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70 Jahre Kriegsende

27.04.2015

Tochter wandert Weg ihres Vaters nach - der als US-Pilot flüchtete

Acht Tage lang war Juliann Pendolino zusammen mit ihrem Mann unterwegs. Das Paar wanderte von Zangberg bei Mühldorf am Inn bis nach Tagmersheim – immer auf den Spuren des Vaters.
Bild: Ulrike Eicher

Juliann Pendolino wandert von Oberbayern nach Tagmersheim. Es ist derselbe Weg, den ihr Vater vor 70 Jahren im Krieg zurücklegte. Er war amerikanischer Pilot - und auf der Flucht.

Eine Amerikanerin steht in einem Tagmersheimer Vorgarten und hebt ihren Becher mit Sekt. Sie prostet den anderen zu, den Deutschen, und sagt: „Auf die Freundschaft!“ Die Frau heißt Juliann Pendolino.

April 1945: Ein amerikanischer Soldat auf der Flucht vor den Deutschen

Sie trägt Wanderkleidung und strahlt, war zusammen mit ihrem Mann acht Tage zu Fuß unterwegs und hat soeben ihr Ziel erreicht: Tagmersheim. Damit schließt sich für die Frau aus dem US-Bundesstaat South Dakota, die inzwischen in Baden-Württemberg lebt, ein Kreis – und zwar 70 Jahre nach dem Krieg.

Denn vor genau so langer Zeit stürzte der Vater als Jägerpilot der Amerikaner im Zweiten Weltkrieg mit seinem Flugzeug in der Nähe von Mühldorf am Inn östlich von München ab. Das war am 16. April 1945. Plötzlich befand sich Captain Edward Appel mitten im „Feindesland“ und musste sich vor den deutschen Truppen verstecken. Also lief er los, immer in Richtung Nordwesten, wo er die Front vermutete. Und immer nur nachts, während er sich tagsüber versteckte.

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Er entkam Soldaten, die ihm hinterherschossen, und Zivilisten, die mit der Axt auf ihn losgehen wollten. Er setzte mit gestohlenen Booten über die Isar und später über die Donau, kam an Wolnzach vorbei und Neuburg. 150 Kilometer lief er, bis er am 23. April, nach acht Tagen, Tagmersheim erreichte. Dort hielt er sich weiter versteckt. Nachts klopfte er bei einer Familie und bat um Essen: Die Wimmers nahmen ihn auf, gaben ihm Brot, Wurst und Kaffee. So halfen sie ihm, die Zeit zu überbrücken, bis die amerikanischen Truppen zwei Tage später in Tagmersheim einmarschierten und Captain Appel wieder in ihren Reihen aufnahmen.

Juliann Pendolino: Eine Tochter auf den Spuren ihres Vaters

70 Jahre später hat Juliann Pendolino „eine verrückte Idee“, wie sie über sich selbst sagt. Sie möchte sehen, was der Vater gesehen hat. Nachempfinden, wie er sich gefühlt hat in seinen dunkelsten Stunden. Gemeinsam mit ihrem Mann beschließt sie, die Route abzuschreiten, die auch der Vater gegangen ist.

Am 16. April ist der Start. Das Paar beginnt dort, wo es die Absturzstelle vermutet. Und findet prompt Metall- und Kabelteile auf einem Feld: „Dieser Moment war sehr berührend“, sagt die Tochter später. Pendolino, die als Ingenieurin in den USA tätig war, bevor ihr Mann eine Stelle in Deutschland bekam, glaubt, dass es noch Stücke von der Maschine des Vaters sein könnten. Gleich am ersten Tag trifft sie sich auch mit einem Augenzeugen, der elf war, als er im April 1945 den Absturz eines Kampfflugzeugs beobachtet hat.

Weiter geht es für die Pendolinos in Richtung Nordwesten. Sie wandern tagsüber, während der Vater nachts unterwegs war. Und doch fühlt sich die Tochter ihm sehr nahe. „Was waren seine Gefühle und Gedanken während dieser Tage? Er war bestimmt durchgefroren, müde und hatte Hunger. Bestimmt hatte er auch Angst.“ Viele Gedanken dieser Art schießen ihr durch den Kopf. Vor allem der Anblick der Donau habe sie berührt, sagt sie. Derselbe Fluss, den auch der Vater überqueren musste.

Gemeinde Tagmersheim stellt Kontakt für Amerikanerin her

Wenn möglich, suchen sich die Wanderer mit den schwer beladenen Rucksäcken ihren Weg querfeldein. Nicht immer aber lassen sich Straßen und öffentliche Wege umgehen. Nachts schlafen sie in Hotels und Herbergen. „Diesen Luxus hatte mein Vater natürlich nicht“, sagt die Amerikanerin traurig.

Nach gut 200 Kilometern und acht Tagen erreichen sie Tagmersheim am 23. April. Auf den Tag genau 70 Jahre, nachdem ein amerikanischer Soldat hier Unterschlupf bei einer deutschen Familie fand. Auf den letzten Metern wird Juliann Pendolino nachdenklich. „Ich bin sehr glücklich, dass ich es geschafft habe, das war für mich eine große Sache“, sagt sie. „Aber auch traurig, dass es nun vorbei ist.“

Dabei ist es das noch gar nicht für diesen Tag. Denn eines der schönsten Erlebnisse der Reise steht Juliann Pendolino erst noch bevor: In Tagmersheim warten die beiden Kinder der Anni Wimmer auf das Paar. Jener Frau, die selbst noch ein junges Mädchen war, als der amerikanische Soldat im Hause ihres Vaters Brot, Wurst und Kaffee bekam. Und die auch nach dem Krieg noch eine Weile Briefe mit ihm schrieb. Juliann Pendolino hatte den Kontakt im Vorfeld der Reise über die Gemeinde hergestellt.

Nun umarmen die Deutschen und die Amerikaner sich herzlich und spazieren gemeinsam zum Haus. Es ist renoviert, hat längst ein neues Gesicht und andere Bewohner. Und doch ist es immer noch derselbe Ort, an dem der Vater vor so vielen Jahren nachts geklopft hat – voller Angst, er könne abgewiesen und gemeldet werden.

Nun ist es seine Tochter, die klopft. „Gib mir bitte Brot und Getränke“, sagt sie, als die Tür sich öffnet, und lächelt, mit Tränen in den Augen. Sie darf eintreten und in der Küche Platz nehmen. Später steht das Grüppchen im Garten, die Sonne scheint. Und Juliann Pendolino hebt ihr Glas und sagt: „Auf die Freundschaft!“

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