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Tierskandal

09.08.2019

Tierquälerei, Hetze, bedrückte Bauern - und wieder steht die Polizei im Stall

Etwa 50 Polizisten waren an der Durchsuchung im Unterallgäu beteiligt.
Bild: Ralf Lienert

Plus Im Allgäuer Skandal um die Misshandlung von Kühen hat es eine weitere Razzia gegeben. Insgesamt stehen nun drei Betriebe im Visier der Behörden.

Die Unterallgäuer Tierschutzaffäre, in die inzwischen drei große landwirtschaftliche Betriebe involviert sind, beschäftigt weiter die Behörden. Am Freitag nahmen etwa 50 Polizeibeamte, zwei Staatsanwälte sowie Veterinäre des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) einen Betrieb im Unterallgäuer Bad Grönenbach unter die Lupe. Durchsucht wurde auch eine Hofstelle im Oberallgäuer Altusried, die zu dem landwirtschaftlichen Unternehmen gehört.

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Dem Vernehmen nach hält der Großbetrieb insgesamt 1700 bis 1800 Rinder. Dort waren Mitarbeiter des Unterallgäuer Veterinäramtes sowie Tierärzte des LGL Ende Juli auf Verhältnisse gestoßen, die „mit dem Tierwohl nicht vereinbar“ sind, erklärte Polizei-Pressesprecher Christian Eckel. Daraufhin hatte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Tierquälerei eingeleitet.

Darum ging es bei den Bauernhof-Durchsuchungen im Allgäu

Mit Durchsuchungsbeschlüssen in der Tasche rückten die Ermittler am Freitagmorgen in Bad Grönenbach sowie in Altusried an. Dabei sei es aber nicht darum gegangen, Hinweise auf mögliche Tierquälereien zu dokumentieren, sagte Eckel. Vielmehr seien Unterlagen und elektronische Dateien über den Betriebsablauf in dem Großunternehmen gesichert worden. „Beispielsweise geht es darum, wie Verantwortlichkeiten geregelt sind, wie das Personal geschult wurde und welches Tier wann tierärztlich behandelt wurde“, erläuterte Eckel.

Am Freitag wurde in der Allgäuer Tierschutzaffäre wieder ein Hof in Bad Grönenbach durchsucht.
Bild: Ralf Lienert

Nach aktuellem Stand sind die mutmaßlichen Verstöße gegen den Tierschutz laut Staatsanwaltschaft nicht so gravierend wie beim ersten Betrieb, in dem Videoaufnahmen Grausamkeiten gegen Rinder belegen.. Wann die Ermittlungen in den beiden Fällen abgeschlossen sein werden, ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft unklar. Das gilt laut Leitendem Oberstaatsanwalt Christoph Ebert auch für ein drittes Verfahren, das sich im Stadium der Vorermittlungen befindet. Ebert sagte, derzeit erhalte man vermehrt Hinweise aus der Bevölkerung über angebliche Tierquälereien.

Eine Sprecherin des LGL machte am Freitag keine weiteren Angaben über die jüngste Durchsuchungsaktion und verwies auf die Zuständigkeit des Unterallgäuer Landratsamtes. Dort sagte eine Sprecherin: „Solange die Ermittlungen laufen, gilt die Unschuldsvermutung.“ Konkrete Auskünfte gab es dagegen von Andreas Kaenders, Sprecher des Oberallgäuer Landratsamtes. Die Altusrieder Hofstelle, in der etwa 90 Jungrinder gehalten werden, war demnach am 24. Juli von Mitarbeitern des Oberallgäuer Veterinäramtes sowie des LGL kontrolliert worden. „Dabei gab es in fünf Fällen Beanstandungen“, sagt Kaenders. Diese seien „allesamt nicht gravierend“ gewesen. So hätten zwei Tiere gelahmt, in einem Fall sei eine Klauenverletzung, in einem weiteren eine Hornverletzung festgestellt worden.

Zwischen 2016 und 2019 habe das Veterinäramt die Hofstelle einmal jährlich begutachtet. „Dabei gab es keine Beanstandungen“, sagt Kaenders. Landrat Anton Klotz stuft die jüngsten Beanstandungen als „absolut durchschnittlich für einen Bestand dieser Größe ein“. In den vergangenen Jahren sei im Landkreis „eine verschwindend geringe Zahl“ gravierender Tierschutzverstöße festgestellt worden.

Viele Bauern im Allgäu sehen sich unter Generalverdacht

Was Klotz zur Überzeugung bringt: „Man muss die Kirche im Dorf lassen. Die überwiegende Zahl der 1800 Rinderhalter im Oberallgäu geht verantwortungsvoll mit den Tieren um.“

Die massiven Vorwürfe haben bei vielen Bauern Spuren hinterlassen: „Uns Landwirte bedrückt das gewaltig. Immer wenn ich in den Stall gehe, denke ich an eine Kamera“, sagt die Oberallgäuer Kreisbäuerin Monika Mayer. „Das ist ein verdammt mieses Gefühl. Denn der Stall ist kein Büro, er ist unser Lebensmittelpunkt.“ Sie wünschte sich ein „gesundes Vertrauen in die Tatsache, dass Bauern ureigenstes Interesse am Tierwohl haben“. Im Gespräch mit unserer Redaktion betonen Kreisbäuerin Mayer, ihr Unterallgäuer Kollege Martin Schorer sowie der schwäbische Bauernverbandspräsident Alfred Enderle, dass die meisten Landwirte verantwortungsbewusst arbeiteten. „Jetzt in jedem Stall Kameras zu installieren, wäre wie in jedes Kinderzimmer eine zu hängen, weil irgendwer sein Kind geschlagen hat“, findet Enderle.

Kreisbäuerein Monika Mayer sagt: "Uns Landwirte bedrückt das gewaltig."
Bild: Matthias Becker

Bauernverband: Verstöße gegen Tierwohl müssen aufgeklärt und bestraft werden

Die drei BBV-Vertreter wollen die mutmaßlichen Vorkommnisse bei dem Unterallgäuer Bauern nicht beschönigen. „Missstände müssen aufgeklärt und konsequent bestraft werden“, sagt Enderle. Doch rund um diesen Fall gebe es vieles, was den Landwirten schwer im Magen liegt. Wenn beispielsweise die „Soko Tierschutz“ dazu animiere, weitere Vorkommnisse zu melden, „ist das ein Aufruf zum Denunzieren“, sagt Schorer. Enderle wünscht sich generell, dass bei kritischen Beobachtungen erst das Gespräch mit dem Bauern gesucht wird. Bei echten Missständen müssten selbstverständlich die Behörden eingeschaltet werden.

Die Hetze gegen den Unterallgäuer Landwirt im Internet, dazu zerstochene Reifen und eingeschlagene Scheiben: „Das ist unserer Demokratie nicht würdig“, ärgert sich Schorer. In der öffentlichen Diskussion würde sich der Unterallgäuer BBV-Obmann „weniger Haudrauf-Mentalität und mehr Realitätssinn“ wünschen. Eine kranke 650-Kilo-Kuh müsse man beispielsweise mithilfe einer Hüftklemme aufstellen, auch wenn das „kein schönes Bild“ abgebe. „Man kann in einem Stall nicht alles mit Samthandschuhen anpacken. Deshalb sind wir aber noch lange keine Tierquäler.“

Fehlt der Bevölkerung ein realistischer Blick auf die moderne Landwirtschaft?

Generell sei es ein Problem, „dass die meisten Menschen keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft haben“, sagt Mayer. „Das Idealbild kleiner Höfe mit zehn Tieren ist einfach nicht realistisch“, sagt auch Schorer: „So können wir die Bevölkerung nicht ernähren.“ Das Tierwohl hänge aber auch nicht von der Zahl der Kühe ab: „Auch ein Betrieb mit mehreren hundert Tieren ist dank Melkroboter und Futterwagen gut zu führen. Man braucht halt ausreichend qualifizierte Mitarbeiter“, sagt Mayer. Doch die seien immer schwerer zu finden. Enderle nickt: „Es bringt nichts, die Zahl der Tiere zu begrenzen.“ Auch in einem Kleinbetrieb könne ein Bauer an sein Limit kommen.

Lesen Sie dazu auch: Tierskandal im Allgäu: Bauern sehen sich an den Pranger gestellt

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Die Diskussion ist geschlossen.

07.09.2019

"Die Unterallgäuer Tierschutzaffäre, in die inzwischen drei große landwirtschaftliche Betriebe involviert sind, beschäftigt weiter die Behörden."
Und zuständig ist immer noch das Unterallgäuer Landratsamt. Ergo kann man davon ausgehen, dass alles bis dato ermittelte verschleppt wird bis zur Unkenntlichkeit und dann Mangels Ergebnissen in ferner Zukunft eingestellt wird. Warum also dieser Aufwand und Wirbel?
Den Mangel an "qualifizierten Mitarbeitern" (Mägden und Knechten) kennt man schon seit Ende des Krieges, wo diese Leute in entsprechend bezahlten Jobs abgewandert sind. Anscheinend hat man das bis heute, fast 75 Jahre später, immer noch nicht realisiert? Aber grenzenloses Gejammere gehört ja anscheinend zum Berufsstand um an entsprechende Unterstützungen zu kommen, leider nicht an adäquates Personal.

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