterstützer. Abdeslam war der Drahtzieher, der Organisator. Er beschaffte die Waffen, er karrte Wasserstoffperoxid und Zünder für die Sprengstoffwesten heran. Er mietete die beiden Autos an, mit denen das Terror-Kommando nach Paris fuhr. Und er war es auch, der seinen Bruder Ibrahim vor dem Stade de France absetzte, wo gerade das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland lief. Als der mittlere von drei Brüdern nicht auf die Tribüne vordringen konnte, zündete er draußen seinen Sprengstoffgürtel.

Doch da beginnen die Rätsel, die die Behörden noch nicht lösen können. Eigentlich wollte sich Abdeslam ebenfalls vor dem Stadion in die Luft jagen. Aber er legte den Sprengstoffgürtel ab und warf ihn in der Nähe der Pariser Metro-Station Montrouge in einen Müllkübel, wo er zehn Tage später gefunden wurde. Geplant war das nicht, wie die spätere Erklärung der Pariser Terroristen verrät. In ihr ist ausdrücklich die Rede davon, dass man die Verantwortung für die Anschläge am Stade de France, den Cafés sowie im 18. Bezirk der französischen Hauptstadt übernehme. Doch in diesem Arrondissement gab es keinen Gewaltakt. Stattdessen wurde Abdeslam auf der Rückfahrt von Paris nach Brüssel am selben Abend von der Grenzpolizei gestoppt und kontrolliert. Da es jedoch keinen Hinweis auf eine Straftat gab, ließ man ihn weiterfahren.

Najim Laachraoui: Fahndung nach Abdeslams Helfer

Hatte der Belgier also gekniffen? Oder passt das gängige Bild des fundamentalistischen Selbstmordattentäters nicht? Wollte er in der Metropole der Europäischen Union noch einmal zuschlagen? „Wir stehen noch am Anfang unserer Ermittlungen“, heißt es gestern von den Staatsanwaltschaften der beiden beteiligten Länder, die sich zwar in dem Fahndungserfolg sonnen, aber gleichzeitig vor Entspannung warnen. Stattdessen wird die Bevölkerung um Hinweise auf den 24-jährigen Najim Laachraoui gebeten. Er soll zum Kreis der unmittelbaren Helfer Abdeslams gehören und mit einem gefälschten belgischen Ausweis geflohen sein. Dieser Appell passt zu der Feststellung des belgischen Premiers Charles Michel und des französischen Präsidenten François Hollande, die schon unmittelbar nach der Festnahme des Terroristen von weiteren notwendigen Festnahmen gesprochen haben. Man rechne mit einem weitverzweigten Netzwerk, heißt es auch am Montag.

Brüssel kommt nicht zur Ruhe. Dabei hat die Stadt gerade erst wieder zur Normalität gefunden, so- weit dies unter der zweithöchsten Terrorwarnstufe drei, die seit Monaten gilt, möglich ist. Engagierte Stadtführer lotsten Besucher durch Molenbeek, um dessen Ruf als „Terrornest“, „Dschihad Central“ oder „Terrorhochburg“ zu widerlegen. Voller Zynismus malen belgische Kommentatoren nun das Bild, wie Besuchergruppen durch die hübschen Läden wandern – vorbei an dem Keller, in dem Europas meistgesuchter Terrorist lebte. Der französische Abgeordnete und Richter in mehreren Terror-Verfahren, Alain Marsaud, fasst das in die Worte: „Entweder war Salah Abdeslam sehr schlau. Oder die belgischen Dienste sind Nullen – was wahrscheinlicher ist.“ Beides sei in gleichem Maße beunruhigend.

Das sollte es auch. Schließlich vergeht kein Tag, an dem im europäischen Viertel der belgischen Metropole oder weiter draußen am Nato-Hauptquartier hochrangige Politiker aus aller Welt zu Gast sind. Niemand will sich vorstellen, was dabei geschehen könnte.

So wurde Salah Abdeslam aufgespürt

Auch die Geschichte der viel zu umfangreichen Pizza-Bestellung, die die Sicherheitsbehörden schließlich auf Abdeslams Spur führte, gehört wohl zu den Versuchen, die belgische Polizei möglichst schlecht aussehen zu lassen. Tatsächlich gab es Fingerabdrücke des Terroristen auf einem Wasserglas in einer am Dienstag zuvor gestürmten Wohnung. Was dann geschah, hat wenig mit Pizza zu tun. Ermittler durchforsteten in akribischer Kleinarbeit tagelang einen Berg von Handy-Nummern, die in der Nähe dieser Wohnung sowie in Molenbeek festgestellt wurden. Man verglich, sortierte aus und konnte schließlich eine Spur in die Nähe des Elternhauses von Abdeslam sicher nachweisen. „Ein Husarenstück auf dem Gebiet der Telefonie-Überwachung“, nannte die Zeitung De Morgen den Erfolg. Dabei wollten die Ermittler erst am Samstag zuschlagen, zogen die Aktion dann aber vor, nachdem ein Hinweis auf die „Festnahme von Europas meistgesuchtem Verbrecher“ an Medien durchgesickert war.

Gestern stehen noch immer gepanzerte Polizeifahrzeuge in Molenbeek. Die Fahnder suchen weiter – nach Mittätern, nach Unterstützern, nach Flüchtigen. Schließlich hat Abdeslam eine neue Terrorzelle errichten wollen. Noch weiß niemand, wie weit er damit gekommen ist. Die Furcht davor, was man noch nicht weiß, bleibt groß. (mit bju, ble)

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